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Interview
27.05.2021

Warum wandert man von Gibraltar bis zum Nordkap, Herr Fuge?

"Ich bin wandersüchtig", sagt der 39-jährige Philipp Fuge, Arzt aus Berlin
Foto: Philipp Fuge

Ein 39-jähriger Arzt aus Berlin über seine unfassbare Tour zu Fuß, über das, was er dabei erlebt hat - und wofür die Reise auch ein Signal sein soll.

Du bist von Berlin zum Nordkap gelaufen. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Philipp Fuge: Schon seit vielen Jahren mache ich in meinen Ferien mehrwöchige Touren, vor allem in Skandinavien. Hinterher habe ich mich jedes Mal gefragt: Wie wäre das, wenn du noch monatelang weiterlaufen könntest? Und irgendwann dachte ich: Hey, wenn du das wirklich willst, dann mach’s! Viel zu oft zögern wir zu lange, und dann ist der Zug abgefahren.

Was reizt dich am Weitwandern?

Fuge: Raus zu sein aus den Routinen des Alltags. Das sesshafte Leben, das ich sonst führe, eine Zeit lang von außen betrachten zu können und dadurch neu zu mir selbst zu finden. Dabei hilft mir der enge Bezug zur Natur, der zwangsläufig entsteht, wenn man rund um die Uhr draußen ist, und das Reduziertsein auf das Wesentliche: Ich brauche nicht mehr, als ich selbst tragen kann, und lebe ganz im Augenblick. Es geht um nichts weiter als darum, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Die meiste Zeit mit sich und der Natur allein

Du hast ja als Arzt einen anstrengenden Beruf. Sehnst du dich da nicht manchmal nach Erholung? Einem Strandurlaub? Purem Nichtstun?

Fuge: Wandern ist für mich Erholung. Wenn ich im Urlaub rumsitzen muss, werde ich nervös. Stress baue ich am besten ab, wenn ich mich körperlich anstrenge: radeln, joggen, klettern, Ski fahren oder eben wandern.

Der Weg ist nicht nur dein Zuhause, wie dein letztes Buch heißt. Er führt ja auch zu dir selbst. Du bist die meiste Zeit mit dir und der Natur allein. Ist das nicht anstrengend?

Fuge: Ja, manchmal ist das auch anstrengend, aber zugleich bedeutet es eine große Freiheit. Niemand bestimmt über mich und auch ich muss über niemanden bestimmen. Ich bin ganz allein für mich verantwortlich, kann mich an niemanden anlehnen und niemandem die Schuld in die Schuhe schieben. Wenn’s schiefläuft, dann war ich das, und wenn’s gut läuft, auch. Ich muss allein auf meine eigene Kraft und Entscheidungsfähigkeit vertrauen. Das ist eine gute Übung, um sich selbst besser kennen und lieben zu lernen – mit allem, was dazu gehört, auch den Schwächen und Ängsten.

"Fühle mich ein bisschen wie Kind, das die Welt entdeckt"

Die Erfahrung der Langsamkeit, auch der Monotonie ist in unserer Gesellschaft eher selten. Wir lenken uns gern ab, sind immer erreichbar und gönnen uns kaum Momente, in denen wir offline sind. Ist dein Weitwandern auch so etwas wie eine Flucht aus der gegenwärtigen Reiz-Überflutung, der man sich nur schwer entziehen kann?

Fuge: Ja, auf jeden Fall! Auch das ist ein Grund, warum ich manchmal gern allein unterwegs bin und das Handy oft nur zum Fotografieren nutze. Ich will keine Ablenkung von außen, ich will nur das sehen, was gerade da ist. Wenn man ganz und gar im Augenblick lebt und alles andere ausblendet, nimmt man die Umgebung viel intensiver wahr. Man lernt, zu staunen und sich über alle möglichen Dinge zu freuen, die einem sonst vielleicht gar nicht aufgefallen wären. Ich fühle mich dann immer ein bisschen wie ein Kind, das zum ersten Mal die Welt entdeckt.

Was war dein schlimmstes Erlebnis auf diesem Weg?

Fuge: Einmal kamen nachts in Spanien plötzlich ein paar aggressiv grölende betrunkene Typen an meinem Schlafplatz vorbei. Da habe ich Blut und Wasser geschwitzt. Ich hatte wirklich Angst, dass die mich anpöbeln und zusammenschlagen. Aber obwohl sie fast über mich gestolpert wären, haben sie mich nicht gesehen, und ich konnte mich aus dem Staub machen. Ein riesiges Glück.

Die Tour auch als Zeichen gegen den Kimawandel

Das schönste?

