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Griechenland

07.08.2018

Insel Thassos: Ägypten mitten in Griechenland

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5 Bilder
Die berühmte Giola, eine Naturpool an der Künste.
Bild: Doris Wegner

Die Insel hat den kuriosesten Waschplatz der Ägäis, nur eine Ampel und eine eigene Schrumpelolive. Warum man hier oft auf Deutsch angesprochen wird.

Ein Schritt vor. Und wir sind in Ägypten. Ägypten? Wir sind doch mitten in Griechenland. Ein Parkplatz für vier Fahrzeuge, ein Brunnen, eine riesige Platane, viel Schatten: Ägypten ist hier nichts besonderes. Und doch wagt es keiner, hier irgendetwas zu verändern. Denn dieser kleine Platz am Rande des Bergdorfes gehört tatsächlich dem ägyptischen Staat. Das hat mit früheren Herrschaftsverhältnissen während des osmanischen Reichs auf Thassos zu tun. Dass hier noch immer ein Waschplatz zu Ägypten gehört, ist eine geopolitische Kuriosität. Und für Besucher des Bergörtchens Kazaviti ein nettes Spiel: ein Schritt vor, ein Schritt zurück, Ägypten, Griechenland, Ägypten …

Nur eine Steintreppe hinauf und Ägypten ist vergessen. Wir stehen auf einem Stück Griechenland, wie es schöner nicht sein könnte. Eine Platia wie gemalt. Tavernen mit bunten Holzstühlen, in der Mitte des Dorfplatzes uralte Platanen mit schon hohlen Stämmen, in denen halbe Kindergartengruppen Verstecken spielen könnten, der Rand des Platzes säumt eine einzige lange Bank. Ein Platz also, um zusammen zukommen, sich den kühlen Abendwind um die Nase wehen zu lassen und stundenlang zu reden über das Leben auf Thassos. Fehlt nur noch ein Mythos. Ein Wunsch, der sich leicht erfüllen lässt. Mythos – so heißt hier das Bier.

Aber wie das so ist in Griechenland, ein echter Mythos lässt nicht lange auf sich warten. Zum Beispiel der, wie die Insel zu ihrem Namen kam. Kurz nachdem Zeus die schöne Europa auf seinen Stierrücken gelockt hatte, beauftragte ihr erboster Vater, der Phönizierkönig, Aginoras, seine Söhne Kadmos und Thassos die abhanden gekommene Schwester zu suchen. Er verbot den Brüdern zudem, ohne Europa wiederzukehren. Was konnten die beiden gegen den Göttervater schon ausrichten? Nach jahrelanger Suche trennten sich die Wege der Brüder. Kadmos gilt als der Gründer von Theben und Thassos ließ sich auf einer „reichen, wunderschönen Insel nieder“ und schenkte ihr seinen Namen.

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Eine große Vergangenheit

Thassos ist die nördlichste Ägäisinsel Griechenlands, nur einen Katzensprung vom Festland entfernt. Und sagenhaft reich war sie tatsächlich einmal. Wegen ihrer Goldvorkommen und dem blütenweißen Marmor, der für Bauwerke und Statuen begehrt war, hatte Thassos in der antiken Welt einst einen legendären Ruf. In griechischen Zeiten war die Hauptstadt Liménas, die einzige Stadt neben Athen, die Münzen prägen durfte. 40 000 Menschen lebten einst hier. Heute sind es auf der ganzen Insel 14000.

Von den glorreichen Zeiten ist nicht mehr viel übrig. Was die Griechen bauten, zerstörten die Römer und so weiter und so weiter. Ein Steinbruch, ein altes Theater, das schon lange saniert werden soll. Doch das Geld fehlt. Eine zugewachsene Römerstraße, eine Akropolis hoch über der Atadt, die nur zu Fuß erreichbar ist. Und ein sehenswertes Museum, das war’s mit den antiken Resten.

Die Suche nach Europa – im politischen Sinne allerdings – scheint noch immer eine große Rolle zu spielen. Die Krise. Allen Sorgen zum Trotz für ein Schwätzchen ist immer Zeit. Und das nicht nur weil es auf Thassos etwas ruhiger zugeht als anderswo. Ins Gespräch kommt man so leicht, weil viele Thassiten einen engen Bezug zu Deutschland haben. In den 60er-Jahren gingen viele nach Deutschland, verdienten dort Geld und kehrten nach einigen Jahren wieder zurück auf ihre Insel.

Impressionen von Thassos.
Bild: Doris Wegner

So kommt es, dass man oft auf Deutsch angesprochen wird. Die blondierte Shopverkäuferin im Hotel lebte jahrelang in Lübeck. „Wissen Sie, Deutschland ist meine zweite Heimat“, sagt sie und schiebt die Briefmarken über die Theke. Eine sympathische ältere Frau in Panagia hört uns auf der Straße reden und ruft uns zu: „Ich habe mal in Stuttgart gelebt“. Auf dem Markt von Prinos verkauft Vassili Oregano, Johanniskrautöl, Oliven und Olivenöl. Mit 14 ging er nach Hannover, um in einem griechischen Lokal zu arbeiten. „Meine Mutter war total dagegen, aber ich wollte es unbedingt“. Vassili sagt, er hat sein Glück gemacht. „Ich habe zwei Töchter, drei Enkel und einen netten Schwiegersohn, was will man mehr“.

