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Gesundheit

02.05.2016

Schlafstörungen, Erkältungen - leuchtet Ihre Stresslampe schon rot?

Die Akten türmen sich auf dem Tisch: Auch bei großem Stress ist es wichtig, innezuhalten.
Bild: Monique Wuestenhagen, dpa

Ständige Rückenschmerzen, wiederkehrende Erkältungen, Schlafstörungen – der Körper signalisiert Gefahren, doch viele Menschen reagieren nicht. Wann Hilfe nötig ist.

Mach es perfekt! Mach es allen recht! Mach es schnell! Sei immer stark! Streng dich an! Wem diese Aufforderungen bekannt vorkommen, der hat vermutlich von Kindesbeinen an ein stressförderndes Verhalten einstudiert.

So erklärt es Elisabeth Schmid, Stressexpertin und Coach aus dem schwäbischen Wertingen. Immer mehr Menschen kommen zu ihr in die Praxis, immer öfter wird sie in Unternehmen gerufen, um den Mitarbeitern zu helfen. In den Betrieben fühlen sich immer mehr Beschäftigte massiv unter Druck gesetzt, beobachtet Erwin Helmer, Sprecher der Betriebsseelsorge in Bayern und Präses der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB). Doch nimmt der Stress zu? Und wann wird er gefährlich?

Herr Helmer, Sie besuchen regelmäßig die Betriebe. Wie stark stehen die Beschäftigten in der Region unter Druck?

Schlafstörungen, Erkältungen - leuchtet Ihre Stresslampe schon rot?

Helmer: Der Druck auf die Beschäftigten in den Betrieben ist stark gestiegen. Die Arbeit verdichtet sich immer mehr. In vielen Bereichen wird ständig umstrukturiert und meist mit dem einen Ziel: billiger zu werden. Das läuft sehr oft auf Kosten der Mitarbeiter, die stets fürchten müssen, nicht mehr gebraucht zu werden. Der Trend geht in eine klare Richtung: Immer weniger Menschen sollen immer mehr Arbeit leisten. Die Angst des Einzelnen, in diesem Prozess nicht mehr mitzukommen, ist nachvollziehbar und groß.

Welche Branchen sind besonders betroffen?

Helmer: Wir beobachten den steigenden Kosten- und Leistungsdruck vor allem in der Industrie, in den Informationstechnologien, aber auch in der Logistik und im Handel.

Wen trifft der Druck am meisten, die Mitarbeiter in der Produktion oder auch die Führungskräfte?

Helmer: Der steigende Druck ist auf allen Ebenen zu spüren. Führungskräfte sind ebenso betroffen wie Mitarbeiter an der Kasse oder in der Produktion.

Frau Schmid, wer kommt zu Ihnen und braucht Hilfe?

Schmid: Ich habe Klienten aus allen Branchen und Bereichen. Vor allem werde ich in Unternehmen gerufen, denn das Thema Stress ist auch bei vielen Arbeitgebern angekommen.

Was ist Stress eigentlich?

Wir sprechen immer von Stress. Was ist das eigentlich?

Schmid: Stress ist etwas ganz Individuelles. Und grundsätzlich etwas Gutes. Denn unser Körper signalisiert uns mit Stresssymptomen, dass er eine Gefahr für unseren Körper oder unsere Seele erkannt hat. Das läuft automatisch ab. Wenn Sie sich etwa verletzen, reagiert der Körper innerhalb von 0,08 Sekunden mit Abwehr und Schmerzempfinden, noch bevor der Geist den Grund erfasst.

Wenn das Gefühl von Stress etwas ganz Individuelles ist, dann heißt das doch, der eine kommt mit Belastungssituationen besser zurecht als der andere.

Schmid: So ist es. Gibt es Konflikte beispielsweise in der Arbeit, sagt sich der eine, Auseinandersetzungen gehören zum Leben, der andere, Sensiblere, fühlt sich davon belastet, kann die Stimmungen kaum aushalten und ist blockiert.

Wie helfen Sie Menschen, die sich gestresst fühlen?

