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Hebammen fehlen

16.03.2019

Ist Geburtsvorbereitung per App eine Lösung?

Gründerin Victoria Engelhardt richtet sich mit ihrer App Keleya speziell an Schwangere.
Bild: Annette Zoepf

Immer mehr Gesundheitsapps richten sich an Frauen. Eine Berliner Gründerin bringt jetzt den ersten digitalen Geburtsvorbereitungskurs auf den Markt.

Frau Engelhardt, am 18. März bringt Keleya den ersten digitalen Geburtsvorbereitungskurs auf den Markt. Warum?

Victoria Engelhardt: Gerade auf dem Land gibt es so viele Frauen, die keinen Zugang zu Geburtsvorbereitungskursen hat. Weil es einfach zu wenige Hebammen gibt. Die Angebote, die es gibt, sind häufig schon ausgebucht. Manchmal ist der nächste Kurs zwei Stunden entfernt. Wir haben Videos und Podcasts, die man auch mal auf dem Weg zur Arbeit hören kann. Es gibt Checklisten, Artikel mit Hintergrundinformationen und Quiz-Formate, damit die werdenden Eltern das Gelernte festigen können.

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Engelhardt: Wir wollen niemals Hebammen ersetzen, das ist mir super wichtig. Das können wir auch gar nicht. Wir wollen eine Lösung schaffen, die zum einen den Frauen Hebammenwissen jederzeit zur Verfügung stellt. Wir können uns auch vorstellen, in Zukunft eine Plattform für Telehebammen zu werden. Geburtshelferinnen könnten darüber Frauen per Videotelefonie beraten, die irgendwo leben, wo gerade keine Hebamme verfügbar ist.

Wie kamen Sie auf die Idee für Keleya?

Engelhardt: Eine sehr gute Freundin von mir ist schwanger geworden, die erste im Freundeskreis. Das ist jetzt etwas mehr als zwei Jahre her. Sie war komplett überfordert: Was darf ich noch essen, darf ich überhaupt noch Sport machen?

Es gibt also viel zu viele Informationen auf dem Markt...

Engelhardt: Ja, was fehlt ist eine wirklich vertrauenswürdige Quelle. Für viele ist das vielleicht die Hebamme. Aber was ist, wenn man keine findet? Also war die Idee: Wir wollen die Plattform sein, die die Schwangere durch die ganzen neun Monate begleitet. Und ihr hilft, sich gut zu fühlen. Wir haben die App mit acht verschiedenen Experten entwickelt. Drei Hebammen, einer Ernährungswissenschaftlerin, einer Stillexpertin und einem Gynäkologen.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Wohin möchten Sie mit Keleya?

Engelhardt: Ich will, dass Frauen eines Tages dank Keleya weniger Frühgeburten und Kaiserschnitte haben. Das ist meine Vision. Wir wollen die App werden für das Thema digitale Gesundheit für Frauen in der Schwangerschaft. Wir sammeln und analysieren momentan die Daten, die wir von unseren Nutzerinnen bekommen. Vielleicht können wir den Frauen irgendwann sagen: Du könntest in dieses Risikocluster fallen, mach doch präventiv schon einmal das. Das Wissen soll dann Schwangeren auf der ganzen Welt zur Verfügung stehen.

Wahrscheinlich gibt es für eine Frau nichts Persönlicheres oder Intimeres als eine Schwangerschaft. Wie geht das mit der Datensammelei zusammen?

Engelhardt: Für uns ist das Thema Datenschutz super wichtig. Wir haben zehn Mitarbeiter, darunter auch einen Datenschutzbeauftragten, der allerdings als externen Dienstleister für uns tätig ist. Wir sammeln die Informationen nicht, um, wie Google, personalisierte Werbung einzuspielen. Sondern, um unsere Diagnosen und Empfehlungen zu verbessern.

Wie verdienen Sie mit der App dann Geld?