Um die Reiselust geht es auch in unserem aktuellen Podcast. Hier reinhören:

So geht es nicht allen. Athanasios verkauft Schafwolle auf dem Markt und im Sommer Früchte an den Stränden. Die Geschäfte gehen nicht sehr gut. „Ich bin arm sagt er, ich muss immer kreativ sein“. Seit der Krise gehe es vielen so, vor allem den Älteren. Athanasios ist noch immer Marathonläufer. 40 Rennen hat er bewältigt. Geld für Sportschuhe habe erkeines mehr. Er zeigt auf seine Sneakers, sie sind ein Patchwork, von ihm zusammengenäht aus vielen alten Laufschuhen.

In Ludwigshafen lebte Alekos Kotsikelis, der Besitzer des ältesten Kafenions in Panagia. Sieben Jahre lang arbeitete er als Lastwagenfahrer für „Kaufhof“. Dann rief sein Vater an und fragte ihn: Ob er das alte Café übernehmen werde. Zeit heimzukehren. Das alte Kaffeehaus direkt in der Ortsmitte sollte nicht in fremde Hände gehen. Es ist ein Kafenion wie auf einer Griechenland-Postkarte. Ein paar ältere Männer sitzen auf blauen Holzstühlen auf der Terrasse. Oft den ganzen Tag vor einem Frappé. Im Gastraum ein Jubelfoto der griechischen Nationalmannschaft mit Otto Rehakel. Griechenland Europameister. Das Foto ist verblasst, 14 Jahre ist das her. Ein Griechenland ein Feierlaune. Und jetzt die gestiegenen Preise, die enormen Steuern, ach Europa. Der 73-jährige Alekos, schwarze Hose, schwarzes T-Shirt reibt sich den grauen Stoppelbart: „Die Krise habe Griechenland verändert“, sagt er. Auf Thassos gehe es noch relativ gut. „Wir haben den Tourismus, die Leute ihre Gärten, in denen sie Gemüse anbauen, wir kommen über die Runden.“ Aber in den Städten Griechenlands, wenn die Supermärkte schließen und es dunkel wird, holten sie das Essen aus den Müllcontainern „wie die Vögel“.

Die Krise ist noch gegenwärtig

Wieder verlassen viel junge Thassiten ihre Insel. Müssen sie verlassen, um zu studieren, um einen Job zu finden, falls sie nicht im Tourismus arbeiten wollen. Die Jungen gehen, die Alten bleiben. Auf der Insel gibt es mittlerweile nur noch wenige Lehrer. Und auch Kinder. Die Kinder der Jahrgangstufen ein bis drei werden gemeinsam unterrichtet, ebenso die Jahrgangsstufen vier bis sechs. Sie lernen alles über die griechische Geschichte, aber Englischunterricht gibt es gar keinen. Den finanzieren die Familien meist privat. „Das ist einfach wichtig“, erzählt Heike, die Übersetzerin. Sie erzählt von einer zweiten Auswanderungswelle.

Manche jungen Leute sehen ihre Zukunft aber auch auf der Insel. Etwa Thalia, Mutter von Drillingen, und ihr Bruder. Sie managt das Restaurant, er die Pension. Der Vater fischt, die Muter kocht. Die Familie hat lange in Essen gelebt. „Als ich elf war, sind wir alle zurück nach Thassos“, erzählt die junge Frau. „Aber ich spüre noch sehr viel Deutsches in mir“. Gerade haben sie wieder neue Zimmer fertiggestellt.

Impressionen von Thassos.
Bild: Doris Wegner

Oder Giannis, der Bauer. Der große Pläne für die Ländereien seiner Familie hat. Jeden Cent, den er verdient, steckt der junge Vater in Ställe und Kühlanlagen für Schafs- und Ziegenkäse. „Kleinklein funktioniert heute nicht mehr“, hat der 35-jährige Vater eines kleinen Sohnes für sich erkannt. Das lasse die Situation in Europa nicht mehr zu. „Schade, aber nicht zu ändern“, sagt er, während er die Schafe aus dem Pferch lässt, damit sie unter den Olivenbäumen grasen können. Thrumba, so heißen die Schrumpeloliven, die es nur auf Thassos gibt.

Zweieinhalb Stunden dauert eine Tour auf der Inselstraße dann hat Thassos einmal umrundet. Die bewaldeten Berge der Insel scheinen oftmals direkt im Meer zu Enden. Wanderer können hier direkt nach einer Tour in einer der vielen Buchten ins Meer springen. Oder ins Inselhighlight Giòla. Das ist ein kreisrundes Naturschwimmbecken in einer Felsklippe direkt am Meer.

Der Abend taucht die Hauptstadt Liménas in sanftes Licht. Genau eine Ampel gibt es in der Stadt – und auf der Insel. Sie ist ausgeschaltet. In den Restaurants direkt am Hafen wird Fisch serviert, das Wasser liegt wie nachtblaue Seide im Hafen. Eine grüne Villa verfällt im Schatten alter Bäume. Sie gehört zu Ägypten.

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