Schmid: Wichtig ist es, erst einmal herauszufinden, wie stark der Stress ist. Wir haben eine Messmethode, die analysiert, ob die Stresslampe des Einzelnen grün, gelb oder schon rot leuchtet. Dafür gibt es einen Fragenkatalog, der nicht nur die Stressbelastung berücksichtigt, sondern auch die Stressbeanspruchung.

Das müssen Sie erklären: Was ist der Unterschied zwischen Belastung und Beanspruchung?

Schmid: Stressbelastung sind die äußeren Rahmenbedingungen wie etwa Lärm, die Fülle der Aufgaben und private Belastungen. Also alles, was von außen auf den Einzelnen einströmt. Die Stressbeanspruchung berücksichtigt das persönliche Stresssystem, also erlernte Verhaltensweisen, Denk- und Bewältigungskompetenzen. Zur Überforderung kommt es erst, wenn die Stressbelastung so stark ist, dass die eigenen Bewältigungsstrategien nicht mehr ausreichen.

Schwierig wird es demnach, wenn zu dem beruflichen Leistungsdruck noch persönliche Probleme kommen.

Schmid: So ist es. Viele Menschen können Stress in der Arbeit gut aushalten, weil sie in der Freizeit, in der Familie komplett abschalten und sich erholen können. Umgekehrt gilt das auch: Wenn die Arbeit als sinnvoll erlebt wird und Freude macht, werden persönliche Belastungen eher ausgehalten. Wenn es aber auf allen Fronten Konflikte gibt, dann leuchtet die Lampe rot.

Welche Signale sendet der gestresste Körper?

Welche körperlichen Signale sind denn ernst zu nehmen?

Schmid: Jeder Körper reagiert anders. Aufhorchen sollten Menschen, die ständig Rücken- oder Kopfschmerzen haben. Sehr oft klagen Stressgeplagte über ihr Magen- oder Darmsystem oder wiederkehrende Infekte. So meldet sich der Körper. Die Seele signalisiert oft mit Aggressivität und Gereiztheit, dass es ihr zu viel ist. Und mental kommen noch oft Schlafstörungen, die Unfähigkeit, sich zu konzentrieren, und Endlosschleifen im Kopf dazu. Wenn alle drei Bereiche Signale aussenden und das nicht drei Tage lang, sondern über Wochen und Monate, dann sollte man handeln.

Und was tun?

Schmid: Zum Arzt und zu einem entsprechend ausgebildeten Coach oder Therapeuten gehen, weil Medikamente vielleicht eine kurzfristige Entlastung, aber keine nachhaltige Verhaltensänderung bewirken.

Was kann ich tun, damit meine Stresslampe erst gar nicht rot leuchtet?

Schmid: Möglichkeiten gibt es viele. Ein erster Schritt sind Minipausen: Gerade, wenn es stressig ist, fünf Minuten Körper, Seele, Geist Erholung gönnen, indem man raus an die Luft geht, gähnt, sich streckt, den Körper ausschüttelt. Wellness am Wochenende nicht nur für den Körper machen, Wellness muss im Kopf stattfinden: Sich bewusst machen, warum ich so gestresst bin, ob es wirklich die Fülle der Aufgaben ist oder der persönliche Perfektionsanspruch. Und Rituale pflegen, die bewusst Ruhe einkehren lassen.

Herr Helmer, Sie setzen sich seit langem für einen freien Sonntag ein.

Helmer: Wenn wir von Stress sprechen, dann ist der arbeitsfreie Sonntag ein ganz wichtiger Anker. Denn wir brauchen in unserer Gesellschaft einen Tag, an dem es ruhiger zugeht, einen Tag zum Entschleunigen. Der Sonntag sollte ein ganz besonderer Tag bleiben, an dem die Menschen gemeinsam etwas unternehmen können und zur Besinnung kommen.

Ein Tag also, an dem man telefonisch mal nicht erreichbar ist?

Helmer: Es gibt ein neues Recht, das „Recht auf Unerreichbarkeit“. Das müssen wir aber erst noch durchsetzen. Denn Menschen sind keine stets verfügbare Masse, sie sind freie und soziale Wesen.

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