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Natur pur

19.04.2019

Fernwandern: Unterwegs auf Kretas Traumpfad

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3 Bilder
Wandern zwischen Felsen und Meer. Spektakulär ist der Weg in den Felsen gehauen und spektakulär ist die Aussicht.
Bild: Andrea Schneider

Der Fernwanderweg E4 zieht sich 480 Kilometer über die Insel. Er ist manchmal steinig, führt aber auch an Kretas Südseestrand.

„Do you have a plan B?“ Die freundliche Dame am Ticketschalter der Aegean Lines reicht die Fahrkarten durch und schaut verwundert. Eine sechsköpfige Familie mit Trekkingrucksäcken ist ihr wohl noch nicht untergekommen. Wir schütteln den Kopf. Nein, Plan B haben wir nicht. Wir brauchen den Schiffstransfer von Sougía nach Agía Roumélia, um es von dort zur Pension in Lykos Beach zu schaffen. Vorher gibt es keine Übernachtungsmöglichkeit auf diesem Abschnitt des europäischen Fernwanderwegs E4 an der Südküste Kretas. Und Agía Roumélia ist nur über den Wasser- oder Wanderweg zu erreichen.

Dass der Schiffsverkehr hier schnell zum Erliegen kommt, stand im Reiseführer. Aber die paar Wellen können das Problem doch nicht sein? „Wenn das Boot nicht anlegen kann, bekommen Sie auf jeden Fall Ihr Geld zurück“, versichert uns die Ticketverkäuferin lächelnd. Wie beruhigend.

Das Boot ist in Sicht. Die Spannung wächst. Als es seitlich an die Anlegestelle heranfährt, wird auch uns Landratten klar, dass die Wellen so klein gar nicht sind. Ihre Wucht lässt das kleine Küstenboot wie ein Spielzeugschiffchen auf die Kaimauer zu- und wieder wegschaukeln. An ein wirkliches Anlegen ist nicht zu denken. Aber Captain und Crew machen das nicht zum ersten Mal. Sie bugsieren die Passagiere vom Schiff runter und die Wartenden hinauf. Ein gewagter Sprung – weiter geht’s mit Plan A.

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Der E4 zieht sich in Ost-West-Richtung rund 480 Kilometer über Kreta – und ist damit nur ein kleiner Ausschnitt der Wanderroute. Sie verläuft vom Süden Spaniens über die Pyrenäen nach Frankreich, durch die Schweiz, Deutschland und Österreich, quert dann Ungarn bis zur rumänischen Grenze, geht durch Bulgarien und den Peloponnes, über Kreta bis nach Zypern. Mit rund 10.450 Kilometer ist der E4 der längste aller europäischen Fernwanderwege.

Auf Kreta verläuft er im Osten über das Dikti-Gebirge und die Lassithi-Hochebene zum Psiloritis, mit 2456 Metern der höchste Berg der Insel. Am Fuß des Levka-Ori-Gebirges teilt sich der E4 in eine nördliche Variante durch die Berge und eine südliche, am Meer entlang nach Paleochóra bis in den äußersten Westen. Die haben wir uns für einen Wanderurlaub mit der ganzen Familie herausgepickt. Die Osterferien bieten sich dafür an: Während bei uns oft noch winterliche Temperaturen herrschen, ist es auf Kreta angenehm warm und die Wetterlage ist stabil, wenn auch das Meer noch sehr erfrischend kalt ist.

Einzig die Busverbindungen sind in der Vorsaison etwas dürftig. Deshalb erwandern wir unsere erste Etappe von Paleochóra aus. Hin und zurück sind es zum Strand von Elafonísi rund 20 Kilometer. Mit seinen sandigen Abschnitten, den vielen kleinen An- und Abstiegen und Felskraxeleien verlangt uns die Tour gleich einiges ab – auch ohne Gepäck.

Überall duftet es nach Oregano und Thymian

Nach rund drei Stunden steigen wir auf Meereshöhe hinab und wandern an prächtigen Zedern und gewaltigen Felsbrocken vorbei zu Kretas „Südseestrand“. Im knöcheltiefen, glasklaren Wasser lässt sich’s prächtig umherwaten, sogar bis zur vorgelagerten Insel Elafonísi. Sie steht mitsamt dem ganzen Strandabschnitt unter Naturschutz. Traumhaft ist der Ausblick von der Anhöhe am Ende des Inselrundwegs, und überall duftet es nach Oregano und Thymian.

