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Kreuzfahrt

08.07.2020

Auf Kurs – bloß wohin? Die Reedereien planen wieder Kreuzfahrten

Kreuzfahrtschiffe AIDAblu und AIDAperla liegen am Hamburg Cruise Center Steinwerder im Hamburger Hafen.

Plus Nach Monaten vor Anker hoffen die Reedereien bald wieder in See stechen zu können. Auf den Flüssen sind die ersten Schiffe unterwegs und doch ist vieles anders. Werden die Hochsee-Kreuzfahrten bald mehr Seetage haben, weil die meisten Häfen noch immer dicht sind? Die Schiffsbranche stellt viele Überlegungen an.

Kaum eine Reisesparte hat das Coronavirus so getroffen wie die Kreuzfahrt. Social Distancing und ein Schiff mit Hunderten oder gar mehreren Tausend Passagieren scheinen nicht zusammenzupassen. Hinzu kommen die negativen Schlagzeilen in der ersten Phase des Pandemie-Ausbruchs. Etwa das Fiasko der Diamond Princess Anfang Februar, die mit rund 3700 Passagieren in Yokohama wegen eines Corona-Infizierten unter Quarantäne gestellt wurde. Damals entpuppte sich das Schiff als Virenschleuder. 700 Menschen steckten sich an, sechs von ihnen starben. Was folgte, waren weltweit Hafensperrungen und strenge Quarantäne-Auflagen, die es unmöglich machten, die gebuchten Routen wie geplant durchzuführen. Die boomende Branche, die gar nicht genug Schiffe auf die Meere bringen konnte, so groß war die Nachfrage, stürzte jäh von der Erfolgswelle ins Nichts.

Nach Monaten des Stillstands schöpft die Branche jetzt neue Hoffnung. So plant einer der größten Kreuzfahrtveranstalter der Welt, Carnival Cruises für Anfang August mit acht Schiffen eine teilweise Rückkehr in die Karibik. Natürlich nur, wenn die US-Gesundheitsbehörden mitmachen. Ende August soll es dann wieder richtig losgehen. Soweit der Plan. Auch Tui Cruises und Hapag-Lloyd Kreuzfahrten sollen noch im Sommer ablegen, so zumindest hofft Fritz Joussen, der Chef des Tui-Konzerns, der über Kurzreisen von deutschen Häfen aus bei einer 50-prozentigen Auslastung nachdenkt. Marktführer Aida und seine Schwester Costa hingegen haben ihren Reisestopp bis zum 31. Juli verlängert.

Die Situation ist für die Reedereien eine einzige Herausforderung

Die ersten Flusskreuzfahrten finden allerdings bereits wieder statt. Meist auf deutschen Gewässern, wie Rhein und Mosel. Seit 15. Juni sind nun auch grenzüberschreitende Touren nach Österreich oder Holland wieder möglich. Die Situation ist nicht nur für die Reedereien eine einzige Herausforderung. Auch Reisebüros haben alle Hände voll zu tun: gebuchte Reisen stornieren oder auf neue Termine legen, Stornos bearbeiten, neu beraten, wieder um Vertrauen werben.

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Die grundsätzliche Frage ist allerdings, ob die Gäste sofort eine Schiffsreise buchen, wenn es wieder möglich ist, oder nicht doch auf einen Covid-19-Impfstoff warten. Schließlich sind dem Weltverband der Kreuzfahrtindustrie CLIA zufolge fast 60 Prozent der deutschen Passagiere über 50 Jahre alt, und davon die Hälfte über 60 Jahre. Also klassische Corona-Risikogruppe.

Zugleich wissen Kreuzfahrtexperten wie Jennifer Holland von der University of Brighton, dass Schiffsreisende ein eigenes Völkchen sind. Stammgäste ließen sich kaum von einer Pandemie abschrecken. Wer dagegen noch nie eine Kreuzfahrt gemacht habe, werde nun erst recht keine unternehmen. Entscheidend für die Reedereien seien daher alle, die vor der Pandemie gerade mit dem Gedanken einer Kreuzfahrtreise gespielt hatten. Diesen potenziellen Kunden gelte es nun das Vertrauen zu geben, dass sie auf dem Schiff auch sicher sind.

