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Skiurlaub in Trentino

05.03.2018

Hier gibt es die Talabfahrt in den Frühling

Den Gardasee im Blick: Skifahren auf der Paganella im Trentino.
Bild: Schwer

Während es im Tal schon grünt und blüht, herrscht auf der Paganella noch bester Skiwinter. Warum fast jeder den Ort kennt, aber doch meistens daran vorbeifährt.

Wohlklingend ist schon der Name. Paganella – mit langer Betonung auf dem „e“. Paga-ne-lla! Noch nie gehört? Kennt doch jeder! (Fast) jeder, der schon mal in Italien in Urlaub war. Paganella-Ovest: Erinnerungen werden wach. Nachts die Alpen überquert, Sterzing, Bozen, Paganella. Die Sonne scheint, daheim war Regen. Der erste Espresso an der Autobahnraststätte. Paganella-Ovest – ein ebenso zufälliger wie beliebiger Halt auf dem Weg in den Süden. Nach Jesolo, nach Bardolino, nach Siena. Zwischenstopp. Pinkelpause. Aber ein Reiseziel? Und das im Winter? Zum Skifahren?

„In Rom kennt jeder die Paganella.“ Sagt Tina Stolcis. Wie bitte? Paganella, 2125 Meter über Normalnull. Wir sind heraufgegondelt von Andalo. „La Roda“ prangt in weißen Lettern auf dem Rifugio, auf der Gipfelhütte. Die großen Antennen – das einzige, was man von der Paganella von der Autobahn unten im Etschtal aus sieht – fallen gar nicht so auf, wie man vermuten könnte. Vielleicht sind wir aber auch nur so überwältigt vom Panorama. „In Rom kennt jeder die Paganella.“ Tina Stolcis rammt also die Skistöcke in den Schnee und erzählt. Wer von Süden kommt, für den ist „Paganella Ski“ zwar nicht das allererste, aber das erste lohnenswerte Ziel. Autostrada del Sole, dann A22, Raststätte Paganella-Est…

Man nehme also die „Uscita S. Michele all’adige“ und komme herauf: Erst mit dem Auto auf das Altopiano della Paganella, ein gut 1000 Meter hoch gelegenes Tal auf der Westseite des Trienter Hausbergs, und dann nochmals gut 1000 Höhenmeter mit Gondelbahn und Sesselliften zum Gipfel. „Bis auf den Papst waren schon alle da aus Rom“, erzählt Stolcis weiter – und muss selber lachen. Aber zählen kann sie die kleinen und großen Skibegeisterten nicht mehr, die bei ihr früher das elegante Wedeln und heute den schneidigen Carving-Schwung gelernt haben. Als „Maestro di Sci“ weist sie das Logo auf der Jacke aus, als Skilehrerin. Tina Stolcis, 56, wohnt seit über 30 Jahren in Andalo und betreibt eine der sechs Skischulen am Ort. Schneesicher muss es also sein. Dabei sieht man selbst von Andalo aus die Pisten nicht. Dafür ist die Überraschung umso größer, welch großes Plateau sich oben ausbreitet – weiß und weit.

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Die Abgeschiedenheit ist Fluch und Segen zugleich

Andalo ist eines der fünf Dörfer der Paganella-Hochebene, und es ist hier das kleine Kitzbühel. Gerade mal 1100 Einwohner zählt der Ort, aber in über 60 Hotels und Pensionen gibt es 5000 Betten. Da geht es quirlig zu, schon am Morgen beim Skiverleih, mittags auf den Hütten, und auch nach Liftschluss ist Leben, beim Shoppen und später beim Apres-Ski. Gewiss, nicht so laut wie in den Partyzonen von Ischgl oder im Zillertal. Aber es darf schon was los sein, Ruhe ist in den anderen Dörfern noch immer genug. Hier spüren die Einheimischen die Abgeschiedenheit als Fluch und Segen zugleich: So wenige Kilometer vom Etschtal, von der Autobahn entfernt – und doch kaum bekannt.

