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Test

21.06.2018

Urgewalt aus dem Allgäu: Der BMW Alpina D5 S im Test

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14 Bilder
Der schnellste Seriendiesel der Welt: der BMW Alpina D5 S.
Bild: Ulrich Wagner

Der BMW Alpina D5 S ist der schnellste Seriendiesel der Welt. Aber er hat auch seine sanften Seiten. Und eine seiner größten Stärken findet sich ausgerechnet da, wo man sie am wenigsten vermutet.

Wenn ein Mann Erfolg hat, kauft er irgendwann einen 5er BMW. Wenn er außerdem Stil hat, nimmt er keinen von der Stange. Und wenn er Herz auch noch hat, lässt er die Euros in der Region. Der rechte Weg wird ihn also früher oder später nach Buchloe führen.

Dort im Ostallgäu sitzt einer der kleinsten, aber feinsten Autohersteller Deutschlands, die Alpina Burkard Bovensiepen GmbH. Obwohl das Unternehmen seine Wagen auf Basis aktueller BMW-Modelle fertigt, liegt die Betonung auf „Hersteller“. Mit Hinterhof-Tunern, die Spoiler an Autos schrauben und ihnen Chips einpflanzen, haben die Allgäuer nichts am Hut. Sie veredeln die BMWs, bis sie echte Alpinas sind. Was die Manufaktur in Buchloe verlässt, ist exklusiver und individueller als die Masse. Jedenfalls muss das der Anspruch sein.

Keine Sorge, zuallererst kümmern sich auch die Allgäuer um die Leistung. Herz eines jeden Alpina ist der hauseigene, in Buchloe gründlichst modifizierte Motor, im getesteten BMW Alpina D5 S Allrad ein Sechszylinder-Diesel mit 388 PS. Das Aggregat wuchtet 800 Newtonmeter auf die Kurbelwelle. Da kann man froh sein, dass diese Urgewalt auf alle vier Räder übertragen wird. In 4,4 Sekunden fliegt der Wagen auf 100 km/h, die 200 Sachen sind nach 17 Sekunden erreicht; für manchen die kürzesten 17 Sekunden seines Lebens.

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Kann BMW selbst doch genauso, werden eingefleischte München-Fans jetzt sagen. Stimmt. Der Vergleich mit dem BMW M550d xDrive drängt sich förmlich auf. Der Sprintwert von null auf hundert ist bis auf die Zehntelsekunde identisch. Der M-Bruder besitzt 12 PS mehr Leistung, dafür ist er bei 250 km/h abgeregelt, während der Alpina 286 Sachen rennt. Auf dem Papier. Auf der Straße legt er, glaubt man der im Sport-Plus-Modus giftgrün eingefärbten Tachonadel, ein paar Striche drauf, bis sogar – sorry! – die 300-km/h-Schallmauer durchbrochen wird. Die im Morgengrauen leere A96 liegt just vor den Werkstoren in Buchloe. Brembo-Bremsen mit dem Scheibendurchmesser einer Partypizza fangen das Geschoss wieder ein.

Speed ist ok, am meisten fasziniert während der Testfahrt jedoch ein Kriterium, von dem es am wenigsten zu erwarten war: der Spritverbrauch. Der pfeilschnelle, allradgetriebene und hochkomfortable D5 S genehmigt sich neun Liter Diesel und keinen Tropfen mehr. Der Selbstzünder ist mit Partikelfilter, NOx-Speicher sowie SCR-Katalysator mit AdBlue-Einspritzung ausgerüstet. Er erfüllt die Abgasnorm Euro 6c. Effizienz war schon immer eine Alpina-Domäne. Die realen Verbrauchs- und Emissionswerte dürften ihresgleichen suchen.

