1. Startseite
  2. Geld & Leben
  3. Reise
  4. Im Schatten des Ararat: Unterwegs in Armenien

Rundreise durch Armenien

11.10.2018

Im Schatten des Ararat: Unterwegs in Armenien

Copy%20of%20ara2(1).tif
6 Bilder
Imposanter Anblick: Der Ararat von armenischer Seite gesehen.
Bild: Kirill Kudryavtsev, afp

Eine Reise durch ein widersprüchliches Land, das sich mit seinem Nachbarn Türkei schwer tut. Die Heimat von Charles Aznavour beeindruckt mit einer kargen Landschaft

Wenn Charles Aznavour in seiner großzügigen Villa in Jerewan war, dann konnte er bei klarem Wetter den heiligen Berg der Armenier am Horizont ausmachen. Doch der Ararat steht nicht mehr auf armenischem Boden. „Der heilige Berg ist auf der falschen Seite“, sagt Aramajis Mnatsakanjan und lacht, als hätte er einen blöden Witz gemacht.

Doch die Sache ist ernst. Der charakteristische Vulkan mit dem weiß überpuderten Gipfel, an dem die Arche Noah nach der Sintflut gestrandet sein soll, ist zwar im Nationalwappen abgebildet, befindet sich aber in Feindesland – im türkischen Ostanatolien.

Rund um den 5137 Meter hohen Berg breiteten sich bis 1915 die armenischen Ostprovinzen aus. Der von der Türkei bis heute geleugnete Völkermord an den Armeniern beendete eine jahrtausendealte Geschichte, und er ist eine schwärende Wunde im Gedächtnis der Armenier – auch der jungen. Aramajis, flink, drahtig und immer zu einem Scherz aufgelegt, ist dankbar dafür, dass die von ihm bewunderten Deutschen den Genozid anerkannt haben. Der 34-jährige Vater von zwei Töchtern hat Deutsch fürs Lehramt studiert, aber nie unterrichtet. Lieber führt er Touristen durch sein schönes Land und versucht, ihnen die Augen zu öffnen für die Probleme und die Hoffnungen der Armenier. Und dabei steht der Ararat immer im Programm.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Am besten zu sehen ist der sagenumwobene Berg vom Kloster Chor Virap aus, etwa eineinhalb Fahrstunden von Jerewan entfernt. Hier, wo König Trdat III. im Jahr 288 n. Chr. den heiligen Gregor in eine Höhle sperrte und 13 Jahre gefangen hielt, begann die Geschichte des christlichen Armenien. Denn Gregor ließ nicht vom Glauben und bekehrte den ungläubigen König, nachdem er ihn von einer entstellenden Krankheit geheilt hatte. Als erstes Volk in der Geschichte nahmen 301 die Armenier das Christentum als Staatsreligion an.

Das Land ist voll von solchen Geschichten. Man muss nicht über eine wacklige Leiter in Gregors feuchtes Kellerverlies hinunterklettern, um die besondere Atmosphäre dieses Ortes zu spüren. Über die Mauern, die das Kloster umgeben, blickt man hinüber zum heiligen Berg und hinunter zum Fluss Arax, dahin, wo die Grenze zwischen Armenien und der Türkei verläuft. Bis heute ist sie geschlossen wie die andere Grenze zum Krisengebiet Berg Karabach.

„Armenien ist das einzige Land der Welt, das zwei geschlossene Grenzen hat“, macht Aramajis die prekäre Lage des kleinen Landes deutlich. Etwa drei Millionen Menschen leben in dem kaukasischen Binnenstaat. Doppelt so viele befinden sich im Ausland wie der nun verstorbene Charles Aznavour, der sich auch als großer Förderer Armeniens einen Namen gemacht hatte. Und ohne die Gelder der Auslandsarmenier wäre das Land noch ärmer, als es ohnehin ist. Auf elf Milliarden Dollar, sagt Aramajis, belaufen sich die Auslandsschulden. Das Brutto-Inlandsprodukt liegt mit 11,5 Milliarden knapp darüber. Die Wirtschaft wächst zwar, hat aber längst noch nicht den Aderlass überwunden, den sie nach dem Zerfall der Sowjetunion erlitten hatte.

Damals blühende Industrielandschaften verrotteten mangels Energie, bis heute stehen die Ruinen in der Landschaft wie rostige Mahnmale. Fünf harte Jahre mussten die Armenier überstehen, ehe es langsam wieder aufwärtsging. Aramajis war 1991 noch ein Kind, aber erinnert sich, wie schwer das Leben wurde. Damals, als es kaum Strom gab, kein Gas, als die Menschen ihr Parkett und ihre Möbel verheizten. Damals war jeder froh, der einen Garten hatte, wo er das Nötigste zum Leben anbauen konnte, denn die Regale in den Läden waren leer.

Das hat sich geändert, vor allem in der quirligen Hauptstadt Jerewan ist von Mangel nichts zu spüren. Im Gegenteil, es gibt alles, was das Herz begehrt: teure Klamotten, die sich kein armenischer Normalbürger leisten kann, Feinkost und Luxuskarossen, edle Restaurants und eine feierfreudige Jugend, die gern die Nacht zum Tag macht.