So versuchen sie also die Gratwanderung zwischen Rummel und Ruhe, wie Tourismusdirektor Luca D’Angelo erklärt. Auf der Paganella haben sie kräftig modernisiert: Schnelle Sessellifte sind Standard. Schmale, bucklige Eispisten im Wald sind passé: Gerade erst ist die Pista Nuvola Rossa neu angelegt, vom Gipfel hinunter bis Santel. 3,5 Kilometer lang, breit planiert, trotzdem kurvig, abwechslungsreich – nichts für Anfänger, aber ideal für geübte Skifahrer, die ihre Oberschenkel mal brennen spüren wollen. Die Rundum–Aussicht gibt es kostenlos dazu: Im Westen beeindruckt die Brenta-Gruppe mit unzähligen Zacken und Nadeln, im Norden ragen Weißkugel und Similaun aus dem Alpenhauptkamm, in der Ferne der Großvenediger, etwas näher die Dolomitenklassiker rund um Sella, Rosengarten und Marmolada. Und bei jedem Schwung auf der Nuvola Rossa fällt der Blick fast 2000 Meter tief hinunter ins Etschtal, wo im März schon die Weinstöcke treiben und gleich nebenan im Val di Non die Melinda-Apfelbäume bald blühen.

Die Paganella ist ein echter Aussichtsbalkon. Während es oben noch winterlich weiß und kalt ist, blühen unten schon die ersten Bäume.
Bild: schwer

Die Paganella ist ideal für Grenzgänger zwischen den Jahreszeiten. Tina Stolcis dreht sich weiter um nach Süden, deutet auf den Monte Bondone und den Monte Baldo – und da, heute im Dunst eher zu erahnen wie an klaren Tagen zu sehen, der Gardasee. Die Südtirolerin aus Meran ist längst heimisch geworden auf diesem „Aussichtsbalkon“ über dem Gardasee. Auch über den Sommer weiß sie Bescheid und kann erklären, was es mit den von den Surfern so begehrten Winden auf sich hat, wie am Vormittag der „Vento“ südwärts bläst und nachmittags die „Ora“ heraufkommt: „Das ist bis Andalo zu spüren.“ Und dass es deshalb im Sommer schon mal 30 Grad Hitze auf knapp 1000 Meter Höhe haben kann. Das wirkt sich auf die Vegetation aus – wie sonst könnten im Valle dei Laghi, im Tal der Seen unter der Paganella, Zitronenbäume blühen und Oliven reifen?

Paganella und die Gegensätze. Wenn Andalo also für Winter steht, dann ist das sechs Kilometer entfernte Molveno das Synonym für Sommer. Klar kann man auch von hier aus mit dem Skibus zum Pistenspaß starten. Doch mit den Frühlingsblühern kommt hier Leben ins See-Dorf der Brenta-Dolomiten: Wandern, Klettern, Mountain-Biking, Paragliding, Baden und Bootfahren – das sind hier rund um den Molveno-Stausee die angesagten Aktivitäten. Und dass Trentino Marketing ein eigenes Junior-Heft herausgibt, soll unterstreichen, wie familienfreundlich man hier urlauben kann. Sommers wie winters. Ein Life-Park wirbt als der „Himmel“ für alle Sportbegeisterten – vom Wellnesstempel über Kinder-Klettergarten bis zum Fatbike-Fahren im Schnee gibt es so ziemlich alles.

Noch ein letzter Blick zum Gardasee

Wer sich kutschieren lassen will, bucht eine Pferde-Schlittenfahrt. Man kann sich auch mit der 330 PS starken Snowcat, einem Pistenbully mit Fahrgastkabine, durch die verschneiten Wälder nachts zum Dinieren zum „La Montanara“ bringen lassen. Ein Rifugio auf 1525 Meter Höhe, vor dem sich die Dreitausender stapeln. „Die Bühne ist unsere Natur“, sagen die Trentiner voller Stolz. Und wenn sie vom „Sound of the Dolomites“ sprechen, dann meinen sie längst nicht mehr nur den berühmten Bergsteigerchor, sondern ein jährlich wiederkehrendes, an unterschiedlichsten Gipfeln und Passhöhen stattfindendes Klassik- und Jazzfestival, für das Stars aus aller Welt wie die Cellisten der Berliner Philharmoniker oder Chick Corea anreisen.

