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Deutschland
01.07.2021

Flusskreuzfahrten starten wieder: Ist’s am Rhein noch so romantisch?

Rheinblick mit Loreley.
Foto: Adobe Stock

Romantische Flussfahrten auf dem Rhein konnten lange Zeit nicht stattfinden. Auf einer der ersten Fahrten wird deutlich, wie sehr die Corona-Pause den Tourismus verändert hat.

Auf dem Fluss funkeln Sonnenflecken, als hätte ein Riese Gold ins Wasser gestreut. Über den Städtchen am Ufer thronen Burgen, eine imposanter als die andere. Es braucht keine Sirenengesänge, um dem Charme dieser Landschaft zu erliegen. Im Oberen Rheintal schüttet Vater Rhein sein Füllhorn mehr als großzügig aus. Für andere Rheinstrecken bleibt da nicht mehr viel übrig. Impressionen einer Rheinfahrt.

Es ist die erste Fahrt auf dem Rhein nach einer langen Corona-Pause. Die Reedereien haben mit historischen Einbrüchen zu kämpfen. Knapp 80 Prozent allein beim Passagieraufkommen. Viele Routen waren wegen der Corona-Beschränkungen nicht befahrbar: Die Donau etwa oder die Mosel wegen einer Schleusenrevision. Auf dem Rhein waren lange Zeit in Straßburg und in Rheinland-Pfalz keine Landgänge möglich.

Das Programm auf den Schiffen musste mehrfach geändert werden

Auch für diese Reise musste das Programm mehrfach geändert werden, womit nicht alle Passagiere einverstanden waren. Doch diejenigen, die schließlich an Bord gehen, scheinen glücklich, endlich wieder reisen zu können. Auch wenn das Vergnügen nicht uneingeschränkt ist. Vor Betreten der Kabine wird erst einmal getestet – und dann alle 48 Stunden wieder. Möglich macht das ein Arzt an Bord. In den Gängen sind „Einbahnstraßen“ markiert, die allerdings nur anfangs eingehalten werden. Und an die Maskenpflicht müssen die Passagiere immer wieder sanft erinnert werden. Die im Restaurant platzierten Plastiktrennwände werden bald abgeräumt, die freien Stühle an den Tischen schnell besetzt. Aber es gibt viel Platz, denn statt der üblichen 220 Gäste sind lediglich 150 an Bord. So herrscht kein Gedränge auf dem Sonnendeck, auf die berüchtigte Handtuchbelegung der Liegen kann getrost verzichtet werden. Bei den Ausflügen sind die Gruppen – den Anforderungen entsprechend – klein und überschaubar.

Küchenchef Erdi ist ganz schnell aus Indonesien angereist.
Foto: Lilo Solcher

Vier Wochen habe man gebraucht, um das Schiff startklar zu machen und die Crew zu vervollständigen, erklärt Sandra Huck vom Veranstalter nicko Cruises. Da habe man schon „Vollgas“ geben müssen. Zumal die 42 Crew-Mitglieder aus den unterschiedlichsten Ländern kommen, teilweise auch von weit her. So wie Küchenchef Erdi Kontesa aus Indonesien. Bei ihm war die Rhein-Premiere ein Eilauftrag. Fünf Tage vor dem Start bekam er Bescheid, erzählt er. Doch der 39-Jährige war schon vorbereitet, was Impfung, Tests und Visum anging. Sofort setzte er sich ins Flugzeug, denn die Zeit ohne den Job in Deutschland war hart. Mit Lunch-Boxen, die er über Social Media vertrieb, brachte Kontesa die Familie über die Runden. Jetzt ist er überglücklich, wieder Arbeit zu haben, auch wenn er seine Frau und die Kinder vermisst. Im September wird er zum dritten Mal Vater. Das Baby wird er wahrscheinlich erst im Januar sehen. „Manchmal muss man Opfer bringen“, sagt der Küchenchef. Doch die Leidenschaft fürs Kochen und die Freude über zufriedene Gäste entschädigen ihn, sagt er. Den Kontakt mit der Familie hält er über Video-Anrufe.

Der Tourismus ist in einzelnen Städten nach Corona noch zögerlich

Das zehnköpfige Koch-Team hat einiges zu tun. Drei Restaurants gibt es auf dem Schiff. In „Mario’s Grill“ kommt diese Woche ein feines Spargel-Menü auf den Tisch. In den beiden anderen Restaurants stehen täglich mehrere Menüs zur Auswahl. Serviert werden sie von Männern und Frauen, die es schaffen, trotz der obligatorischen Masken ein lächelndes Gesicht zu zeigen.

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„Sie sind Pioniere“, sagt der Kapitän bei der Begrüßung. „Zum ersten Mal heißt es wieder ’Leinen los’“. Die Skyline von Frankfurt mit den ikonischen Wolkenkratzern zieht am Schiff vorüber. Heidelberg gibt dann eine Ahnung von Romantik. Doch in der Innenstadt bleibt manche Tür zu, auch das Hotel Ritter, das älteste Haus am Platz, hat die Corona-Zeit nicht überstanden. Eher zögerlich kommen die Touristen zurück nach Heidelberg. Ein menschlicher „Zerberus“ überwacht auf dem Marktplatz die Einhaltung der Maskenpflicht. Vergessen lässt sich die Pandemie auf dieser Reise nicht. In Mannheim weist sich sogar das Theater als Testzentrum aus.

