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Lebensmittel
02.05.2022

Wie wird man unabhängiger vom Supermarkt?

Alternativen zum klassischen Supermarkteinkauf werden immer beliebter. Bei vielen Verbrauchern hat sich das Bewusstsein für Lebensmittel verändert.
Foto: Silvia Marks, dpa

Steigende Preise, Lieferengpässe und der Wunsch nach regionalen Produkten: Alternativen zum klassischen Supermarkteinkauf sind gefragt. Welche Möglichkeiten gibt es?

Kräuter und Tomaten wachsen auf dem Fensterbrett oder Balkon. Im Garten ist vielleicht sogar Platz für Salat, Erdbeeren und einen Apfelbaum. Doch satt werden oder gar davon leben lässt es sich nicht. Und nicht jeder hat Zeit, Lust oder überhaupt Platz, sich mit Gemüse und Obst selbst zu versorgen.

Dennoch haben viele den Wunsch, sich mehr mit den eigenen Lebensmitteln auseinanderzusetzen. Regionale Herkunft und Nachhaltigkeit spielen beim Einkauf eine immer wichtigere Rolle. Auch steigende Lebensmittelpreise und Lieferengpässe bringen den ein oder anderen dazu, sich nach Möglichkeiten abseits vom klassischen Einkauf im Supermarkt umzuschauen. Welche Alternativen gibt es also? Wie findet man zwischen Hofläden, Gemüsekisten und Mietäckern ein Konzept, das zu den eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen passt?

Supermarkt-Alternative: Einkaufen beim Erzeuger oder selbst anbauen

Selbst aktiv werden und Obst und Gemüse vom Samen bis zur Ernte begleiten – oder eben direkt beim Erzeuger einkaufen. Das sind die zwei grundlegenden Möglichkeiten, die es gibt, erklärt die Agrarökonomin Dr. Sophia Goßner von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft. Für den Einkauf direkt beim Erzeuger kommen Hofläden, Automaten oder Verkaufsstellen mit Vertrauenskassen infrage, sagt sie. Das Portal Regionales Bayern hilft dabei, Direktvermarkter und Produkte in der Nähe zu finden. Eine andere Option sind Abonnement-Kisten: Landwirte oder auch andere Anbieter liefern regionales Obst, Gemüse und andere Produkte in Bioqualität wöchentlich nach Hause. Für ein bis zwei Personen kostet eine Kiste durchschnittlich 20 Euro.

Was die Agrarökonomin Goßner allerdings beobachtet: Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher haben den Wunsch, über den einfachen Einkauf hinaus involviert zu sein. "Viele wollen am Ursprung sein und selber erfahren, wie die Lebensmittel produziert werden", sagt sie. Dementsprechend gibt es mittlerweile einige "partnerschaftliche Vermarktungsformen", bei denen man selbst aktiv werden kann. Das sind "Foodcoops" wie die Solidarische Landwirtschaft, Mietäcker und Gemüseparzellen, Lebensmittelpatenschaften oder auch Selbstpflückanlagen. Wie funktionieren diese Modelle?

Für Menschen mit Zeit und Lust zu gärtnern: Mietäcker und Gemüseparzellen

Mietäcker oder Gemüseparzellen bieten die Möglichkeit, einen eigenen Gemüsegarten auf Zeit zu haben. Eine Saison lang kann man ein Stück Acker mieten und ihn selbst bewirtschaften. Bei vielen Anbietern ist der Acker bereits mit Samen oder Jungpflanzen vorbereitet und die Gartengeräte sind im Preis inbegriffen. Unkraut Jäten, das Beet pflegen und Ernten muss man selber.

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Braucht man dafür nicht Vorkenntnisse? Der Gemüsebauer David von Dohlen, der Parzellen in Augsburg-Bärenkeller und Göggingen vermietet, sagt: "Man kann auch ohne jegliche Vorerfahrung mitmachen. Eine Beratung ist regelmäßig vor Ort und wir stellen einen Haufen Infos zur Verfügung." Laut von Dohlen sollte man jedoch wenigstens einmal pro Woche für seinen Acker Zeit finden und mindestens drei Stunden Zeit einplanen. Der Saisonbeitrag für eine 60 Quadratmeter große Parzelle, die ein bis zwei Personen versorgt, liegt bei 200 Euro.