Anderntags schultern wir die Rucksäcke. Schnell stellt sich der Rhythmus ein, den wir an Fernwanderurlauben so schätzen. Das Ziel ist klar, der Weg meist auch – und Alternativen zu diskutieren gibt es keine. Gut tut das Loslaufen nach dem üppigen Frühstück in der Pension, schön ist die herrlich weit verzweigte Küstenlandschaft, lecker die Brotzeit in der Mittagspause – bestenfalls mit einem Sprung ins Meer –, und wunderbar entspannt der Abend in der Taverne. Denn alle haben dann nur eins: Hunger.

Der E4 führt heute Morgen dicht an der Küste auf sandigen, anstrengend zu laufenden Trampelpfaden entlang. Dann steigt der Weg an. In steinigen Serpentinen geht es steile 800 Höhenmeter hinauf auf das Kap Flomés, das fast senkrecht ins Wasser abfällt und einen sagenhaften Tiefblick zum Meer beschert. Nach Überquerung der Hochebene passieren wir die Überreste der antiken Hafensiedlungen Lissos, bevor uns ein weiterer anstrengender Anstieg außer Atem bringt.

Dann endlich geht der Weg bergab Richtung Sougía, nicht ohne Highlight zum Ende hin: die Lissos-Schlucht. Fast canyonartig rücken die Schluchtwände hier zusammen, teils sind sie überhängend. Eindrucksvoll sind auch die Wildziegen, die an den steilen Felsen hoch oben umherspringen als sei’s eine Spielwiese. Manche Ziege hat jedoch ihre Kletterkünste schon überschätzt und liegt als Kadaver oder Gerippe zu unseren Füßen.

Nach dem geglückten Bootstransfer wandern wir am nächsten Tag von Agía Rouméli weiter gen Osten. Um über die spektakuläre Arádena-Schlucht zum Meer hin absteigen zu können, nehmen wir einen Umweg in Kauf. Das beschert uns zusätzliche 700 Meter Höhenmeter, die es in sich haben. Der Weg ist an den felsigen Wänden kaum auszumachen.

In engen Serpentinen führt er steil hinauf und bringt uns, sobald wir aus dem Schatten der großen Aleppokiefern heraustreten, ordentlich ins Schwitzen. Oben angekommen, präsentiert sich uns ein Blick der Extraklasse – auf das Libysche Meer und die herrliche Küstenlandschaft.

Mit dem Abstieg in die Arádena-Schlucht folgt das nächste Naturspektakel. Umstanden von rostroten, mehr als 200 Meter hoch emporstrebenden Wänden kraxeln wir auf felsigen Steigen hinunter, wenn gewaltige Felsbrocken den Weg versperren. Rot leuchtende Oleanderbüsche ergänzen das Farbenspiel. Im Herbst sollen hier bis zu vier Meter hohe Mönchspfeffer fliederfarben blühen.

The Small Paradise - der Name ist Programm

Als wir die kühle Schlucht zum Meer hin verlassen, empfangen uns die wärmenden Sonnenstrahlen und in ihrem Licht eine bizarre Felsenküste: Die malerische Marmorbucht mit ihren ins Wasser abgleitenden Felsplatten setzt der gerade erlebten Szenerie noch eins drauf. Lykos Beach – wir haben unser Ziel erreicht.

Wir hätten auch keinen weiteren Kilometer mehr laufen wollen. Die Pension ist gleich gefunden, reihen sich in der kleinen Bucht doch gerade einmal drei Tavernen mit Zimmervermietung aneinander. Außerdem führt der E4 direkt durch unsere Unterkunft hindurch. The Small Paradise heißt sie. Der Name ist Programm. Nicht nur, weil das weiß getünchte Gebäude mit seinen blauen Fenstern, dem traumhaften Blick auf das Meer und der bezaubernden, mit wildem Wein überwachsenen und mit knallig violetten Bougainvillea umrankten Terrasse einem Paradies gleicht. Sondern weil uns die Familie Nikoloudaki herzlichst aufnimmt und leckerst bekocht, und das auch am späten Abend noch.

