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Brandenburg

09.04.2019

Fontane-Jubiläum: Wie ein Gedicht einen Ort prägt

Gegossen: das Fontane-Denkmal in Neuruppin.
Bild: dpa

Brandenburg feiert dieses Jahr den 200. Geburtstag von Theodor Fontane. In seinen „Wanderungen“ hat der Autor dem Landstrich ein liebevolles Denkmal gesetzt.

Zu Geburtstagen hatte Theodor Fontane eine klare Meinung. An den Schriftsteller Bernhard von Lepel schrieb er 1880, „die Geburtstage haben das Schlimme, dass man an ihnen geboren wurde und das Gute, dass man (...) voneinander hört“. Dieses Jahr wird man viel von Fontane hören, denn am 30. Dezember jährt sich sein Geburtstag zum 200. Mal. Doch das Jubiläumsjahr hat schon begonnen.

In Fontanes Heimatstadt Neuruppin eröffnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kürzlich die große, zentrale Schau, die den Sohn der Stadt als großen Schriftsteller, Journalist und Apotheker Theodor Fontane ehrt und unter dem sperrigen Namen „fontane.200/Autor“ Werk und Leben des Literaten näherbringen will. Ein Zimmer etwa ist mit Papierstapeln geflutet, die je ein Füllwort tragen, das Fontane besonders gern benutzte („wirklich“, „wenigstens“, „eigentlich“, „mutmaßlich“ und dergleichen mehr). Das Herzstück der Ausstellung ist der Raum, der sich den Notizbüchern Fontanes widmet. In zwölf Vitrinen sind 67 Kladden des Autors – meist Originale.

Neuruppin. Hier wurde Theodor Fontane geboren.
Bild: dpa

200 Jahre Fontane: Mehr als 200 Veranstaltungen allein in Neuruppin

Damit man möglichst viel von Fontane in diesem Jubiläumsjahr hört, sind mehr als 200 Veranstaltungen allein in Neuruppin geplant, darunter Lesungen, Wanderungen, Radtouren und Workshops. Fontane schuf Werke der Weltliteratur wie „Effi Briest“ oder „Irrungen, Wirrungen“. Mit ihnen zeichnete und prägte er das Bild Preußens im 19. Jahrhundert. In seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beschrieb er die Region so, wie er sie erlebte: rau und liebenswert. Mit seinen Skizzen- und Notizbüchern im Gepäck unternahm Fontane ausgedehnte Wanderungen durch Brandenburg, setzte der sanft geschwungenen Landschaft, den Alleen und den Gutshäusern – und ganz besonders einem Birnbaum ein literarisches Denkmal. Und noch immer – Jubiläum hin oder her – wird in Ribbeck am vierten Sonntag im April, dieses Jahr ist es der 28. April, der „Tag der Birne“ gefeiert.

Mit einem „Mitbring-Picknick“ zelebrieren die Veranstalter im Sinne von Fontanes Ballade im Birnengarten die Idee des Teilens, der Großzügigkeit und der Mitmenschlichkeit. Wer kennt sie nicht, die berühmte Ballade, die der große Dichter Theodor Fontane 1889 über Ribbeck im Havelland schrieb? Seit Generationen lernt sie fast jedes Kind in Deutschland auswendig: „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, / Ein Birnbaum in seinem Garten stand, / Und kam die goldene Herbsteszeit / Und die Birnen leuchteten weit und breit, / Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl, / Der von Ribbeck sich beide Taschen voll.“

Vom ursprünglich bedichteten Birnbaum ist nur ein Rumpf übrig.
Bild: imago

Wer nach Ribbeck reist, erlebt Havelland-Romantik. Auf dem Weg dorthin passieren wir von urwüchsigen Lindenbäumen gesäumte Alleen. Dicke Stämme sind von Efeu überzogen. Es kribbelt im Magen, wenn der VW-Kombi von einem Hügel in die nächste Straßenvertiefung absackt und es gleich wieder bergauf geht. Auf den Straßen hier im Havelland fühlt man sich wie in einer Achterbahn.

Ribbeck: Neuer Birnbaum vor der Kirche

Wie eine historische Filmkulisse mutet der Platz mit dem frischen Laub vor dem Schloss Ribbeck an. Es riecht nach Birnenlikör. Zwei Jungen hüpfen zur „Alten Schule“ – ein Geschwisterpaar. Einer trägt eine grüne Jacke und eine bunt gestreifte Mütze, sein Bruder eine schwarze Kapitänsmütze zum gelben Anorak. Die farbenfroh angezogenen Buben erinnern an die Kinder aus Fontanes Gedicht, denen der alte von Ribbeck zurief: „Junge, wiste ‘ne Beer?“ Die Spurensuche machen die beiden ganz einfach. „Ja, es gibt hier noch Birnen – die schmecken aber nicht. Wir haben sie probiert, die sind ganz sauer,“ ruft einer der beiden Jungen. „In der Dorfkirche gibt es ein Originalteil des Birnbaums von früher.