Jerewan ist eine der ältesten Städte der Welt – und eine junge Stadt. Am Abend, wenn am Platz der Republik die Fontänen nach der Musik tanzen, trifft sich viel Jungvolk auf den Bänken und Mäuerchen um die Springbrunnen, um danach weiterzuziehen in die Kneipen der Stadt.

Hier im Herzen Jerewans hat Städteplaner Alexander Tamanjan seine Träume von einer „rosaroten Stadt“ verwirklicht. Die meisten der repräsentativen Gebäude sind aus im Sonnenlicht warm schimmerndem roten Tuffstein gebaut. Sehenswert wie der Platz der Republik ist die Kaskade, ein bis heute unvollendeter Treppenkomplex aus hellem Kalkstein, die hinaufführt zu einer Aussichtsplattform, von der man einen großartigen Überblick über die Stadt hat. Wer allerdings direkt nach unten blickt, sieht immer noch verrostete Kräne und eine verlassene Baugrube. Im Inneren der Gebäude befinden sich einige Museen, darunter das erste große Museum für zeitgenössische Kunst. Auf den Treppen lagern an warmen Tagen junge Leute und schmusende Pärchen.

Die Villa von Charles Aznavour direkt unter der Aussichtsplattform erinnert auch daran, wie viele Armenier im Ausland leben. Die Sängerin Cher gehört dazu, der Schachweltmeister Garri Kasparow, der Milliardär Kirk Kerkorian, der Tennisstar André Agassi, der Schriftsteller William Saroyan… Viele der reichen Diaspora-Armenier haben in Jerewan investiert und neue, teure Häuser gebaut. Dafür mussten allzu oft die schönen alten Gebäude weichen, und für die Jerewaner, die in den schäbigen Plattenbauten der Vorstädte hausen, sind die Neubauten ohnehin unerschwinglich. Bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 360 Euro ist das Geld knapp. Chronisch unterbezahlt sind Ärzte und Lehrer. Dennoch ist ein Studium das höchste Ziel der jungen Leute – und das, obwohl die Hochschulen Studiengebühren verlangen.

Ein Leben auf dem Land, wie es die Molokanen in Filetovo führen, ist für die Hauptstadt-Jugend unvorstellbar. In Filetovo leben die Menschen wie aus der Zeit gefallen. Ein uralter Traktor rattert über die holprige Dorfstraße, vor den Holzhäusern türmen sich Heuberge, die Bauerngärten stehen in voller Blüte und auf den Feldern klauben ganze Familien Kartoffeln. Frauen in langen Kleidern und mit Kopftüchern verkaufen am Straßenrand Karotten und Kraut, Kartoffeln und Eingewecktes.

Im 19. Jahrhundert hatte der russische Zar die Anhänger eines spirituellen Christentums nach Armenien geschickt, und bis heute leben sie abgeschottet in einer geschlossenen patriarchalischen Gesellschaft. Die Rudomjotkinis sind schon seit 100 Jahren im Dorf, sechs Generationen leben in dem kleinen Haus mit dem großen Garten. Es gibt eine eigene Schule, in der Russisch als erste Sprache gelehrt wird. Der Bürgermeister ist zugleich das Oberhaupt der Gemeinde. Alkohol gibt es hier nicht, auch keine Kreuze.

Das will etwas heißen in Armenien, wo die traditionellen Kreuzsteine aus dem 15. und 16. Jahrhundert zu Tausenden zu finden sind. Fein gemeißelt wie steinerne Spitze sind die Symbole eines innigen Glaubens. Einige der schönsten dieser Kreuzsteine stehen in Edschmiadsin, dem religiösen Zentrum des Landes, auch Unesco-Weltkulturerbe. Die Klosterstadt, wo der Katholikos, das Oberhaupt der armenischen Kirche, residiert, gilt als der „Vatikan Armeniens“. Im Park trifft man auf angehende Priester, die ins Gespräch vertieft sind, und Familien, die sich vor den mächtigen Gebäuden fotografieren.

In der imposanten Kirche findet gerade eine Liturgie statt, die Gläubigen drängen sich vor dem Hauptaltar. Alte Frauen und junge Männer beten mit großer Inbrunst, vor den Ikonen flackern Kerzen, Kinder wuseln zwischen den Erwachsenen. Die armenische Kirche vereint die Armenier – und der Stolz auf ihre Geschichte, auf die uralten Kreuzkuppelkirchen, die von einer langen Glaubenstradition erzählen. In Edschmiadsin, zu Deutsch „herabgestiegen ist der eingeborene Sohn“, wird eine Lanzenspitze als Reliquie aufbewahrt, mit der Christus am Kreuz durchbohrt worden sein soll – und außerdem ein Fragment der Arche Noah.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20maled(2).tif
Reise-Reportage

Malediven: Die unbekannte Seite eines Traumziels

ad__web-mobil-starterpaket-099@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live,aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Zum Web & Mobil Starterpaket