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Umwelt

16.05.2018

Wie sich Plastik in Kleidung versteckt

Kerstin Mommsen verzichtet mit ihrer Familie auf Plastik. Das ist nicht so einfach. Denn der Kunststoff verbirgt sich fast überall – auch in Kleidung, die wir auf der Haut tragen.
Bild: Fotografie Trautmann

Viele Hosen, Hemden oder Blusen sind aus Plastik-Fasern gemacht. Beim Waschen werden sie zum Problem für die Umwelt.

Seit Mitte Januar beschäftigen sich nun meine Familie und ich mit der Frage, wie wir auf möglichst viel Plastik verzichten können. Einer meiner Kollegen fragte mich ganz am Anfang, ob ich künftig nur noch in Hanf und Jute gekleidet sein würde: Es war ein Witz, natürlich. Aber seitdem ich mich mit dem Thema beschäftige, muss ich feststellen, dass ein großer Teil des Mikroplastiks, das in unseren Meeren herumschwimmt, von der Kleidung ins Abwasser gelangt. Mir war das vorher gar nicht so bewusst. Doch es ist ein Thema, das uns wohl in Zukunft noch öfter beschäftigen wird.

Ein Großteil unserer Hosen, T-Shirts, Hemden und Pullis ist aus Kunststoff-Fasern wie Polyester, Nylon oder Polyacryl gemacht. Greenpeace geht davon aus, dass 60 Prozent der Kleidung weltweit Polyester enthält. Die billige Kunstfaser ist auf dem Vormarsch. Einer Studie des Umweltbundesamtes (UBA) zufolge stieg die Gesamtproduktion an Chemiefasern weltweit von circa 2,1 Millionen Tonnen im Jahr 1950 auf etwa 49,6 Millionen Tonnen im Jahr 2010 an. Sie stecken in Fleecejacken, Stretch-Hosen, Sportklamotten und in vielen, vielen anderen Kleidungsstücken.

Fasern geben bei jedem Waschen kleine Partikel ab

Das Problem ist, dass diese Fasern, die übrigens auch aus Erdöl gemacht werden, bei jeder Wäsche fusseln, also mikroskopisch feine Plastikpartikel ans Waschwasser abgeben. Zwischen 80 und 400 Tonnen Mikroplastik kommen allein aus deutschen Waschmaschinen, so eine Rechnung des UBA. Als Mikroplastik werden winzige Kunststoffpartikel bezeichnet, die wenige tausendstel Millimeter bis unter fünf Millimeter groß sind. Auch im Bodensee, im Rhein oder in der Donau fanden Forscher bereits Mikroplastik – in nicht geringen Mengen.

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Die kleinen Partikel, die aus den Flüssen in die Meere geschwemmt werden, werden immer mehr zum Problem – selbst in der Arktis haben Forscher des Alfred-Wegener-Instituts Mikroplastik bereits ausgemacht: In einem Liter Meereis steckten teilweise mehr als 12.000 Mikroplastikteilchen.

Beim Blick in unsere Kleiderschränke wurde mir nach diesen Recherchen ganz mulmig. Natürlich haben auch wir Fleecejacken, Synthetik-Jacken, T-Shirts mit Nylon. Wir gehen gerne wandern, fahren viel Fahrrad, dementsprechend viel Kunststoff findet sich in unserer Kleidung. Dass eine kuschelige Fleecejacke bis zu einer Million Fasern pro Waschgang freisetzen kann, war mir noch nicht bewusst. Die Kläranlagen können in der Regel die kleinen Teilchen nicht herausfiltern. Ist dies doch der Fall, bleiben sie am Ende im Klärschlamm, der dann auch wieder in der Natur landet.

Vaude stellt bald einen Pulli aus Holzfasern vor

Für meine beiden Kinder versuche ich, Anziehsachen zu kaufen, die aus Bio-Baumwolle sind, denn beide haben etwas trockene Haut. Aus plastikpolitischer Sicht bin ich damit auf dem richtigen Weg, doch ich muss offen gestehen, dass der Anteil solcher Kleidung bei uns eher nicht so groß ist. Daher kann ich in diesem Serienteil auch nicht wirklich davon berichten, was wir bisher geleistet haben, sondern Ihnen nur erklären, was derzeit in diesem Bereich getan wird.

Der Outdoor-Hersteller Vaude etwa, der in Tettnang sitzt, hat sich schon seit längerem der Nachhaltigkeit verschrieben und wurde dafür schon mit vielen Preisen ausgezeichnet. Nun hat sich das Unternehmen vorgenommen, auch den Kampf gegen Mikroplastik in Outdoor-Kleidung aufzunehmen. In der neuen Herbstkollektion wird es erstmals einen Fleece-Pulli geben, der innen aus Holzfasern statt aus Synthetik gemacht ist. „Auf diese Weise möchten wir auch zur Lösung globaler ökologischer Probleme beitragen“, sagt Antje von Dewitz, Vaude-Geschäftsführerin. Gemeinsam mit Partnern aus Umweltverbänden, Wissenschaft und der Textilindustrie hat Vaude das Forschungsprojekt „TextileMission“ ins Leben gerufen. So sollen Lösungen gefunden werden, um die Belastung der Umwelt durch Mikroplastikpartikel zu reduzieren, die beim Waschen von Kunstfaser-Bekleidung freigesetzt werden.

„TextileMission“ wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Förderschwerpunktes „Plastik in der Umwelt – Quellen, Senken, Lösungsansätze“ mit rund 1,7 Millionen Euro gefördert. Mit an Bord bei dem Projekt sind Adidas, Polartec, der Bundesverband der Deutschen Sportartikel-Industrie, Henkel, Miele, die Hochschule Niederrhein, die TU Dresden und der WWF Deutschland. „Das Ziel ist die Optimierung der Kläranlagentechnologie mit Filtern und die Entwicklung von Textilien, die einen deutlich geringeren Mikropartikelausstoß aufweisen“, erklärt Hilke Patzwall von Vaude. Auch Adidas setzt auf das Thema Nachhaltigkeit und hat einen Schuh entwickelt, der aus Meeresmüll entsteht. Die Modelle „Adidas x Parley“ kosten allerdings zwischen 100 und 200 Euro.

Kerstin Mommsen ist Redakteurin des Südkurier in Konstanz, der wie unsere Zeitung in der Mediengruppe Pressedruck erscheint.

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