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Ischgl

10.01.2017

Freeriden für Ladies: Ab in den Tiefschnee

Tiefschnee ist auch etwas für Frauen.
Bild: Hannes Walser

In eine Schneedecke die erste Spur zu zeichnen, ist für Viele das Nonplusultra. Frauen ist das oft zu anstrengend oder zu heikel. Damit ist jetzt Schluss.

Obwohl die Schneedecke aussieht, als könnte man sich wie in einen Wattebausch hineinfallen lassen, ist sie steinhart. Sie ist harschig und vom Wind gepresst. Die Kanten von Ski und Snowboard kratzen sich während der Fahrt in den Hang hinein. An einer windgeschützten Mulde verschwindet das Geräusch. Der Schnee verändert schlagartig seine Beschaffenheit. Aus der harten Oberfläche wird butterweicher Powder, die berühmte fluffige Schicht bei Neuschnee, nach der sich Wintersportler verzehren. In der nächsten Kurve beginnt sich eine Schneestaubwolke unter den Kanten aufzutürmen. Der Skifahrer zeichnet die erste Spur in die Schneedecke. Das Nonplusultra einer Abfahrt, auch für Snowboarder. Erster sein. Ein kleines bisschen Mondlandung spielen. In diesem Fall war es Hannes Walser, der charmante Skilehrer mit den tiefen braunen Augen und sonnengeküsster Haut. Dann steigt Hannes in den Lift ein.

Zwölf Frauen stehen in Reihe hinter Hannes und seinem Kollegen Michael Winkler. Viele der Wintersportlerinnen lassen sich an diesem Tag zum ersten Mal auf das Abenteuer Tiefschnee ein. Freeriden für Ladies nennt sich der Kurs, den die Skischule Ischgl seit vergangenem Jahr anbietet. Der Hintergrund: Freeride-Einsteigerinnen plagen sich bei den ersten Schwüngen im Tiefschnee deutlich mehr als Männer. Das liegt in der Natur der Sache: Und zwar an der schwächer ausgeprägten Muskulatur. Tiefschneefahren verlangt viel Kraft. Und mal ehrlich: Wie oft sind die Kerle schon vorgefahren und längst hinter der nächsten Kuppe verschwunden. Dann ist da niemand, der einen nach dem Sturz aus dem Tiefschnee zieht. Alleine ausgraben ist angesagt. Mit Hannes und Michi ist das anders. Denn nichtsdestotrotz wollen auch Frauen in die unbefahrenen Hänge hinein.

Die Lawinenwarnstufe liegt an diesem sonnigen Tag in Ischgl bei zwei, das bedeutet mäßige Gefahr. Mäßig heißt in der Lawinensprache: Die Schneedecke löst sich eher nicht. Bei Steilhängen ab 30 Grad sollte man sich da allerdings schon nicht mehr so sicher sein. Eine Lawine stürzt bei Stufe zwei nur dann ins Tal, wenn viele Leute ohne ausreichend Abstand einen Abhang hinunter fahren. Skifahrer sollten dann außerdem extrem steile Hänge mit mehr als 39 Grad meiden.

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Rucksack nicht vergessen

An jedem Skilift in Ischgl gibt es eine Tafel, auf der die Lawinenwarnstufe angezeigt wird. Für die Wintersportler ist das Teil eins ihrer Lebensversicherung. Für Hannes und Michael heißt Lawinenwarnstufe zwei „nichts wie ab auf den Berg“. „Powdern.“ Nur den Rucksack nicht vergessen. Eine Gondel bringt die Gruppe auf den Piz Val Gronda, auf 2812 Meter Höhe. Der letzten Menschentraube für die nächste Stunde begegnen die Free-rider, als sie mit den Brettern aus dem Lift rutschen.

Wer an Ischgl denkt, der denkt an Kuhstall, Aprés Ski, volle Pisten und Schlangestehen. Doch abseits der Massen finden Wintersportler tatsächlich dieses ruhige Ischgl, das im ersten Moment so absurd klingt. Vor allem dann, wenn man noch ein paar Schritte höher durch den Schnee bis hin zu einem Grat steigt. Der Aufstieg war bis vor zwei Jahren noch deutlich anstrengender. Bis zum Bau der Gondel, der lange in der Kritik von Naturschützern stand, gelangten nur Tourengeher an diesen Punkt, der magisch anmutet. Denn dahinter öffnet sich weites Gelände und ein von Neuschnee überzuckertes Bergpanorama. Schritt für Schritt geht es über den Grat, auf dem der Wind den Schnee an die östliche Kante gepresst hat. An manchen Stellen liegt der Berg frei. Links und rechts wartet abschüssiges Gelände. Der Wind pfeift durch das Visier des Helms.

