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Interview

19.05.2016

Ständig erreichbar: Was tun gegen den "Smartphone-Stress"?

Mit dem Kollegen telefonieren und dabei noch schnell die Eilmeldungen auf dem Smartphone lesen: Im Schnitt nimmt ein Nutzer sein Handy 100 Mal am Tag in die Hand.
Bild: Monique Wüstenhagen, dpa

Die Arbeitswelt wird digitaler. Damit wächst auch die Zahl der Zwänge. Das muss nicht sein, sagt Autor Kai Oppel. Ein Gespräch über ständige Erreichbarkeit und Smartphone-Stress.

Eilmeldungen auf dem Smartphone, E-Mails im Sekundentakt und ein Schrittzähler am Handgelenk: Das Leben wird immer digitaler, die Kommunikation auch im Beruf immer schneller. Der Mensch, sagt Buchautor Kai Oppel, kommt da irgendwann nicht mehr hinterher. „Je mehr wir uns den Möglichkeiten der Technik anpassen, desto mehr überrennt sie uns.“ In seinem Ratgeber Die Knigge-Kur schreibt Oppel darüber, wie man im Berufsalltag die Kontrolle über sein eigenes Tun wieder zurückerlangen könne – ganz im Sinne des Aufklärers und Benimm-Experten Adolph Freiherr Knigge.

Herr Oppel, es ist jetzt 10 Uhr, wie oft haben Sie heute schon auf Ihr Smartphone geschaut?

Kai Oppel: Ich gehe mit schlechtem Beispiel voran: Einmal morgens zum Wecken, dann kam ein paar Minuten später die erste SMS. Da lag ich noch im Bett. Dann beim Kaffeemachen und das vierte Mal, um ein Taxi zu rufen. Alles in allem liege ich aber leicht unter dem Durchschnitt, glaube ich. Denn in der Regel greifen Handybesitzer rund 100 Mal am Tag zu ihrem Smartphone.

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Wie kommt es, dass das Handy das Leben vieler Menschen derart beherrscht?

Oppel: Der Vorteil des Smartphones ist natürlich, dass es so viele Funktionen miteinander vereint. Es ist gleichzeitig Uhr, Kamera oder Musiksammlung. Das hat zur Folge, dass man es automatisch dabei hat und ständig in die Hand nimmt. Das ist erst einmal noch nicht problematisch. Allerdings ist das Handy auch eine Nachrichtenzentrale. Wer viele Programme installiert hat, bekommt ständig Nachrichten, Eilmeldungen oder andere Updates. Das führt dazu, dass man eigentlich nur kurz auf die Uhr schauen wollte und plötzlich von etwas ganz anderem abgelenkt wird.

Was macht das mit dem Nutzer?

Oppel: Wir haben das Gefühl, dass immer irgendetwas passiert, wenn wir nach dem Gerät greifen. Der Körper schüttet dann ein Belohnungs-Hormon aus, egal ob die Benachrichtigung nun sinnvoll war oder nicht. Dadurch wächst der Reflex, immer öfter zu gucken, was sich auf dem Handy getan hat. Das kann aber auch zur Bedrohung werden: Laut Knigge-Report (eine repräsentative Umfrage für den Ratgeber, Anm. d. Red.) fühlt sich jeder fünfte Deutsche durch die Informations- und Kommunikationsflut unter Stress.

Ständige Erreichbarkeit gehört heute aber zum guten Ton, besonders in der Arbeitswelt. Muss man sich also mit dem Stress einfach arrangieren?

Oppel: Nein. Es ist wichtig, Herr über seine Zeit und sich selbst zu sein. Man sollte sich fragen: Wer hat die Kontrolle? Mein Smartphone? Oder bin ich mündig genug, zu entscheiden, bestimmte Dinge nicht zu tun? Viele Menschen haben ihre Mündigkeit aber in jeglicher Hinsicht aufgegeben.

Wie meinen Sie das?

Oppel: Wir optimieren uns ununterbrochen, um im Beruf Erfolg zu haben. Dazu gehören vor allem gutes Benehmen und geschliffene Umgangsformen, die klassischen Knigge-Werte. Gleichzeitig lassen wir uns aber fernsteuern von Terminen, Smartphones und den Erwartungen der anderen. Das ist überhaupt nicht im Sinne von Knigge.

Das müssen Sie erklären.

Oppel: Mit Adolph Freiherr Knigge verbindet man vor allem sein Buch „Über den Umgang mit Menschen“, das heute nur noch als Benimmratgeber interpretiert wird. Knigge war aber auch Aufklärer. Ihm ging es darum, dass die Menschen frei sind und über ihr Tun nachdenken. Konkret heißt das zum Beispiel: Bevor man die millionste E-Mail schreibt, sollte man überlegen, ob darin überhaupt etwas Interessantes steht. Knigge hat gesagt: „Verlasse den Menschen nicht, ohne ihm etwas Wertvolles mit auf den Weg gegeben zu haben.“ Das ist ja das Gegenteil von dem, was heute passiert. Alle schnattern und kommunizieren. Im klassischen Knigge-Sinn hat man versagt, weil die Kommunikation Nonsens ist.

Was ist die Lösung?

Oppel: Man muss bei sich anfangen. Ganz viel Stress machen wir uns selbst. Wir denken: Viel arbeiten ist gut. Finden Sie heute mal jemanden, der sich traut, faul zu sein. Wir halten es ja gar nicht mehr aus, nicht zu kommunizieren, nichts zu machen und nicht effizient zu sein. Ich merke das an mir selbst: Ich spiele mit meinem Kind und denke dabei an meine To-do-Liste. Man ist in einem Hamsterrad.

Wie kommt man da wieder raus?

Oppel: Kommunikationsunruhe kann man relativ einfach beheben. Zum Beispiel, indem man automatische Benachrichtigungen auf dem Handy abstellt. Viele Menschen haben außerdem in ihrem Mailprogramm die Funktion aktiviert, durch die eine neue Mail immer rechts unten in einem kleinen Fenster aufblinkt. Das ist tödlich, denn man wird aus seiner eigentlichen Arbeit herausgerissen. Wir verlernen, uns auf eine Sache zu konzentrieren.

Aber kann es nicht auch zu Problemen führen, wenn man sich aus der digitalen Welt zurücknimmt?

Oppel: Wir denken in vorauseilendem Gehorsam, dass das nicht gut ankommt. Ich bin aber der Meinung, dass es oft gar keine Widerstände geben wird. Die Welt wird sich auch weiterdrehen, wenn man sein Mailprogramm einmal zwei Stunden ausschaltet. Die Qualität des Inhalts nimmt übrigens zu, wenn man nicht sofort auf eine Mail antwortet, sondern erst einmal darüber nachdenkt.

Wie sieht Ihre eigene Knigge-Kur aus?

Oppel: Ich versuche das im Kleinen. Einfach mal das Handy daheim lassen. Wenn man dann nach Hause kommt, stellt man oft fest, dass man viel weniger verpasst hat als gedacht.

Interview: Sarah Schierack

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