Live dabei sein, aber ohne ins Beet zu steigen, kann man bei Lebensmittel-Patenschaften, auch Food-Funding genannt. Sophia Goßner erklärt: "Das gibt es für unterschiedlichste Dinge, zum Beispiel für Weinreben oder auch für Rinder." Sie sagt: "Für einen bestimmten Betrag oder eine gewisse Zeit lang ist man Pate. Im Gegenzug wird man eingebunden und kann von verschiedene Angeboten profitieren. Das sind die Milch oder der Wein, aber auch Führungen, Berichte oder Fotos, wie etwa, ob neue Kälbchen geboren wurden."

Foodcoop bedeutet auf Deutsch so viel wie Lebensmittel-Kooperation. "Bei Foodcoops tun sich Gruppen an Verbrauchern zusammen, die gemeinschaftlich von lokalen Produzenten Produkte beziehen", sagt Goßner. Weil der Zwischenhandel damit ausgeschaltet wird, sei das preislich sowohl für den Landwirt als auch für die Mitglieder attraktiv. Solche Kooperationsgemeinschaften, wie etwa das Modell der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi), sind nicht neu, aber in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden. Laut dem Netzwerk Solidarische Landwirtschaft gibt es aktuell 398 Solawis in Deutschland – und 91 sind in Gründung.

Solidarische Landwirtschaft: Eine Gemeinschaft im und am Gemüsebeet

Jana Linzenkirchner hat die Solawi Augsburg vor acht Jahren gegründet und dafür in Augsburg-Lechhausen eine Gärtnerei gepachtet. Sie erklärt, wie das Konzept funktioniert: "Die Mitglieder zahlen für die Bewirtschaftung der Äcker und die Verwaltung im Voraus." Bei der Solawi Augsburg sind das 53 Euro pro Monat. Dafür erhalten sie wöchentlich die Ernte. Die Landwirte, die teilnehmen, und sie als Pächterin der Gärtnerei haben damit eine Abnahmegarantie für den Ertrag und wirtschaftliche Sicherheit, unabhängig von der Witterung.

Jana Linzenkirchner (links) hat die Solawi Augsburg 2014 ins Leben gerufen. Rund 280 Ernteeinheiten gehen wöchentlich an die Mitglieder.
Foto: Michael Hochgemuth (Archivbild)

Die Mitglieder haben wiederum Mitspracherecht, was angepflanzt wird. Und sie können sich einbringen: "Im Packteam, beim Sähen, Pflanzen oder beim Ausfahren der Ernte", sagt Linzenkirchner. Bei verschiedenen Sammelpunkten holt man wöchentlich die Ernte ab. Laut Linzenkirchner gebe es dennoch keinen Zwang, sich einzubringen. Aber sie ruft regelmäßig dazu auf. "Die Solawi lebt von der "Mitmach-Struktur"", sagt sie. Und was die Solawi-Ernte anbelangt: "Das Gemüse ist regional, frisch, stammt aus ökologischem Anbau. Kaum etwas wird weggeschmissen. Und wir verarbeiten auch krummes Gemüse."

Für wen eignet sich welche Alternative zum Supermarkt?

Doch wer macht mit und für wen eignen sich solche alternativen landwirtschaftlichen Konzepte überhaupt? Sowohl die Agrarökonomin Goßner als auch die beiden Landwirte Linzenkirchner und von Dohlen beobachten, dass die Mitmachenden bunt gemischt sind: Familien mit Kindern, WGs, Studierende, Singles, Senioren. Jana Linzenkirchner sagt: "Auch viele junge Leute, die Teil der Klima-Bewegung oder sich für Low-Waste interessieren, sind dabei." Vom Wunsch zur Selbstversorgung bis hin zur Freizeitbeschäftigung sieht auch David von Dohlen bei seinen Mietäckern ganz unterschiedliche Beweggründe.

Was Solawis, Gemüsekisten oder Mietäcker gemeinsam haben: "Man muss flexibel beim Kochen sein", sagt Jana Linzenkirchner. Denn es muss verarbeitet werden, was saisonal an Obst und Gemüse wächst.

Sophia Goßner überzeugt, dass es für jeden Anspruch eine Alternative zum klassischen Einkauf gibt. "Möchte ich mich stark einbringen? Dann sind Mietacker oder Solawi etwas. Will ich Produkte aus der Region und möglichst wenig zu tun haben? Dann kommt eine Abo-Gemüsekiste infrage." Sie empfiehlt, "offene Augen und Ohren" zu haben und zu schauen, welche Angebote es in der Region gibt.

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