Industrieanlagen säumen den Rhein

So richtig romantisch ist der erste Teil der Reise nicht gerade - Industrieanlagen säumen den Rhein. Es ist wie eine Fahrt durch ein gigantisches Gewerbegebiet. Dazu passen die Frachter, die auf dem Fluss unterwegs sind. Aber auch da gibt es schöne Augenblicke: rosa Wolken am Himmel, Vögel aufgereiht auf den Stromdrähten, ein Blütenregen. Auch Kehl ist kein Highlight, wir liegen ziemlich weit ab von allem. Umso schöner die Fahrt durch die Ortenau mit den Fachwerkhäusern.

Das Rheintal hat die höchste Burgendichte.
Foto: Lilo Solcher

Ziel ist Baden-Baden, die Kurstadt, von der Eugene Guinet schwärmte: „In Europa gibt es zwei Hauptstädte, im Winter Paris, im Sommer Baden-Baden“. Das war allerdings 1845. Noch immer protzt Baden-Baden mit noblen Fassaden, Kunst und Kultur. Aber Corona ist auch an der Kurstadt nicht spurlos vorüber gegangen. Es gibt viel Leerstand im Zentrum. Immer wieder schön die Lichtentaler Allee entlang der Oos, die Trinkhalle und das spektakuläre Museum Frieder Burda. Am Theater, das mit der Wiedereröffnung wirbt, prangt auf rotem Grund ein Hinweis auf das Weltkulturerbe der Unesco. Unter dem Titel „Great Spas of Europe“ bewirbt sich Baden-Baden mit zehn renommierten Kurstädten aus sieben europäischen Ländern um die Eintragung in die Welterbeliste.

Zurück zum Schiff geht’s durchs Rebland mit steilen Weinbergen. Rot blüht der Mohn, blau die Kornblumen auf den Feldern. Beschaulich sind die Dörfer. Ein Paar aus Berlin kommt von einem Ausflug an die Badische Weinstraße ganz euphorisch zurück. Die beiden hatten schon die Originalreise auf der Donau gebucht und sich auch durch mehrere Änderungen nicht von ihrem Vorhaben abbringen lassen. Es sei doch alles „super“, sagt der Mann mit dem Pferdeschwanz.

Idyllisch in der Gegend Mittleres Rheintal liegt das Kloster Arenberg in Koblenz - mit spirituellen wie sportlichen Angeboten für Urlaubsgäste.
Foto: Karim Aue, dpa

Im Rheintal gibt es die höchste Burgendichte

Die Sonne scheint von einem unglaublich blauen Himmel auf den nun von Grün eingesäumten Fluss. Am Ufer stehen die Bäume im Wasser, hin und wieder schwimmt eine Entenfamilie vorbei. Es ist beruhigend, diese Landschaft wie einen Film vorüberziehen zu lassen. Zumal das Rheintal mit der höchsten Burgendichte aufwartet. Romantik pur – nicht nur am Loreley-Felsen. Doch nicht jeder scheint so zu denken. Ein Paar trabt unentwegt rund ums Deck, zwei Männer versuchen, einen Golfball einzulochen, eine junge Frau taucht im winzigen Pool ab. Zwei Flusstage seien zu viel, findet ein Paar aus Nürnberg – sie sind erfahrene Flusskreuzfahrer. Aber grundsätzlich seien sie froh, wieder unterwegs sein zu können.

Und dann kommt schon Köln und der Stadtrundgang. „Ihr seid meine erste Gästegruppe“, sagt Fremdenführer Sascha Sass, der nicht verbergen kann, dass er auch auf Kleinkunstbühnen zu Hause ist. Mit viel Ironie kommentiert er die großen und kleinen Sünden der Stadt und erzählt Kölner Geschichten – auch von den Heinzelmännchen und vom berühmten Kölner Zweigespann Tünnes und Schäl. In der Innenstadt gilt Maskenpflicht, aber nicht im Brauhaus Früh beim Kölsch. Strenge Maskenpflicht auch in Bonn, wo die Oper Testzentrum wurde. Die Cafés und die Straßen sind voll. Vor den Läden bilden sich lange Schlangen, und auf der Mauer am Rheinufer sitzen gut gelaunte junge Leute.

Die Drosselgasse ist erstaunlich leer

Noch einmal geht es durch das romantische Rheintal mit den trutzigen Burgen, den grünen Weinbergen und malerischen Städtchen. Die Burg Pfalzgrafenstein in Kaub lässt grüßen, der Mäuseturm und wieder die Loreley. Und dann schon Rüdesheim, das gar nicht so verkitscht ist wie befürchtet. Die Drosselgasse ist erstaunlich leer, allerdings auch einige Schaufenster. „Eine Folge von Corona“, sagt Andrea Rammelt, Wein- und Kulturbotschafterin Rheingau. Dem Weinstädtchen fehlen die Touristen aus Asien und Übersee. Auch an der Seilbahn hinauf zum Niederwalddenkmal gibt’s keine Schlangen. „Das deutsche Nationaldenkmal“ erinnert an die Vereinigung von 26 Bundesstaaten im Kaiserreich und wirkt ziemlich martialisch. Über allem thront die Germania, mit 32.000 Kilo ein echtes Schwergewicht. Unter dem Text des Liedes „Die Wacht am Rhein“ umrahmen Trauben Vater Rhein und Tochter Mosel. Schaut man hinunter auf den Rhein, prägen Weinberge das Bild. Eine Landschaft der Fülle.

Noch ein Spaziergang durch den Schlosspark in Wiesbaden-Biebrich. Dann lockt schon das Galadinner an Bord, für das sich Küchenchef Kontesa so richtig ins Zeug gelegt hat.

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