„Stellt euch vor, ihr würdet in Stöckelschuhen stehen.“ Hannes korrigiert die Haltung der „Chicks“, die in den dicken Ski- und Snowboardstiefeln stecken. „Chicks“, das sagt er gern in seinem Tiroler Dialekt und dann grinst er.

Die Haltung auf Ski oder Snow board entscheidet, ob die Mädels elegant ins Fimbatal schwingen oder Purzelbäume im Schnee schlagen. Rund 800 Höhenmeter sind es bis zur Gampenalp. Pisten gibt es dort keine mehr. „Also ab ins Gelände“, sagt Michael. Elegant wie in Stöckelschuhen zeigen sich nicht alle. „Weiter probieren, Chicks“, motiviert Hannes die Mädels. Unten am Lift heißt es erst einmal durchatmen.

Wer ins Gelände will, der sollte auf einen Guide nicht verzichten. Und wer denkt, er könne sich aus der Distanz einer Gruppe anschließen, der täuscht sich. Es wirkt verlockend, aber Vorsicht. Denn was der Zaungast aus der Ferne nicht mitbekommt, das ist, wie der Guide seine Mädels auf das Gelände vorbereitet. Hannes beispielsweise zeigt den Frauen mit seinem Skistock, welche Spur sie fahren dürfen und welche Stellen sie wegen Steinen oder Abhängen meiden sollen. Er weiß als Ortsansässiger, wie der Schneefall in den vergangenen Tagen bis Wochen ausgefallen ist und schätzt die Lawinenlage ein. Berge zu lesen und zu verstehen, wie sich der Schnee verhält, gelingt nie zu 100 Prozent. Die Gefahr, eine Lawine auszulösen, schwingt immer mit, mal mehr, mal weniger. Das haben auch Hannes und Michael schon erfahren.

Die Tiefschnee-Ausrüstung rettet Leben

Hannes verliert sein Lachen als er erzählt, dass es auch ihn schon erwischt hat. Allerdings war er ausgerüstet mit einem ABS-Rucksack. Lebensversicherung Nummer zwei. Nachdem er an der daran befestigten Leine gezogen hat, blies sich in sekundenschnelle ein Ballon auf, der ihn an die Oberfläche der Schneedecke befördert hat.

Die Tiefschnee-Ausrüstung mit Schaufel, Sonde und Pieps rettet Leben. Neben einer Hütte halten Hannes und Michi an, um den Mädels das Equipment zu zeigen. Niemals gehen sie ohne ins Gelände. Wenn sich Tonnen von Schnee über einem Verschütteten befinden, zählt jede Sekunde. Unter der Schneedecke ist kaum Sauerstoff. Schon unter 30 Zentimetern komprimierten Schnees pressen nach Einschätzung der Lehrer 300 bis 600 Kilo auf einen Körpe,r. Deshalb fahren die Guides mit ihren Schützlingen nie ohne Lawinenverschüttetensuchgerät. Und weil zu viel Zeit vergeht, bis sie das überhaupt ausgesprochen haben, nennen sie das Gerät Piepsi. Damit können Verschüttete möglichst schnell geortet werden. Mit der Sonde stechen die Retter dann in den Schnee, bis der Vermisste gefunden wird, den sie dann mit der Schaufel ausgraben. Doch selbst mit der besten Ausrüstung können sich Wintersportler nie sicher sein. Hannes sagt, dass viel passiert, was vermeidbar wäre. Deshalb müsse jeder Verantwortung übernehmen und das Restrisiko so gering wie möglich halten. Eine Lebensversicherung drei, die 100 Prozent Sicherheit gewähren würde, die gibt es nicht.

Ganz unten im Rucksack hat Hannes noch eine Überraschung versteckt. Was wäre Ischgl ohne zumindest eine kleine Portion Après Ski. Gleich neben der Lawinenausrüstung hat Hannes Prosecco und Plastikbecher geparkt: Wer elegant in Stöckelschuhen den Hang hinabschwingt, hat sich das auch redlich verdient.

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