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Kopfschmerzen
14.12.2020

Diese Therapieansätze können gegen Migräne helfen

Migräneattacken bedeuten oft schier unerträgliche Kopfschmerzen, gepaart nicht selten mit anderen Beschwerden. Neben Medikamenten gibt es viele Ansätze, Betroffenen zu helfen.
Foto: Christin Klose, dpa (Symbolbild)

Migräne-Attacken sind bei vielen Menschen so schlimm, dass die Lebensqualität massiv eingeschränkt ist. Ein relativ neuer Ansatz sind Spritzen mit monoklonalen Antikörpern.

„Oft geht es damit los, dass mir Wörter nicht mehr einfallen“, berichtet Mehmet Celik. „Als Nächstes spüre ich meistens ein Stechen im Nacken.“ Wenn der 41-Jährige solche Symptome an sich beobachtet, weiß er, dass es wieder so weit ist: Die nächste Migräneattacke steht bevor. Früher folgten darauf schier unerträgliche Schmerzen. Inzwischen sind die Anfälle aber leichter und seltener geworden. „Das ist ein Stück Lebensqualität.“

Migräne: Überdosis Schmerztabletten kann neue Kopfschmerzen auslösen

Seit seiner Kindheit leidet der Vertriebsleiter an starken Kopfschmerzen, die regelmäßig wiederkehren: Als er acht, neun Jahre war, wurde bei ihm Migräne diagnostiziert. Von den Tabletten, die er einnehmen musste, bekam er schon als Teenager ein Magengeschwür. Nichts konnte ihm längerfristig helfen. „Ich habe nahezu alles ausprobiert, unter anderem Antidepressiva, Physiotherapie und Akupunktur“, erzählt er. Zuletzt kam er auf bis zu 20 Schmerztage pro Monat. Ein schwieriger Balanceakt war für ihn, sich nicht zu oft krankzumelden, aber auch nicht zu viele Schmerztabletten zu nehmen. Der Übergebrauch solcher Mittel kann nämlich zu neuen Kopfschmerzen führen. „Da kann man in einen Teufelskreis geraten.“

Einen großen Fortschritt erzielte Celik mit einer relativ neuen Therapie: Er setzt sich alle paar Wochen Spritzen mit monoklonalen Antikörpern. „Seitdem habe ich nur noch vier bis acht Schmerztage pro Monat“, berichtet er. „Das ist sensationell.“ Vielfach kann er die Anfälle noch abfangen, wenn er die ersten Vorboten bemerkt: „Oft helfen mir dann schon Entspannungsübungen.“ Diese kombiniert er mit seinem persönlichen Spezialrezept: Espresso mit frisch gepresster Zitrone, dazu reichlich Wasser. Außerdem hilft ihm regelmäßiges Joggen. Seitdem er die Migräne besser kontrollieren kann, geht es dem Familienvater auch psychisch besser. „Vorher war ich öfters mal gedämpft. Wenn man an 20 Tagen pro Monat Schmerzen hat, drückt das die Stimmung.“

Migränespritzen: Was sich hinter dem Mittel verbirgt

Sogenannte Migränespritzen sind in Deutschland seit rund zwei Jahren auf dem Markt. Es handelt sich dabei um Medikamente, die den körpereigenen Botenstoff „Calcitonin Gene-Related Peptide“ (CGRP) blockieren. Dass dieses Molekül bei der Entstehung von Migräneattacken eine wesentliche Rolle spielt, ist schon lange bekannt, wie Privatdozent Dr. Charly Gaul, Generalsekretär der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, erklärt. Inzwischen gibt es zwei Präparate, die sich direkt gegen CGRP richten und eines, das den Rezeptor dieses Botenstoffs blockiert.

Mehmet Celik leidet seit seiner Kindheit unter Migräne.
Foto: Celik

Die Mittel sind für Patienten zugelassen, die mindestens vier Migränetage pro Monat haben, und müssen regelmäßig unter die Haut gespritzt werden. „Studien zeigen, dass die Wirkung der monoklonalen Antikörper mindestens ebenso gut ist wie die der bisherigen Migräneprophylaxen“, sagt Gaul. „Im klinischen Alltag hat man den Eindruck, dass sie noch etwas besser wirken, vor allem setzt die Wirkung schneller ein.“ Rund die Hälfte der Migränebetroffenen könnten ihre Attackenzahl mindestens halbieren, einige Betroffene hätten sogar kaum noch Anfälle. Aber es gibt auch Patienten, bei denen diese Mittel überhaupt nicht wirken.