Büfetts - wegen Corona nun ein No-Go an Bord

Denn einer der wesentlichen Vorteile der Seereise erweist sich in der Krise als Nachteil. Der große Reiz von Kreuzfahrtreisen ist für Passagiere, dass sie sich um nichts in ihrem schwimmenden Hotel sorgen müssen, egal wie exotisch der Hafen ist. Wie unter einer Lupe aber hat die Seuche die neuralgischen Punkte dieser Art des Reisens offengelegt. Es beginnt bereits damit, wer an Bord darf. Schon heute heißt es im Kleingedruckten, dass der Veranstalter bestimmt, wer an Bord darf. So steht zum Beispiel unter Punkt 5.2. der ABGs von Aida Cruises: „Lässt der geistige oder körperliche Zustand eines Kunden eine Reise bzw. Weiterreise nicht zu, weil dieser den Kunden reiseunfähig macht oder eine Gefahr für den Kunden selbst oder jemanden sonst an Bord darstellt, kann die Beförderung verweigert oder die Urlaubsreise des Kunden jederzeit abgebrochen werden.“

Die ersten Schiffe hierzulande: Die „Fridtjof Nansen“ (links) legte am 26. Juni in Hamburg ab, die „National Geographic Resolution“ am 25. Juni in Kiel an – mit 150 bzw. 126 Gästen an Bord.
Bild: imago

In Zukunft also werden Reedereien ihre Klientel noch genauer begutachten und im Zweifelsfall den Bordarzt (wie heute schon üblich) hinzuziehen. Schließlich reicht eine infizierte Person aus, um zig andere anzustecken. Das Ausfüllen längerer Fragebögen zum aktuellen Gesundheitszustand, Covid-19-Schnelltests bzw. Fiebermessen vor der Einschiffung, werden Standard. Das Screening müssen natürlich nicht nur Gäste, sondern auch die gesamte Crew durchlaufen. Konkret bedeutet das mehr medizinisches Personal sowie Laborausrüstung. Noch wichtiger: bessere Evakuierungs- und Quarantänepläne als in Yokohama – für den Fall der Pandemie.

Passagiere sollen nach Alter voneinander getrennt werden

Beim Thema Hygiene hat die Kreuzschifffahrt viel Erfahrung. Norovirus, Salmonellen oder Grippewellen – strenge Hygienevorschriften sowie Desinfektion kennt die Branche. Zusätzliche Reinigungsumläufe, kürzere Desinfektions-Intervalle, Maskenpflicht oder das Tragen von Gummihandschuhen bei der Crew sind leicht umzusetzen und tun nicht weh.

Weh tut allerdings, dass ein Schlüsselelement im Schiffscatering – Büfetts – nun wegen Corona ein No-Go sind. Damit ließen sich zu Normalzeiten zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Für die Passagiere war die Opulenz und Vielfalt des Speiseangebots ein wichtiges sinnliches Erlebnis, für die Veranstalter ermöglichte das Selbstbedienungs-Prinzip die Verköstigung vieler Menschen mit relativ wenig Personaleinsatz. Das fällt nun erst einmal weg. Vorerst wird am Tisch serviert. Dreimal Eis holen, ist nicht mehr. Am schmerzhaftesten jedoch dürfte für die Reedereien das Prinzip des Social Distancing sein, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Tui Cruises will nur mit rund 1000 Gästen an Bord, zwei Drittel weniger als bisher, auf Reisen gehen. Das bringt Passagieren eindeutige Vorteile: viel Platz in den Restaurants und ausreichend Liegen an den Pools. Ein Einbahnstraßensystem auf dem Weg zur eigenen Kabine kann man leicht in Kauf nehmen.

