Teenies im Schönheitswahn: Mit diesen Tipps stärken Eltern das Selbstbewusstsein
Proteinshakes, Diäten, verbotene Lebensmittel – der Ernährungshype trifft Teenies schwer. Welche Strategien ihnen wirklich helfen, sich selbst zu akzeptieren.
Bye-bye, Body Positivity! Sich selbst und den eigenen Körper völlig ungeachtet seiner Größe, zu lieben, lag zuletzt noch im Trend. Doch, hat sich mit der Zeit der Gegentrend eingeschlichen. Influencer und Stars, wenn auch früher noch für ihre Kurven gefeiert, machen klar: Jetzt ist wieder schön(er), wer dünn(er) ist. Der Weg in ein gestörtes Essverhalten und Körperbild nimmt bei Heranwachsenden durch die Algorithmen der sozialen Netzwerke nun einmal mehr eine Abkürzung. Eine Psychologin erklärt darum, wie man Kinder vor dem Hype schützen kann, sich dem neuen alten Körperkult hinzugeben.
Im Fokus
Dieser Beitrag ist Teil unseres exklusiven PLUS+ Schwerpunkts „Familien“. Sechs Wochen lang schauen wir jeden Montag auf das Leben mit Jugendlichen: auf Erziehung, Konflikte und die Frage, was Familien in dieser Phase wirklich stärkt.
Dass die Zahl von essgestörten Jugendlichen in der jüngsten Vergangenheit zugenommen hat, bestätigt Dr. Karin Lachenmeir. Sie arbeitet als Psychologische Psychotherapeutin im Münchner Klinikum Dritter Orden und leitet dort das Therapie-Centrum für Essstörungen. In ihrer klinischen Tätigkeit beschäftigt sie sich schwerpunktmäßig mit der Behandlung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die an einer klassischen Essstörung leiden, und engagiert sich im Bereich der Angehörigenarbeit und der Prävention.
Der Vergleich mit anderen, insbesondere durch soziale Medien, belastet viele Jugendliche.Foto: Zabi Jose/ sketchify; Bildmontage: Nadine Ballweg
Wieso wieder mehr Jugendliche nach einem dünnen Körper streben, lasse sich nicht pauschal beantworten. Immerhin sind Essstörungen trend-unabhängig komplexe Erkrankungen mit einem multifaktoriellen Hintergrund. So sei neben gesellschaftlichen und psychologischen Einflüssen auch die Genetik nicht zu unterschätzen.
Warnsignale für gestörtes Essverhalten
Ab wann eine Person an einer Essstörung leidet, ist laut der Expertin nicht klar zu definieren. Sie bezeichnet die Erkrankung als ein Mosaik. Je mehr Steinchen Eltern an ihren Kindern auffallen, desto lauter sollten die Alarmglocken läuten.
Starke Selektion der Lebensmittel
Drastische Reduktion der Nahrungsmenge und Auslassen von Mahlzeiten
Sozialer Rückzug, besonders wenn bei Verabredungen gegessen wird
Gewicht und Figur werden regelmäßiges Thema, verbunden mit Unzufriedenheit und Selbstabwertung
Ständiges Wiegen
Stimmungsschwankungen
Sichtbare Gewichtsabnahme
Fallen Eltern Warnsignale einer möglichen Essstörung auf, rät die Expertin, das zunächst nicht zu bagatellisieren. Stattdessen empfiehlt sie, die Gründe für das Verhalten zu erfahren. Mit diesen Tipps lässt sich das Selbstwertgefühl von Teenagern abseits des Körperbilds stärken:
Tipp 1: Anerkennung für das Wesen, nicht für den Körper
„Gerade Mädchen bekommen oft zu hören, wie hübsch sie sind und wie reizend und wie bezaubernd sie aussehen“, sagt Lachenmeir. Doch so nett es auch gemeint sein mag: „Selbst mit diesen positiven Lobeshymnen verstärken wir den Gedanken, dass das Äußere das Objekt der Bewertung ist: Es ist wichtig, wie ich aussehe. Das wird bemerkt.“ Dabei wäre laut der Psychologin wichtiger, Dinge wertzuschätzen, die unabhängig vom Körper sind.
