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Weltreise (Teil 6)

04.09.2018

Gefangen in Oaxaca, gefangen im Paradies

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5 Bilder
Wenn schon hängen bleiben, dann im Staat Oaxaca: Santiago Apoala.
Bild: Foto: Bastian Sünkel

Ein Jahr unterwegs: Bastian Sünkel sitzt noch im Süden Mexikos fest und wartet auf seine Kreditkarte. Wird er zum Dauergast?

Aufstehen, duschen, raus aus dem Sechsbettzimmer. Am Frühstückstisch Platz nehmen. Dabei täglich zwischen Stuhl und Bank wechseln, um nicht so zu wirken, als hätte ich einen Stammplatz im Hostel. Der Variationsreichtum des Frühstücks beschränkt sich auf Mango oder Nicht-Mango. Manchmal liegt eine Mango auf dem bereitstehenden Teller, meistens nur Wasser- und Honigmelonenschnitze. Weiter im Trott: Früchte essen, Rosas Frage „Té o café?“ gewohnheitsgemäß mit café, Kaffee, beantworten. Auf Toast warten. Auf Eier warten. Essen und dabei überlegen, was es zu tun gibt. Gewöhnlich nichts außer schreiben, einkaufen, Ausstellungen besuchen, über den Zustand der Welt diskutieren. Eines Morgens hat ein neuer Gast nach Salsa zum Ei gefragt. Hostel-Chefin Rosa hat freundlich, aber bestimmt mit „No, no“ geantwortet. Man muss es ja nicht übertreiben mit der Vielfalt. Schließlich kuschelt sich an die Mango an diesem Mittwochmorgen ein Klecks Joghurt mit Müsli. Das hat es in den Wochen zuvor in Rosas Hostel „Las Américas“ in der Altstadt Oaxacas nie gegeben.

Ich stecke fest. Jeden Tag warte ich auf den Moment, dass mein Wecker um 6 Uhr anspringt und mich bittersüß weckt: „Then put your little hand in mine / There ain’t no hill and mountain we can’t climb / Babe / I got you babe.“ Wie im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Bill Murray und ich gefangen in der Zeitschleife. Doch da fängt es schon an: Ich habe keinen Wecker, der mich wecken könnte, und im mexikanischen Radio müsste man lange auf Sonny and Cher warten. Ich bin mit mir allein. Kein Murmeltier, kein Reisebegleiter, keine Kreditkarte.

Was hat uns dem gemacht, der wir sind?

Wer die vorangegangene Episode der Kolumne gelesen hat, weiß, was passiert ist: Eine schlaflose Nachtbusfahrt von Mexiko-Stadt in den Süden des Landes, ein übernächtigter Versuch, Geld abzuheben. Ein Reisender, der seine Karte im Ausgabeschlitz des Automaten vergisst. Willkommen in Oaxaca, rufen mir die gähnend leeren Gassen der Stadt im Morgengrauen zu. Du bleibst und wirst zu dem, was du am meisten fürchtest: ein Dauergast, ein Festsitzender. Ein Mensch, der dem Willen von Banken und der Post unterworfen ist. Du wirst Alltag.

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Seit vier Wochen warte ich auf eine neue Kreditkarte. Meine ehemalige Klassenkameradin Kathrin hat zwischenzeitlich Oaxaca besucht und mir Geld am Bankautomaten abgehoben. Seitdem sind drei Wochen vergangen. Sie hat mittlerweile halb Peru bereist. Und ich? Schreibe (Wut-)Mails an Banken, probiere Finanz-Apps mit digitalen Kreditkartensystemen aus und warte.

Seit Ende August kaufe ich mein Gemüse an den immergleichen Märkten Oaxacas, esse regelmäßig beim Asiaten „Hong Kong“ für 85 Peso am warmen Buffet unter dem Mao-Porträt – das reicht notfalls für einen ganzen Tag. Meine Stammkneipe heißt „La Nueva Babél“, dem Unerreichbaren so nah. Das „Las Américas“ ist nur zwei Häuser weiter und auch das hat sich über die Zeit zu einem Ort gewandelt, der mich aufnimmt und abstößt. Rosa kümmert sich wie eine Hausmutti um ihre Kinder, aber die suchen das Abenteuer. Ich kenne die Gäste, gebe Reisetipps aus Backpackerperspektive und bin offenbar der Einzige, der weiß, dass sich die Toilettentür neben der Küche nur abschließen lässt, wenn man den Knauf nicht dreht. Insiderwissen.