Samtweich und vibrationsfrei laufender Sechszylinder

Alpina selbst übrigens misst sich weniger an den in Freundschaft verbundenen Mitbewerbern aus dem BMW-Konzern, sondern nimmt lieber Rivalen wie AMG, Maserati oder Bentley ins Visier. Tatsächlich könnten sich BMW M- und Alpina-Modelle in der Charakteristik kaum klarer voneinander differenzieren: Der Oberbayer ist der Playboy, der Allgäuer der Gentleman. Der eine beherrscht den Stammtisch, der andere die Langstrecke. Während die M-Boliden mitunter auf Krawall gebürstet sind, zeigen die Alpinas durchaus ihre sanften Seiten.

Den samtweich und vollkommen vibrationsfrei laufenden Sechszylinder im D5 S hört man nur, wenn man ihn hören muss. Das Fahrwerk bietet eine breite Spreizung, gerade in Richtung Komfort. Das Gaspedal überträt die Befehle linear, das heißt, der Vortrieb kommt exakt dosiert in dem Maße, wie es dem Steuermann beliebt. Spätestens im Stop-and-Go-Verkehr sind die Insassen dankbar, dass der Sportwagen nicht bei jeder noch so winzigen Pedal-Berührung gleich einen Satz macht, sondern hübsch kontrollierbar bleibt.

Die im Sportwagensegment vielzitierte „Direktheit“ und „Aggressivität“ hat der Alpina nicht nötig. Weder bringt er seinen Fahrer in die Bredoullie, wenn der einmal etwas hektischer gegenlenkt, noch hetzt er ihn mit einem zu nervös schaltenden Automatikgetriebe. Der Achtgang-Wandler ist Alpina-spezifisch abgestimmt. Er nutzt die Stärke(n) des Motors optimal aus. Das permanent zweistufig arbeitende Aufladesystem mit drei Abgas-Turboladern leugnet erfolgreich die Existenz jedes Turbolochs. Da das Maximaldrehmoment bereits bei 1750 Touren anliegt, kann die Automatik angenehm früh in den nächsthöheren Gang wechseln. Wieso die von Alpina verbauten, recht schwergängigen Knöpfe hinten am Lenkrad besser manuell schalten sollen als Padels oder Wippen, weiß wohl nur der Hersteller. Aber ein bisschen Allgäuer Eigensinn darf ja sein.

Wellness-Atmosphäre im Interieur

Aber warum überhaupt selbst Hand anlegen? Dieser Bomber (laut Alpina der „schnellste Seriendiesel der Welt“) kann schließlich nicht nur aktive Attacke, sondern versteht sich fast noch besser aufs tiefenentspannte Gleiten. Der mit speziellem Alpina-Leder ausgeschlagene Innenraum mit den komfortablen Sitzen und dem supergeschmeidig anzufassenden Lenkrad erzeugt Wellness-Atmosphäre. In der Mittelkonsole trägt jeder Alpina ein Metall-Typenschild mit Produktionsnummer. An den Türen finden sich blau illuminierte „Alpina“-Einstiegsleisten. Das Firmenlogo ist nahezu omnipräsent.

Äußerlich lassen der brettlbreite „Alpina“-Schriftzug am Schweller, die vier elliptischen Endrohre und die typischen geschmiedeten Speichenräder keinen Zweifel daran, wen man da vor sich hat. Ob es die optionalen Sportstreifen sein müssen, ist Geschmackssache. Nicht jeder steht auf 80er-Jahre Retro-Schick. Wer das Original original will, wählt zudem eine der von Gründer Burkard Bovensiepen persönlich geschaffenen Hausfarben, grün- oder blaumetallic.

Entgegen des Trends im Sportwagensegment stellt einen die am Heck angeschlagene Modellbezeichnung nicht vor größere Rätsel. Alpina steht für Alpina, D für Diesel, 5 für BMW Fünfer-Baureihe und S für saug... pardon, für Sportdiesel. Die Preise beginnen bei 87.900 Euro für die Limousine und bei 90.400 Euro für den Touring. BMW nimmt für den M550d xDrive ein paar hundert Euro weniger. Das dürfte am Ende kaum den Ausschlag geben. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal ist zugleich das einfachste: Der eine ist ein Alpina, der andere nicht.

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