Wie mutig ist das Kind?
Stark, dass du dich das getraut hast!
Toll, wie neugierig du bist!
Schön, dass du neue Dinge wissen willst!
Toll, dass du teilst.
„Dabei ist wichtig, sich nicht nur an Erfolg und Ergebnissen zu orientieren, also auch nicht nur zu loben, wenn etwas toll ist, sondern ganz besonders dem Kind das Gefühl zu vermitteln: Du bist wichtig, du wirst geliebt, du gehörst dazu“, sagt die Psychologin – selbst, wenn etwas schiefgeht.
Bewertet ein Teenager dagegen den eigenen Körper, hilft nicht zu sagen, man sei etwa trotz oder gerade wegen dieser und jener Eigenschaft schön. Andernfalls verknüpfe oder entkoppele man die eine oder andere Eigenschaft mit Schönheit. „Stattdessen sollte man zeigen, dass man ernstes Interesse an diesen Gedanken hat – und woher sie kommen.“
Tipp 2: Auch Eltern müssen sich mit ihrem Körperbild konfrontieren
Der zunehmende Hype nach abnehmenden Körpern ist alt. Mit „Skinny-Tok“, angelehnt an superschlanke Körper, die unter dem gleichnamigen Hashtag auf TikTok über die Bildschirme flimmern, hat er einen neuen, zeitgeistigen Namen. Das Gefühl dahinter ist altbekannt: Cellulite-„Skandal“-Bilder auf Klatsch-Magazinen. Heroin-Chic auf dem Laufsteg. Eine normschöne Britney Spears, die für einen Mini-Ansatz am Unterbauch nach einer Geburt geächtet wurde: Seit Jahrzehnten verdienen Industrien Geld mit der Scham vor dem eigenen Körper.
Sich nach dem Duschen einzucremen, Sport zu machen, weil es sich gut anfühlt – Eltern können Kindern auf verschiedene Weise einen respektvollen Umgang mit dem eigenen Körper vorleben.Foto: Basierend auf Grafiken von deemakdaksina und tokunana, farblich angepasst via canva.com; Bildmontage: Nadine Ballweg
„Wir alle leben seit Jahrzehnten in einer Schlankheitskultur. „Die meisten von uns tragen dieses Programm in sich. Man muss gar keine Essstörung gehabt haben, um das verinnerlicht zu haben“, sagt Lachenmeir. „Aber auch, wer negativ über seinen Körper spricht, lebt Kindern vor, ihn zu bewerten und das Aussehen an den Selbstwert zu koppeln“, sagt Lachenmeir.
Gerade deshalb sei es aber wichtig, nicht das Äußere zum Objekt von Bewertung zu machen.
„Um diese Botschaft zu vermitteln, ist wiederum auch wichtig, dass Eltern das vorleben und sich nicht etwa ständig selbst abwerten, auch wenn wir alle so geprägt wurden.“ Natürlich rutsche einem schnell mal heraus, dass man zugenommen hat oder man mal wieder eine Diät machen könnte. Stattdessen empfiehlt Lachenmeir allerdings, wohlwollend über den eigenen Körper zu sprechen – und das nicht an „Schönheit“ zu knüpfen. Eltern, die ihren eigenen Körper schätzen, respektvoll behandeln und den Fokus darauf legen, was er ermöglicht, wie er sich anfühlt und den Fokus weg von Äußerlichkeiten legen, leben Jugendlichen ebendiesen Umgang vor. „Dabei geht es auch darum, wie viel Schlaf man seinem Körper gibt, Tanzen geht, weil es Spaß macht, sich zu bewegen, oder sich nach der Dusche einzucremen, weil es sich gut anfühlt.“
Tipp 3: Essen nicht emotionalisieren
Gesunde Ernährung ist zum Social Media-Trend geworden. Wenn der Teenager plötzlich enormen Wert auf Makronährstoffe (Protein, Kohlenhydrate, Fett) legt und entsprechende Zu- und Ersatzprodukte nutzen möchte, lohnt sich ein offenes Gespräch – über den Wunsch und die Mechanismen hinter diesen Trends. „Dahinter stehen immer Menschen mit handfesten wirtschaftlichen Interessen. Deshalb wird auch ständig was Neues erfunden“, sagt Lachenmeir. Viele dieser Produkte stammen aus dem Grundgedanken, sich gesünder ernähren zu wollen und Fett zu verlieren. „Jetzt gerade liegt der Fokus vermehrt auf Eiweiß.“