Beim funzeligen Schein der Terrassenbeleuchtung sitzen wir zusammen bei feinen Mezédes und Hammelfleisch aus eigener Produktion. Die Wellen klatschen in die Bucht, und die Milchstraße leuchtet hell über uns am Himmel. Ein kleines Paradies, das Aidin Nikoloudaki nicht mehr verlassen hat, seit sie sich vor über 24 Jahren in ihren Mann verliebt hat. Kein einziges Mal sei sie in ihre Heimat zurückgekehrt, erzählt die Irin und lacht verschmitzt. Warum auch? Es ist doch so schön hier. Das finden auch die Verwandten und kommen regelmäßig zu Besuch.

Unser nächstes Tagesziel ist nur einen Katzensprung entfernt. Die wenigen Kilometer nach Loutro sind am Nachmittag noch zu schaffen. Wir leihen uns Kajaks von Aidins Schwägerin und paddeln die felsig-zerklüftete Küste entlang zur Mármara-Bucht zurück. Am Vortag hatten wir dort eine gemütliche Taverne entdeckt. Und während die Kids schon ins eiskalte Wasser springen, genießen wir noch den reichlich ausgeschenkten Raki. Einfach herrlich, so ein Wanderurlaub. Ohne große Anstrengung erreichen wir am Abend Loutro und schlendern entspannt an der Strandpromenade entlang. Wunderschön – vor uns das weite blaue Meer, hinter uns das schroffe felsengraue Gebirge und mittendrin die weißen Häuschen mit ihren tiefblauen Türen und den Fenstern mit üppigem Blumenschmuck.

Auch die letzten sieben Kilometer auf unserer E4-Wanderung sind am Tag darauf leicht zu bewältigen und bieten wieder Spektakuläres: den Sweet-Water-Strand am Fuß der mehr als 800 Meter hohen Küstenberge und den in den Fels hineingehauenen Anstieg nach Chóra Sfakíon. Hier endet unsere Tour, und wie jedes Mal erfasst uns auch am Ende dieser Fernwanderung Wehmut. Zu schön waren diese Tage!

Zum Glück bleiben uns noch welche, und auch die sind beeindruckend: Wir erleben das griechisch-orthodoxe Osterfest mit dem gewaltigen Osterfeuer und der Feuerwerksknallerei nach dem stundenlangen nächtlichen Gottesdienst. Und wir staunen, wie die Kreter voll frommer Lebensfreude die Nacht hindurch und den ganzen Sonntag lang das Fest der Auferstehung feiern.

Wir erkunden das Hinterland von Kreta, herrlich einfach auf Mopeds, und natürlich auch die Wirkungsstätten der griechischen Mythologie: Mátala, wohin der lüsterne Zeus die Königstochter Europa entführt haben soll. Und Agía Galíni, wo Dädalus und Ikarus der Sage nach zu ihrem Flug in die ersehnte Freiheit gestartet sind. Was auch immer dran ist an dieser Sagenwelt, jetzt wissen wir, warum sie auf Kreta angesiedelt wurde: Diese Insel ist einfach wunderschön!

Kurz informiert

Anreise Günstige Flüge von München nach Iráklion ab 200 Euro mit Umsteigen. Direktflüge gibt es ab 300 Euro. Die Flugzeit beträgt dann nur knapp drei Stunden. Für die Einreise ist ein Personalausweis ausreichend.

Bezahlen Bezahlt wird mit Euro. In den kleinen Orten am E4, wie Loutro oder Agía Roumélis, sollte genügend Bares im Geldbeutel sein. Hier gibt es keine Möglichkeit, Geld abzuheben.

Unterkünfte findet man am Küstenwanderweg in der Vorsaison problemlos ohne Reservierung und garantiert mit Meerblick. Etwa im Sandy Beach Hotel in Paleochóra (DZ ab 50 Euro) mit Sonnenuntergangsszenario, günstig und herzlich im The Small Paradise in Lykos Beach (DZ rund 30 Euro) oder in den Pentalitsa Rooms in Loutro (DZ ab 40 Euro).

Informationen zu Wandertouren auf dem E4 im Rother Wanderführer „Kreta“ (14,90 Euro) und im Michael-Müller-Reiseführer (26,90 Euro).

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