Die Einschränkungen haben allerdings auch ihre Nachteile. Maximal zehn Kinder im Kids Club beispielsweise. Laut dem Vorschlagskatalog der EU sollen zudem Aktivitäten und Services an Bord „nach Altersgruppen“ organisiert werden, um ältere Gäste und Crewmitglieder von jüngeren zu trennen. In den Pools sollen die Kapazitäten so begrenzt werden, dass jedem Schwimmer mindesten vier Quadratmeter zur Verfügung stehen, heißt es in dem 50-seitigen Dokument. Den Reedereien wird zudem empfohlen, die Kapazität an Bord zu beschränken. Dass jede Reederei mit einem Bruchteil der Auslastung in den sicheren Ruin fährt, versteht sich von selbst. Tui-Boss Joussen setzt deshalb darauf, dass dies in wenigen Wochen beendet ist und hat die Gästebegrenzung erst einmal bis 31. August terminiert.

Fast leere Schiffe sind ein gewaltiges Renditeproblem

Fast leere Schiffe sind ein gewaltiges Renditeproblem, aber es gilt eine weitere Hürde zu nehmen: Derzeit sind die meisten Häfen geschlossen und viele Staaten lassen keine Passagiere an Land. Australien etwa hat seine Häfen bis Ende September für Kreuzfahrtschiffe gesperrt. Hinzu kommt, dass jedes Land in Sachen Seuchenvorschriften und Reisebeschränkungen eigene Regeln hat. Von Hafen zu Hafen in verschiedenen Ländern zu schippern, ist vorerst undenkbar. Womit sich die Frage stellt, wohin könnte eine Seereise überhaupt gehen?

Kreuzfahrtschiffe AIDAblu und AIDAperla liegen am Hamburg Cruise Center Steinwerder im Hamburger Hafen.
Bild: Imago

Dazu gibt das Kreuzfahrt-Portal Cuisetricks.de aufschlussreiche Hinweise. Grundsätzlich werde es für die Kreuzfahrt-Anbieter leichter sein, Reisen auf ein Land oder eine Gegend zu konzentrieren. Also etwa in die Antarktis oder Spitzbergen. Auch Flusskreuzfahrten sind denkbar, solange sie nicht durch zig Länder führen. Während die deutschen Anbieter in geringer Zahl schon wieder unterwegs sind, haben die internationalen Anbieter von Flusskreuzfahrten ihre Reisen in Deutschland bis in die zweite Jahreshälfte hinein abgesagt, beziehungsweise haben gar nicht vor in dieser Saison abzulegen. Die Gepflogenheiten auf den Flusskreuzern sind nun coronabedingt neu: Maskenpflicht in öffentlichen Bereichen, ein Gesundheitsfragebogen zum Reisebeginn, tägliches Fiebermessen an Bord, auf vielen Schiffen fährt zudem ein Arzt mit. Das Bufett wurde gestrichen und die Essenszeiten aufgeteilt, um am Tisch servieren zu können.

Das Meer ist das Ziel. Ist das die Zukunft der Kreuzfahrt?

Und wohin geht die Reise generell? Bleiben die Häfen weiter geschlossen, könnten als Alternative zur Ein-Land-Schiffsreise auch Kein-Land-Touren möglich sein. Das Meer und das Schiff selbst wären die Destination, erklärt Kreuzfahrtspezialist Thomas P. Illies die Idee. Seiner Meinung nach könnten auch reedereieigene Inseln und Altersbeschränkungen zukünftig eine größere Rolle spielen, ebenso eine Nutzung von Teilen der Flotten als temporäre Hotelschiffe. Oder womöglich „Mystery Cruises, wo man aus der Not eine Tugend macht und die nötige Flexibilität in Sachen Dauer und Hafenanläufen als spezielles Erlebnis anbietet“. Dass sich dafür die deutsche Klientel erwärmen könnte, ist kaum vorstellbar. Die hat es sowieso etwas besser, weil Aida, Tui Cruises, oder Hapag-Lloyd Cruises fast maßgeschneidert auf ihre Bedürfnisse eingehen. Nur in einem im Fachjargon genannten „Quellmarkt“ aktiv zu sein, hat derzeit den Vorteil, dass man auch nur die Gesetze und den Infektionsstatus eines Landes im Blick haben muss, und nicht von Dutzenden von Gästeherkunftsländern.

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