Als es am Morgen Joghurt zu den Früchten gibt, ist Benoit schon zur Arbeit gegangen. Der Franzose lebt seit Monaten im Hostel und pflanzt Bäume für ein Wiederaufforstungsprojekt in Oaxaca. Davor hat er Filmwissenschaften studiert. Also sitzen die beiden anderen Dauerbewohner, Fatima und ich, stammplatzlos zusammen am Frühstückstisch. Seit drei Tagen passiert immer das Gleiche: Die Mexikanerin Fatima und ich starten eine Unterhaltung – und landen am Ende beim Zweiten Weltkrieg. Diesmal lief es so ab: Carlos Fuentes (mein Buch), Sound of Music (Fatimas Assoziation zu einem Hollywood-Heimatfilm-Musical), die 68er-Bewegung in Mexiko und Europa, der Weltkrieg und dessen Folgen. Unsere Unterhaltungen streben wie Rosas Frühstück ausschließlich einem Finale entgegen: Am Ende kommen immer die Rühreier. Woran das liegt? Ich weiß es nicht. Eigentlich könnte Rosa auch einmal Spiegelei ausprobieren, Fatima und ich könnten über Sport oder Omas Lieblingsrezepte diskutieren. Aber am Ende ist es das Holocaust-Mahnmal und die Frage, ob das Mahnmal oder die Kids falsch sind, die auf den bröckelnden Betonklötzen Yogaposen für Instagram einnehmen.

Fatima lebte in L.A., ich in Augsburg. Jetzt sitzen wir in der Zeitschleife Oaxacas fest. Sie ist krank, ich warte auf Post. Für sie sind Rosa und ihre Hostel-Crew wie eine zweite Familie, erzählt Fatima. Für mich wie ein familiäres Wartezimmer mit ausschließlich spanischsprachigen Illustrierten. Ich würde umziehen, wenn ich Rosa nicht vertrauen könnte. Aber das Wartzimmer ist bequem, Rosa liebenswürdig und meine Kreditkarte ist auf diese Adresse bestellt. Fatima und ich waren beide zeitweise frustriert, als wir beschlossen haben, unser altes Leben hinter uns zu lassen und zu reisen. Wir suchen mit jeder Unterhaltung insgeheim nach Auslösern unserer Frustration. Was hat uns zu dem gemacht, was wir sind? Die Geschichte unserer Länder? Mexiko, die USA, Deutschland? Alle zusammen, die Globalisierung? Warum ist es plötzlich nicht mehr so einfach mit Job, Partner, Baumpflanzen und Rühreiern glücklich zu sein? Hausbau haben wir beide nicht im Sinn. Wäre das auch mit Omelette passiert? Gibt es den guten Alltag überhaupt, irgendwann vielleicht? Wenn ich Neuankömmlingen erzähle, dass ich seit vier Wochen in Oaxaca festsitze, klopfen sie mir mitleidig auf die Schulter. Nächstes Ziel: Mazunte, Chiapas, Guatemala? Rosas Briefkasten, wenn ein Kuvert mit Kreditkarte eintrifft. Am Morgen spricht das Hostel über Geschichte, am Abend über die Weltrevolution – oder ertränkt all das bei Cerveza und Mezcal in der Karaokebar: „Babe / I got you babe.“

„Oaxaca, Stadt des Widerstands“ 

Es ist seltsam, wie schnell sich mein Leben gewandelt hat. In der ersten Woche ging ich jeden Tag auf eine neue Entdeckungstour: zu den Ruinen von Monte Alban, den Alebrije-Schnitzern von Arrazola, zum indigenen Tanz- und Essensfestival nach Zaachila. Dann erkundete ich die Stadt: Märkte, Museen, Mezcal. In den bunten Häuserfassaden schärft sich der Blick fürs Detail. Die Proteststadt Oaxaca fletscht die Zähne. Neben dem „Hong Kong“, etwas außerhalb Maos Blickfeld, hat jemand den Schriftzug „Oaxaca Ciudad de la RESISTENCIA“ gesprüht – mit freundlichen Grüßen vom Widerstand. Menschen sind auf diesen Straßen im Kampf gegen Armut, Ausbeutung und Korruption gestorben. Die „grabados“, Holz- und Linolschnitt-Streetart, erzählen die Geschichte der 26 Toten im Protestjahr 2006 und die der 43 verschwundenen Studenten im Nachbarstaat Guerrero 2014. Niemand wurde verurteilt, 43 Menschen sind seit vier Jahren vermisst. Der Zorn Oaxacas ruht zurzeit. Doch Spannung liegt in der Luft.

Ich bin mir sicher: Es gäbe keinen besseren Ort für mich, um meine Kreditkarte zu verlieren. Die Landschaft ist paradiesisch, Oaxaca spannend. Aber nach vier Wochen werden meine Füße lahm. Die guten Dinge kann man ja auch vor der Haustür finden: Panqué de platano, progressive Kunst, Bier. Eines Abends stelle ich fest, dass ich den ganzen Tag im Hostel verbracht habe. Das ist in fünf Reisemonaten einmalig. Neue Gäste tauchen auf und verschwinden wieder aus dem „Las Américas“. Dutzende Willkommensgrüße, genauso viele Abschiede. Am Ende bleiben Rosa, Benoit, Fatima und ich. „Wie geht’s dir heute?“, fragt Fatima. Gut. Aber ich muss hier raus.

*

Wie ist es, alles hinter sich zu lassen und auf Weltreise zu gehen? Bastian Sünkel erzählt davon einmal im Monat – das nächste Mal mit seinen Erlebnissen in Chiapas, Guatemala. Wer mehr lesen will, findet den Reiseblog von Bastian Sünkel im Internet unter www.globalmonkey.net.

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