Influencer schwören etwa derzeit auf Proteinshakes zum Frühstück, um sich etwa das Eis am Abend „problemlos erlauben“ zu dürfen. Diese Emotionalisierung und Kategorisierung von Lebensmitteln sieht die Psychologin kritisch. „Zunächst sind alle Lebensmittel, die es gibt, auch ‚erlaubt‘“, betont sie. „Der Gedanke, dass Lebensmittel als verboten deklariert werden, die man nicht essen darf, weil sie dick machen und ungesund sind, zieht sich gerade bei Anorexie-Patientinnen und -patienten, aber auch bei jenen mit Bulimie oder auch mit Binge-Eating-Störungen schon seit Jahren durch.“
Bei Anorexie und Bulimie liegt laut Lachenmeir das Verhältnis etwa bei 10:1 zwischen weiblichen und männlichen Personen in Behandlung. Betrachtet man die Essstörungen insgesamt (also auch Binge-Eating-Störung oder nicht näher bezeichnete oder Mischformen von Essstörungen), liege das Verhältnis eher bei 3:1. Männer, sagt die Psychologin, finden deutlich seltener als Frauen den Weg in eine störungsspezifische Behandlung. Noch immer gebe es hier viele Hürden und Stigmatisierungserfahrungen.
Verboten? Gibt's nicht! Eine gemeinsame und positive Esskultur kann verhindern, dass Essen zum emotionalen Thema wird.Foto: Basierend auf einer Grafik von tokunana, farblich angepasst via canva.com; Bildmontage: Nadine Ballweg
Eine gesunde und positive Esskultur innerhalb der Familie kann entgegenwirken:
Eltern bestimmen die Auswahl der angebotenen Nahrungsmittel
Bestenfalls sind verschiedene Komponenten Teil des Angebots. Auch neue Lebensmittel sollten probiert/ angeboten werden
Kinder bestimmen, was und wie viel davon sie essen möchten – und was nicht!
die gewählte Menge sollte nicht kommentiert werden
Tipp 4: Echte Menschen ins Gedächtnis rufen
Der ungefilterte Vergleich mit anderen, in der gesellschaftlichen Wahrnehmung perfekten Körpern, erfolgt im Internet schier ununterbrochen. Eltern rät Lachenmeir daher, das Scrolling-Verhalten von Teenagern im Zweifel zu begleiten. „Man könnte sich gemeinsam ansehen, was und wen Jugendliche sich auf Social Media anschauen“, sagt die Expertin, „und nachfragen, wie sie sich damit fühlen“.
Lösen Influencer bei Jugendlichen neue Unsicherheiten aus, rät die Expertin außerdem, das Feed dem echten Leben anzupassen und Menschen zu folgen, die aussehen wie jene, die man auf der Straße trifft oder im Spiegel sieht. „Es gibt viele Accounts, wo jemand, der nicht dem superschlanken Ideal entspricht, ein positives Körperbild vermittelt. Vielleicht findet man gemeinsam jemanden, der sich vor allem durch Freude am Leben auszeichnet.“
Tipp 5: Die Not hinter dem Verhalten verstehen
Ein gestörtes Essverhalten ist in den meisten Fällen ein Signal, dass sich Jugendliche in Not befinden. Daher, betont die Psychologin, ist es enorm wichtig, diese zu erkennen und ernst zu nehmen. „Kinder und Jugendliche, die sich nicht wohlfühlen, drücken ihre Sorgen und Nöte oft in solchem Verhalten aus.“ Wenn Eltern den Kindern vermitteln, dass sie für sie da sind, zuhören und sie ernst nehmen, könne so die Beziehung zu Essen und dem eigenen Körper gerettet werden, bevor sich eine handfeste Störung entwickelt.
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