Auch für die Essener Neurologin Dr. Astrid Gendolla, die Celik behandelt, ist klar, dass die neuen Medikamente eine weitere Behandlungsoption, aber keine Allheilmittel sind. „Ob ein Patient darauf anspricht oder nicht, lässt sich nicht vorhersagen“, sagt sie. „Wenn die Mittel aber wirken, dann sind die Erfolge oft sensationell.“

Dr. Gaul zufolge können die Spritzen Patienten helfen, die – wie Mehmet Celik – erfolglos andere Mittel zur Migräneprophylaxe ausprobiert haben. „Diese Medikamente sind gerade für Schwerbetroffene mit frustrierenden Behandlungserfahrungen nochmals eine gute Chance, ihre Migräne zu verbessern.“ Ein Vorteil gegenüber anderen Prophylaxe-Mitteln ist ihre gute Verträglichkeit: „Nur wenige Patienten beenden die Therapie wegen Nebenwirkungen“, sagt der Kopfschmerz-Experte.

Migränespritzen-Therapie kostet mehrere tausend Euro pro Jahr

Auch nach Dr. Gendollas Einschätzung haben die neuen Medikamente vergleichsweise wenig unangenehme Wirkungen. „Es kann zum Beispiel zu allergischen Reaktionen an der Einstichstelle und zu Verstopfung kommen“, sagt sie. Mehmet Celik hat die Spritzen ebenfalls gut vertragen: „Anfangs habe ich unter Schlafproblemen gelitten, aber das hat sich bald gelegt.“ Sich die Injektionen zu setzen, war für ihn kein Problem.

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Foto: dpa/tmn

Ein Nachteil der Therapie ist ihr Preis: Sie kostet mehrere tausend Euro pro Jahr. Die Spritzen können auch nur dann zulasten der Krankenkassen verschrieben werden, wenn andere Medikamente zur Migräneprophylaxe wirkungslos waren oder nicht vertragen wurden. Es gibt nämlich einige andere bewährte Mittel, die Migräneanfällen ebenfalls vorbeugen können. Dazu gehören Präparate, die eigentlich gegen Bluthochdruck, Depressionen, epileptische Anfälle und Schwindel entwickelt wurden. Außerdem kommt für Patienten, die an mindestens 15 Tagen pro Monat Schmerzen haben, Botulinumtoxin A („Botox“) in Frage. Der hochgiftige Stoff, der auch zur Faltenglättung unter die Haut gespritzt wird, blockiert die Übertragung von Nervensignalen in den Muskeln. Bei einigen Patienten senken die Injektionen die Zahl der Schmerztage deutlich – warum, weiß man nicht genau. Anderen helfen sie dagegen wenig oder gar nicht.

Therapieansätze: So kann man schwere Migräne lindern

Neben Medikamenten gibt es viele andere Ansätze, schwere Migräne zu lindern: Sie reichen von Ausdauertraining, Entspannungsverfahren, Schmerzbewältigungstraining, Biofeedback, Akupunktur bis hin zu Physiotherapie. In der Regel ist es nicht ein Medikament oder ein bestimmtes Verfahren allein, das schwerbetroffenen Patienten hilft, sondern eine Kombination aus verschiedenen Ansätzen: Ein „multimodaler Therapieansatz“, den Ärzte, Psychologen und Physiotherapeuten gemeinsam ausarbeiten, zeige gute Effekte, erklärt Gaul. „Durch die neuen Medikamente ändert sich an diesem Ansatz nichts“, sagt er. „Die Antikörper ergänzen die multimodale Therapie um einen weiteren Baustein.“

Auch Mehmet Celik weiß, dass jeder Migräniker andere Erfahrungen macht. „Dem einen hilft die Spritze nicht, dafür aber Akupunktur. Beim nächsten wirkt wieder etwas anderes. Das ist völlig unterschiedlich.“

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