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Ein Jahr lang unterwegs

05.06.2018

In Mexiko durch die Wüste zu den Walen

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3 Bilder
Bei der Reise durch Mexiko kommt Aufbruchstimmung auf.
Bild: Bastian Sünkel

Wie fühlt es sich an, immer auf Reisen zu sein? Bastian Sünkel probiert es aus. Zu Fuß über die Grenze an die Baja California und dann irgendwie weiter.

Es sind seine Handbewegungen, die meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ricardos linke Hand ist die meiste Zeit am Steuer des Pickups, den er routiniert durch die Wüste des mexikanischen Teils Kaliforniens lenkt. Die rechte Hand findet hingegen keine Ruhe. Hosenzupfen, durchs Gesicht wischen, Haare richten, auf dem Lenkrad trommeln. Kilometer für Kilometer verliert Ricardo seine behäbige Ruhe, die er ausstrahlt, als er mich eine Stunde zuvor am Straßenrand von Mulége aufliest. Er hat keine Lust zu reden, weil mein Spanisch zu schlecht ist, zu anstrengend in der Wüstenhitze, die uns durch die offenen Fenster um die Ohren peitscht. Hören war schon einmal einfacher, Atmen auch. Ich lasse mich auf das Schweigen ein und greife zum Buch.

Am fünften Tag in der Rolle des Anhalters will ich, vorbei an atemberaubenden Kakteen- und Küstenlandschaften, nur noch mein Ziel erreichen: La Paz, Baja California Sur. Als mir Ricardos Hände keine Ruhe mehr lassen, lese ich nicht mehr, sondern schiele über den Seitenrand hinaus auf seine Augen – die plötzlich zufallen. Die Strecke ist kerzengerade, aber das kurze Zucken nach dem Sekundenschlaf lässt den Pick-up schwanken. Ricardo verfolgt den strikten Plan, das Auto in nicht einmal zwei Tagen auf rund 1500 Kilometern zu überführen. Jetzt droht das waghalsige Manöver zu scheitern. In diesem Moment greife ich in meine Kameratasche und tatsächlich: Er ist da. Ich halte Ricardo meinen internationalen Führerschein unter die Nase, der als grauer Lappen mehr an meine Mofa-Prüfbescheinigung einst erinnert als an ein jetzt lebenswichtiges Dokument. Ich zeige ihm mein Bild, verstecke den sechs Wochen wachsenden Bart hinter meiner Handfläche, damit er sich vorstellen kann, dass ich der Typ auf dem Passbild bin. Er überlegt kurz und fährt rechts ran. Der Tramper fährt, der Fahrer schläft.

Natürlich habe ich mich vier Wochen früher nicht dafür entschieden, mein neues Reiseglück bei schläfrigen Fernfahrern zu suchen. Allerdings kann ich nicht bestreiten, dass ich in diesem Moment, als ich hinter dem Steuer eines fremden Autos sitze, endlich das fühle, was ich auf der Reise durch Island und die USA vermisst habe. Ich habe einen Auftrag und ein simples Ziel: Den klapprigen Ford sicher von A nach B zu steuern. Durch die Wüste, durch eine Militärkontrolle, auf verschlungenen Pässen der Sierra in den Südosten. Ist das die Freiheit, nach der ich gesucht habe?

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In Mexiko fühle ich Aufbruchstimmung

Zu Fuß habe ich Anfang Mai die Grenze nach Mexiko überquert. Die Entscheidung hat meine Route komplett umgekrempelt. Mein Plan, die USA mit meiner Reisepartnerin Imo zu durchqueren, blieb wie sie auf der anderen Seite zurück. Auf mexikanischer Seite bin ich allein und fühle nach den ersten Schritten in der nicht gerade harmlosen Stadt am Grenzwall Unsicherheit. Es dauert allerdings nicht lange, bis bei Couchsurferin Rebecca im Zentrum Tijuanas die Stimmung erneut umschlägt. Fähnchen für Fähnchen sammle ich Reisetipps Rebeccas und ihrer Freunde in einer Karte auf dem Tablet.

Am Ende muss ich nicht mehr viel tun, um einen neuen Plan zu haben. Vielmehr: Optionen. Eine Fähnchenformation von Nordwest nach Südost, von Tijuana bis Yucatan, der ich anders als bei Skiabfahrten folgen kann, aber nicht muss. Die Zwischenziele entwickeln sich auf dem Weg wie die Art des Reisens: Trampen, Fähre, Zug und, wenn es unbedingt sein muss, Flugzeug. Nach vier Tagen in Tijuana fühle ich vor allem eines: Aufbruchstimmung.