Engelhardt: Wir haben ein Freemium-Modell wie viele andere Fitnessapps. Die Frauen bekommen kürzere Workouts und kleinere Rezepte kostenlos. Um auf alle Inhalte und den Schwangerschaftscoach zugreifen zu können, müssen sie bezahlen.

Rund um die Gesundheit von Frauen gibt es immer noch jede Menge Mythen und Tabus. Seit ein paar Jahren gibt es weibliche Gründerinnen, wie Sie, die das mit ihren Produkten – digital und analog – ändern wollen. Wie hat diese Bewegung angefangen?

Engelhardt: Es ging los mit der App Clue vor fünf Jahren, eine Art digitale Menstruations-Kalender. Gründerin Ida Tin hat auch den Begriff Femtech geprägt: Technologien, die sich auf die Gesundheit von Frauen konzentrieren. Gerade in Berlin gab es dann eine ganze Welle von solchen Femtech-Start-Ups.

Kommt das auch in der Gesellschaft an?

Engelhardt: Ich hab schon das Gefühl, dass der Umgang mit dem Thema Menstruation durch Clue viel entspannter geworden sind. Wer hat vor zehn Jahre offen über die Periode geredet? Auch die Wahrnehmung der Investoren hat sich geändert. Die haben inzwischen kapiert, dass das ein großer Markt ist.

Verrückt, wenn man sich überlegt, dass 50 Prozent der Menschen auf diesem Planeten Frauen sind.

Engelhardt: Die Investoren sind ja fast alle Männer. Wenn ich denen den Symptomchecker in unserer App vorstelle und als Beispiel Durchfall nehme – das erleben wahnsinnig viele Frauen in der Schwangerschaft – dann fällt denen die Kinnlade runter. Unglaublich, wie pikiert die immer noch sind.

Ist das ein Aufregerthema?

Engelhardt: Sorry, total, da rede ich mich gleich in Rage.

Nicht einmal jeder fünfte Gründer ist weiblich – einen Aufwärtstrend gibt es nicht. Welche Erfahrungen macht man denn als Frau in einer Investorenrunde?

Engelhardt: Durchmischt würde ich sagen. Es kommt ganz darauf an, auf wen man trifft. Wenn man als Frau mit einer Präsentation über ein Frauenthema kommt, dann nehmen die Investoren einen vielleicht nicht so ernst, wie einen Typen, der sich selbstbewusst auf die Brust trommelt. Ich glaube, dass Frauen nach wie vor einen Riesen-Nachteil haben, wenn sie um Investoren werben. Das belegen auch Statistiken.

Und die positiven Erlebnisse?

Engelhardt: Ich habe letztens das Kompliment bekommen, dass es durchaus anders ist – im positiven Sinne – mit einem weiblich geführten Start-Up zusammen zu arbeiten. Der Investor meinte, dass sie deshalb noch stärker darauf achten wollen, mehr weibliche Gründerinnen in ihr Portfolio aufzunehmen. Ich bin überzeugt, dass sich solche Erfahrungen häufen und das zu einem Umdenken führen wird.

Sie sind 29 Jahre alt, haben an der Universität Mannheim BWL studiert, in einem Start-Up-Inkubator gearbeitet, waren dann anderthalb Jahre bei einer Unternehmensberatung. Vor zwei Jahren haben Sie Keleya gegründet. Sind Sie ein Workaholic?

Engelhardt: Ich habe bei der Unternehmensberatung meinen Preis bezahlt, gesundheitlich. Einen Tag nach meiner Beförderung dort habe ich gekündigt und bin erst einmal auf Weltreise gegangen. Heute arbeite ich maximal 50 Stunden pro Woche.

Sind in der Szene nicht eher so 80 bis 90 Wochenstunden üblich?

Engelhardt: Für viele schon. Manchmal fühle ich mich schlecht und frage mich: Bin ich faul? Ich hab aber das Gefühl, seitdem ich so konzentriert arbeite, bin ich viel produktiver. Ich nehme mir die Zeit, um Yoga zu machen, zu entspannen, abzuschalten.

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