Vor der Kirche haben sie einen neuen Birnbaum gepflanzt. Der alte ist bei einem Sturm umgefallen“, weiß sein Bruder. Tatsächlich ist der Birnbaum aus Fontanes Ballade im Februar 1911 bei einem Wintersturm abgebrochen. Der jetzige Baum wurde im Jahr 2000 nachgepflanzt. Die Mitarbeiterin in der Kirche erklärt mir, warum die Birnen so klein und so sauer sind: „Es handelt sich um eine Mostbirne. Die bleiben so klein. Vor dem Schloss gibt es 16 Birnbaumsorten – da hat jedes Bundesland einen Baum gepflanzt.“ Heute ist das Schloss ein Museum und Kulturzentrum, aber auch als beliebte Hochzeits-Location mit Festsaal und Standesamt.

Das berühmte Schloss Ribbeck.
Bild: pure-life-pictures, Adobe

„Manchem glückt es, überall ein Idyll zu finden: und wenn er’s nicht findet, so schafft er’s sich“, schrieb Fontane in seinem Roman „Cécile“. Oder er fährt nach Ribbeck ins Havelland, könnte man seiner weisen Bemerkung anfügen. Der großzügige Gutsherr Hans Georg von Ribbeck lebte von 1689 bis 1759 und verschenkte Birnen an Kinder, Bauern und Büdner. Er ist der Protagonist von Fontanes Ballade. Bei Ribbecks Tod graut es den Kindern, die von seinem geizigen Sohn keine Birnen erwarten können. Doch der alte Ribbeck war weitsichtig und ließ sich eine Birne mit ins Grab legen, aus der ein neuer Baum spross. Der Birnbaum, dessen Rest heute in der Kirche zu sehen ist, wuchs tatsächlich aus seiner Gruft. Am Ende von Fontanes Ballade heißt es: „So spendet Segen noch immer die Hand / Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.“ Bis heute trägt dieses Resümee viel Wahrheit in sich: Ribbecks Birnbaum und seine Geschichte sind noch immer eine Wohltat für das kleine brandenburgische Dorf Ribbeck.

Eigentlich ist das Dörfchen Ribbeck trotz seiner Nähe zu Berlin – wir befinden uns nur 50 Kilometer von der Hauptstadt – „in the middle of nowhere“. Mit der Hilfe des alten Ribbeck und vor allem der Hilfe Theodor Fontanes schufen die Dorfbewohner ein kleines touristisches Paradies. Dabei sind sie stolz auf ihr historisches Erbe. Statt alles zu modernisieren, werden die historischen Besonderheiten erhalten und für Besucher erlebbar gemacht. Im Mittelpunkt steht wie in Fontanes Gedicht immer die Birne: Zahlreiche Cafés bieten Birnenspezialitäten, die Familie Ribbeck brennt Birnenlikör, eine Fontane-Stadtführung zum Thema „Apfel oder Birne?“ führt „Mit Fontane durch Ribbeck.“ Wirklich lecker ist die Torte „Birne Helene“ aus Ribbecker Birnen im Café „Alte Schule“. Weiches Biskuit, cremige Sahne, zartherbe Mousse au Chocolat und süße, saftige Birne ergänzen sich aufs Feinste.

Grün: das Fontane-Denkmal auf Schloss Ribbeck – ein Birnbaum. 
Bild: Imago

In Ribbeck gibt es viel zu erleben

Rund ums Jahr gibt es was zu erleben in Ribbeck: Regionale musikalische Unterhaltung „ins Brandenburger Herz“ von Lukas Mückenfett im alten Waschhaus, die Ribbecker Sommernacht, ein Mittelalterliches Festmahl im Ribbäcker, Fahrradtouren mit Fahrrädern vom Fahrradverleih LandRad im Naturpark Westhavelland auf dem Havelland-Radweg, Theater, Konzerte oder Dinner-Krimi im Schloss.

Schlossbesucher werden von Theodor Fontane höchstpersönlich begrüßt – wenn auch nur von seiner Büste. Nichts scheint sich geändert zu haben seit Theodor Fontane: „Und die Jahre gehen wohl auf und ab, / Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab, Und in der goldenen Herbsteszeit / Leuchtet’s wieder weit und breit.“ (mit mai)

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