Fuge: An einem warmen Sommerabend mitten in Schweden. Mein Zelt stand auf einem Berg mit 360°-Fjällpanorama. Natürlich konnte ich nicht wirklich so weit gucken, doch vor meinem inneren Auge hatte ich das Gefühl, die gesamte Strecke überblicken zu können – von der Straße von Gibraltar bis ans Nordkap. Die Sonne ging unter und Rentiere kamen ganz nahe an meinen Schlafplatz. Ihre Geweihe zeichneten sich wie schwarze Scherenschnitte vor einem orangen Streifen Abendrot ab, der über den Bergen hing. Das war, kurz bevor ich die 5000 Kilometer geknackt habe. Damals war ich mir zum allerersten Mal ganz sicher, dass ich es allen Ernstes schaffen würde, Europa zu Fuß zu durchqueren. Lange Zeit hatte ich das selbst nicht für möglich gehalten und bin einfach trotzdem immer weitergelaufen.

Du wolltest mit deiner Wanderung auch ein Zeichen gegen den Klimawandel setzen, indem du für Bäume im Senegal gesammelt hast. Wie erfolgreich warst du damit?

Fuge: Meine Idee war: 1 km = 1 Euro = 1 Baum. Also 6575 Bäume. Tatsächlich sind sogar knapp 7000 Bäume zusammengekommen. Diese hohe Spendenbereitschaft war ungeheuer motivierend, so als stünden all die großzügigen Menschen tatsächlich am Wegesrand, um mich anzufeuern.

Wie sicher bist du, dass die Gelder auch an der richtigen Stelle ankommen? Auch Baumpflanzaktionen sind ja inzwischen in die Kritik geraten.

Fuge: Die Spendengelder sind direkt und ohne Abzüge an die Naturfreunde im Senegal geflossen. Ich habe mich für diese eher kleinere Naturschutzorganisation entschieden, weil ich einigen dort arbeitenden Menschen auch freundschaftlich verbunden bin. So konnte ich darauf vertrauen, dass das Geld ausschließlich für den vorgesehenen Zweck verwendet wird und dass die Bäume unter guten Bedingungen und Standorten heranwachsen werden.

Das Buch "Der Weg ist mein Zuhause" von Philipp Fuge
Foto: Knesebeck-Verlag

Du hast auf deiner Wanderung sieben europäische Länder durchquert – ohne Grenzkontrollen. Das hat sich mit Corona verändert. Glaubst du, dass das grenzenlose Europa trotzdem Zukunft hat?

Fuge: Das hoffe ich sehr, aber ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich froh und dankbar bin, 2019 so lange unterwegs gewesen zu sein. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass meine Wanderung nur ein Jahr später nicht mehr möglich gewesen wäre, ich hätte ihm nicht geglaubt. Und mal wieder ist mir klar geworden, dass ich allzu oft Dinge für selbstverständlich halte, die es einfach nicht sind.

Es wird sicher Menschen geben, die nachmachen wollen, was du vorgemacht hast. Welche Tipps hast du für sie?

Fuge: Das eigene Ding drehen und sich keinen Druck machen, indem man sich mit anderen vergleicht. Jeder macht so eine Tour auf seine Weise und im eigenen Tempo. Klar, Planung muss sein, aber die eigentliche Tour entsteht erst beim Gehen. Eine Langstreckenwanderung macht nicht rund um die Uhr Spaß, die Landschaft sieht nicht immer nach Fototapete aus und du fühlst dich nicht permanent wie eins der strahlenden, durchtrainierten Models im Outdoor-Katalog. Manchmal läufst du an Schnellstraßen entlang oder durch hässliche Gewerbegebiete, dein Magen knurrt, du hast Kopfschmerzen, tagelang nicht geduscht oder du musst tierisch aufs Klo, ohne dass eins in Sicht wäre. Eine positive innere Einstellung ist sehr wesentlich und manchmal musst du über dich selbst lachen können. Du musst dich aushalten lernen, mit all deinen Schwächen, Ängsten und Unsicherheiten. Die Tour ist, was du daraus machst.

Zur Zeit ist unser Bewegungsradius ja eher eingeschränkt. Denkst du trotzdem daran, mal wieder aufzubrechen? Wenn ja, was sind deine Pläne?

Fuge: Oh ja, Wandern macht süchtig und ich will unbedingt bald wieder los. Ich denke 2022 werden viele Leute ihre Reisen nachholen und es dürfte ziemlich voll werden, auch auf den Wanderwegen. Deshalb peile ich im Moment das Frühjahr 2023 an. Vielleicht Europa von West nach Ost. Oder tatsächlich mal nach Santiago. Oder es zieht mich wieder nach Skandinavien. Mal schauen …

Das Buch Philipp Fuge: Der Weg ist mein Zuhause: Zu Fuß von Gibraltar ans Nordkap. Knesebeck, 288 Seiten, 18 Euro

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