Das Gefühl gefällt mir und steigert sich an jenen Wegmarken, an denen sich Verzweiflung und Glück kreuzen: als ich in dem Durchfahrtsstädtchen Colonia Vicente Guerrero planlos am Straßenrand stehe und mich die Couchsurfer um Familienvater Israel für eine Nacht in ihr Haus einladen. Die Nacht am Rand der Wüste auf Sandboden in der Fünf-Häuser-Einöde Cataviña, die Etappen auf den Ladeflächen der Pickups. Die unbekannte Welt bestätigt mich: Sie ist doch irgendwie gut, weil ich am Leben bin und Menschen mich allein aus Nächstenliebe oder wegen schleichender Müdigkeit in ihr Auto einladen, selbst wenn wir nicht die gleiche Sprache sprechen. Beim Trampen finde ich ein soziales Leben wieder, das ich im Alltag zuvor vermisst habe.

Der Weg ist das Ziel.
Bild: Bastian Sünkel

Meine Freiheit beginnt da, wo der Plan aufhört

Trotz dieser Erlebnisse stelle ich mir die Frage, wer ich bin, wenn ich reise, vor allem in der Rolle des Bloggers. Jeden Tag schicke ich Bilder von den Orten in die Welt hinaus, die auf mich und andere fremd und schön wirken. Ich bekomme Herzchen und Likes im Internet und regelmäßig Nachrichten, wie neidisch man doch auf mich sei. Je mehr, desto höher die ausgeschüttete Dosis Glück im Körper. Ehrlich gesagt habe ich mich fast jeden Tag gefragt, was ich hier eigentlich mache. Professionelle Online-Nomaden schreiben mir Nachrichten, dass sie mich gerne in ihre „Family“ aufnehmen wollen – wenn ich 29,99 Dollar zahle. Instagram-Reposts inbegriffen. Ich erkläre ihnen, dass meine Mutti keine 29,99 Dollar verlangt, wenn sie für mich Sauerbraten zubereitet. Klöße inbegriffen.

Andere fordern mich auf, sofort ihre Anleitung zum Nomadentum und ewigwährenden Glücks zu lesen und eine Bucket Liste zu erstellen. Die Liste kennt man aus Filmen und von anderen Online-Bloggern: Dinge, die man tun will, bevor man stirbt. Zum Beispiel: Lemuren auf Madagaskar den Rücken kraulen. Hinfahren, Rücken kraulen, Häkchen setzen, der Welt präsentieren. Mir geht es meistens umgekehrt. Ich habe kein Ziel. Als wäre ich Sisyphos und müsste einen Stein den Berg hochrollen, aber die ganze Landschaft ist eben. Ich merke es hinterher, wenn etwas gut war – wie bei Ricardo im Pickup.

Jeder hat sein eigenes Ziel, wenn er reist. Der klassische Tourist der Nachkriegsjahrzehnte hat hauptsächlich nach Entspannung gesucht und manchmal nach Schnitzel in Italien – bilde ich mir ein. Für die Online-Nomaden hingegen ist es ein Job, angeblich der beste der Welt. Und für mich? Ich stehe noch am Anfang meiner Reise nach sieben Wochen. Aber ich erahne langsam, nach was ich suche. Wenn Couchsurferin und Wal-Forscherin Esther mir in La Paz erklärt, dass Buckelwale jede Saison ein neues Lied anstimmen und dass die Menschen weder den genauen Sinn kennen noch wissen, wie sich der aktuelle Song unter den Walbullen verbreitet, noch beurteilen, welcher Wal ihn komponiert und wer ihn nur nachsingt … – dann sitze ich da und staune. Wir lauschen dem Hit der Saison und tauschen Ideen dazu aus. Zwei Tage später sehe ich die Buckelwale neben unserem Boot vor der Insel Espiritu Sancto auftauchen und mein Blick auf sie hat sich verändert. Ich kann lernen, aber nie komplett verstehen, was in ihnen vorgeht. So verändert sich auch mein Blick auf Menschen und Landschaften.

Es heißt, dass die Wale jede Saison ein neues Lied anstimmen.
Bild: Bastian Sünkel

Als mich Ende Mai die Fähre von La Paz auf das mexikanische Festland bringt und ich später im schnaubenden Bergzug „El Chepe“ die Sierra Tamahumara im Bundesstaat Chihuahua erkunde, läuft immer wieder ein Song der Band „Die Nerven“ auf meinen Kopfhörern: „Wo willst du hingehen / Wenn du überall schon warst?“ Und weiter: „Finde niemals zu dir selbst!“ Meine Reise durch Mexiko ist gerade nur am Rande ein Selbstfindungstrip, keine Selbstvermarktungsshow und am allerwenigsten ein Lebensplanspiel à la Bucket List. Meine Freiheit beginnt gerade da, wo der Plan aufhört. Ich fahre von A nach B und sammle Geschichten. Immer mit der Gewissheit, dass ich niemals überall gewesen sein kann.

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