Sommer und Winter, Tradition und Moderne, Rummel und Ruhe – an der Paganella lassen sich noch mehr Gegenpole und Gratwanderungen festmachen. Da ist nicht nur der Übergang vom deutschsprachig geprägten Südtirol zum italienischen Trentino. Da ist die kulinarische Mischung aus der früher einfachen Kost der Bergbauern und typisch italienischen Köstlichkeiten. Überhaupt der Einkehrschwung: Über 150 Refugios gibt es im ganzen Trentino, ein Drittel hat im Winter geöffnet. Zu viele, um sie alle auszuprobieren... Tina Stolcis setzt ihren Helm auf, ihre gelb-orange-gemusterte Skijacke ist so unverwechselbar, dass wir ihr auch im Gewimmel auf den blauen Pisten rund um die Malga Terlaga folgen könnten.

„Auf geht’s!“ Noch ein letzter Blick zum Gardasee, dann heißt es aufgepasst. „Olimpionica“ nennt sich die nächste Abfahrt ambitioniert. Schwungvoll geht es dahin, in genussvollen Carvingbögen, eine Geländekante lässt die Neigung größer werden. Schneller wird’s, die Schwünge werden kürzer, dann noch eine Kante, ein Abzweig zum Lift, vorbei. Und plötzlich sind wir fast allein. Hier im Wald wird es schon schattig. Schattig bedeutet kühl, der Schnee ist kalt, die Piste hart, nichts für Feiglinge. Tina Stolcis hält an.

Denn nun kommt sie, die Pista dei Campioni, Champions’ Slope. Der Name ist keine Übertreibung, wie unsere Skilehrerin betont: „Die Norweger trainieren hier.“ Die Norweger, damit sind Aksel Lund Svindal, Kjetil Jansrud und Henrik Kristoffersen gemeint, einige der besten Alpinfahrer der Welt: Svindal, der Speedkönig; Kristoffersen, der ewige Slalom-Dauerrivale von Marcel Hirscher und Felix Neureuther. Andalo ist der offizielle Trainingsstützpunkt der Norweger in den Alpen. Tina Stolcis kennt sie alle. Kein Wunder: Sie kommt aus der Branche, ist selbst jahrelang Rennen gefahren im Europacup.

Die Brenta-Gruppe als ständigen Begleiter: Als Schneeschuhwanderer unterwegs.
Bild: Schwer

Ein 15-Jähriger war besser als Bode Miller

Und noch einen kann man hier antreffen: Bode Miller. Der heute 40-Jährige galt als rebellischer „Bad Boy“, pflegte den wohl spektakulärsten Fahrstil („Stuntman auf Skiern“) und ist bis heute der erfolgreichste US-Amerikaner. Auch er hat hier jahrelang trainiert – und kommt regelmäßig wieder. Erst vor kurzem war er da und ließ sich auf der Olimpionica von ambitionierten Nachwuchs- und Hobbyfahrern herausfordern. Eine Zeit von 21,05 Sekunden legte er zwischen den Riesenslalomstangen vor. Der Spaß war riesig, die Überraschung ebenso: Ein 15-Jähriger aus Tschechien unterbot Bodes Bestzeit!

Da bleibt am Ende nur ein Fazit: Paganella und die Gegensätze. Irgendwie passen das Familienskigebiet mit den Skikurs-Areas für die Kleinsten samt Bücher- und Spieliglu und der Anspruch der „Olimpionica“ für die Besten der Besten zusammen. Paganella ist doch mehr als eine Autobahnraststätte.

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