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Wandern

11.06.2019

Auf Korsika ist noch Platz für Träume

Alte Steinhütten erzählen vom kargen Leben auf Korsika.
Bild: Jana Tallevi

Bergwandern zwischen Macchia und Mittelmeer ist anders. Nicht nur wegen des Entspannens am weißen Strand

Dieser Ausblick entschädigt für den nicht ganz unkomplizierten Aufstieg: Auf der einen Seite steigt ein Zweitausender auf, Felsen, Pinien und zartblühende Macchiagewächse wechseln sich dort ab. Auf der anderen Seite sieht man ein mediterranes Bergdorf mit alter Kirche und dahinter eine zerklüftete Bucht mit Fernsicht über den Golf von Calvi im Nordwesten von Korsika. Der Weg ist ein Traum für Bergwanderer, aber: Nicht umsonst ist der bekannteste Weitwanderweg der Insel, der GR 20, erst ab Ende Mai oder im Juni begehbar. Manchmal schneit es bis dahin auf den Bergen, die mitten im Mittelmeer bis auf über 3000 Meter aufragen. Aber es muss ja nicht immer der GR 20 sein. Wer den nämlich zwischen Calenzana und Conca gehen will, sollte schon 14 Tage für die 180 Kilometer einplanen.

Und genügend Proviant mitnehmen: Gerade nach dem trockenen Sommer 2018 hat es auf den Bergrücken immer wieder gebrannt, nicht nur der Weg ist teilweise nur noch schwer zu erkennen, auch Schutzhütten sind betroffen. So kann es auch auf Tages- oder Halbtagestouren ratsam sein, mit einem Guide unterwegs zu sein. „Nicht auf jedem Weg muss geklettert werden, aber manchmal ist der Weg nicht so einfach zu finden“, sagt Wolfgang Auer. Seit fast zehn Jahren kann man mit dem Österreicher in die korsische Bergwelt steigen. Und die lohnt sich: So einen Blick können die Alpen nicht bieten.

Ein Geheimtipp in Vor- und Nachsaison

Noch immer ist Korsika in der Vor- und Nachsaison so etwas wie ein Geheimtipp. Tourismus im ganz großen Stil, der hat sich auf der Insel nämlich nicht durchgesetzt. Zwar sind die Strände im Juli und im August voll. Doch im Mai, Juni und auch im recht wettersicheren Spätsommer bis in den Oktober hinein kann es schon mal einsam werden. Gerade junge Familien und ältere Urlauber schätzen das. Wer nicht gerne wandert, der findet passende Wege fürs Rad, je nach Straßenqualität für das Mountainbike genauso wie fürs Rennrad oder auch fürs Motorrad.

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Wo man in der Hauptsaison weiterhin vor allem Franzosen trifft, sind es sonst besonders viele Österreicher und Schweizer. So sei das eben, wenn man den korsischen Virus habe, sagt Hubert Wilhelm aus Innsbruck. „Der ist unheilbar.“ Seit 50 Jahren fährt er auf die Insel, hat schon mal eine sommerliche Motorradtour durch die Berge abbrechen müssen wegen zu viel Schnee und ist doch immer wiedergekommen. „Die Insel ist einfach mein Jugendtraum“, sagt er. Es gibt auch jene, die überhaupt nicht mehr wegfahren, sondern einfach geblieben sind. Einer von ihnen ist Robert Kran, ein Elsässer. Seit über 40 Jahren lebt der ehemalige Kaufmann und Handelsvertreter in dem winzig kleinen Ort Avapessa. Vor Jahrzehnten hat er dort einen alten Olivenhain gekauft und auf drei Hektar Land einen ganz besonderen botanischen Garten angelegt. Hier können sich Obstbäume und Früchte aus allen passenden Klimazonen der Welt frei entwickeln. Robert Kran sammelt alte, fast vergessene Sorten und experimentiert mit ihnen. Jeden Tag führt er Interessierte durch seinen Garten, zu den 55 Sorten Feigen- und 40 Sorten Kakipflanzen – und weiß zu jedem Baum eine Geschichte zu erzählen. „Mein Kindertraum war ein eigener Wald. Jetzt ist es halt ein etwas besonderer Wald geworden“, erklärt er.

Einen ganz anderen Traum hat sich Jean-Christophe Savelli verwirklicht. Der Mittfünfziger ist eigentlich Banker. Weil er aber die Tochter eines Ziegenhalters geheiratet hat, hängte er den Bürojob an den Nagel. Seit 20 Jahren ist er jetzt für eine Herde von 350 Ziegen zuständig, melkt und schöpft Käse. Mit Erfolg: Sein Frischkäse, der typisch korsische Brocciu, ist eine viel geschätzte Spezialität, auch in Feinschmeckerrestaurants in Marseille auf dem französischen Festland. Wer nach Korsika fährt, findet den Frischkäse auch auf den Wochenmärkten.

Zwischen Fremdenlegion und VW-Bus-Pionieren

Die größte Stadt an der Nordwestküste der Insel ist Calvi. Schön herausgeputzt ist sie, eine aufgeräumte Uferpromenade entlang des Sporthafens eignet sich gut für einen kleinen Spaziergang, die schönen Restaurants zum Verweilen mit Blick auf die Boote. Auch entlang des Strands gibt es Restaurants direkt auf dem Sand – ein tolles Erlebnis.

Ein paar Treppen steigen muss, wer zum ehemaligen Wachturm der Stadt hinauf will, einem sogenannten Genueserturm. Im Gegensatz zu vielen anderen korsischen Regionen war Calvi eine der Städte, die während der langen Herrschaft der Stadt Genua über die Insel bis Mitte des 18. Jahrhunderts treu zu den Italienern gehalten haben. Heute ist ein Teil der Festungsanlage von Fallschirmspringern der Fremdenlegion belegt, im Sommer sieht man sie sogar immer wieder beim Trainieren über dem Golf von Calvi. Und dass sie zum Einsatz kommen, wenn auch meist geheim, davon zeugen die Namen auf dem Kriegerdenkmal aus den vergangenen Jahren. Doch auch heute träumen in der Fremdenlegion immer noch Männer von einem neuen Leben. Nach fünf Jahren Dienst erhalten sie einen französischen Pass.

Doch es muss ja nicht immer der ganz große Lebenstraum sein – für eine Reise reicht es auch eine Nummer kleiner. Vor 60 Jahren hatten zwei Volksschullehrer aus Vorarlberg, Helmo von Doderer und Kurt Müller, Werbung für eine Fahrt mit VW-Bussen ins damals touristisch noch kaum erschlossene Korsika gemacht. Viele Österreicher fuhren mit, zelteten die zwei Monate langen Sommerferien über in der Pineta von Calvi – und wollten immer wieder kommen. Ein paar Jahre lang sahen die Korsen zu, dann wollten sie am Tourismus teilhaben. Sie verpachteten den Österreichern ein Stück Macchia. Die gaben die Zelte immer weiter auf und bauten in den folgenden Jahren feste Hütten. Den damaligen Club Alpin des Autrichiens gibt es immer noch und aus der Initiative der beiden Lehrer ist ein Reiseveranstalter hervorgegangen, Rhomberg, nach eigenen Angaben heute der führende Gastgeber auf der Insel.

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