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Hausboot-Ferien

08.07.2019

Irland mit dem Hausboot: Mit Volldampf entschleunigen 

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4 Bilder
Auf dem Shannon ist kein Führerschein notwendig.
Bild: schalla

Auf dem River Shannon in Irland können Freizeitkapitäne auch ohne Führerschein ihr eigenes Boot steuern. Die wichtigste Regel lautet: „Bloß keine Eile“.

Sanft klatschen die Wellen gegen den Rumpf unserer „Pénichette“. Das Boot, das der klassischen Bauweise einer Péniche, also eines französischen Binnenschiffs, nachempfunden ist. Für die nächsten Tage wird dieses Boot unser Zuhause sein. Fest vertäut liegt das knapp 12 Meter lange Hausboot am Steg in der Marina im Rover Boyle, einem Nebenfluss des Shannon. Wir haben das erste Ziel unserer Etappe nach rund drei Stunden erreicht.

Mit der Crew der beiden anderen Boote unseres Schnuppertörns sitzen wir nun an Deck. Stolz darauf, das Anlegemanöver auf Anhieb gemeistert zu haben. Nur einen guten Steinwurf entfernt steht die Ruine einer Burg auf der kleinen Insel Castle Island. Von 1185 bis ins 17. Jahrhundert war es die Heimat des MacDermott-Clans. Hier saßen die Könige von Moylurg zu Gericht, fällten Urteile und bewirteten ihre Gäste. Heute ist das Gebäude zerfallen. Postkartenidylle! Dazu kristallklare Seen und diese unheimlich grüne Landschaft.

Sofia, die bei unserem Schnuppertörn zum ersten Mal überhaupt am Ruder steht, hat den Bogen schnell raus. Wie so viele andere Freizeitkapitäne auch, versucht die junge Frau zunächst das Boot mit kleinen Lenkbewegungen auf Kurs zu bringen. Auf zaghafte Zupfer am Steuer reagiert das Schiff allerdings kaum. Strömung, Wind und der nur in eine Richtung drehende Propeller des Motors erfordern immer wieder kleine Korrekturen. Nach einer guten Stunde ist Sofia auf Kurs. Das Lenkrad wird energischer gedreht, der Gashebel immer weiter auf den Tisch gelegt. Ihre Anspannung lässt nach. Lächelnd steht Sofia hinter dem Steuer, wirft nur immer wieder einen Blick auf die große Navigationskarte und lässt ansonsten die Augen über Fluss und Ufer schweifen.

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Auch Johanna, die bereits Bootserfahrung im Elsass gesammelt hat, ist schnell wieder im richtigen Fahrwasser. Flussaufwärts oder -abwärts von der Marina in Carrick-on-Shannon scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Dieser Teil des Shannon ist vielleicht der lebendigste mit vielen kleinen Dörfern, guten Anlegestellen und Einkaufsmöglichkeiten. Die Fahrt in Richtung Norden führt den Urlauber durch Auenlandschaften und über eine bemannte Schleuse in den malerischen Lough Key. Gerade die Schleusen sind es, die einigen Freizeitkapitänen etwas Bauchschmerzen bereiten. Die Sorgen sind zwar unbegründet, dennoch kommt es immer wieder zu kuriosen Erlebnissen.

Marc ist im Liegehafen Carrick-on-Shannon zuständig für die Hausboot-Flotte von Locaboat. Er hat in 40 Jahren so einiges erlebt mit den Urlaubskapitänen. Ein Vorfall aber treibt dem alten Seebären heute noch vor Lachen die Tränen in die Augen. „Ein Urlauber rief mich einmal an, weil der Motor nicht mehr ansprang“, erinnert sich Marc. Der telefonische Support half nicht, also wollte Marc zu Hilfe eilen. Doch der Shannon ist lang. Hinzu kommen die Nebenflüsse. Zur Orientierung stehen entlang der Strecken zwar jeweils Bojen. Die roten liegen an der Steuerbordseite, also rechts vom „Lenkrad“, wenn der Kurs flussabwärts verläuft. Demzufolge sind die Bojen und Tonnen an der linken Backbordseite grün. Flussaufwärts andersrum. Und alle sind nummeriert. Doch trotzdem verliert mancher die Orientierung. „Ich frage daher den Anrufer zunächst, was er links und rechts am Ufer sieht“, erklärt Marc. Mal sind es markante Häuser, mal eine verfallene Burg … Marc kennt jeden Fleck. „Dieser Anrufer aber sagte lediglich, er sehe einen Schwan.“ Marc reagierte auf diese präzise Ortsangabe mit einem Scherz. „Prima“ habe er geantwortet. „Fang den Schwan ein und drehe ihn um.“ Auf dem Bauch steht eine Plakette mit der Nummer des aktuellen Standorts. Glücklicherweise fand Marc den Mann schon nach wenigen Meilen. Der aber reagierte gar nicht so freudig wie erwartet. „Er war eher zerknirscht“, erinnert sich Marc. Der Grund dafür? „Er gestand mir ganz kleinlaut, dass er es nicht geschafft habe, den Schwan einzufangen.“

Solche Situationen sind allerdings die Ausnahme. Denn wer das Ruder in die Hand nimmt, wird vorab in Online-Schulungen vorbereitet. Kurze Filme erklären, was beim Anlegen zu beachten ist. Dieses Manöver stellt für die meisten Urlauber die größte Herausforderung dar. Anfänger sollten daher drauf achten, ein Boot mit Bugstrahlruder zu chartern. Hier lässt sich mit einem kleinen Joystick am Cockpit das Schiff quasi seitlich einparken. Auch das Ablegemanöver oder das Festmachen in der Schleuse fällt mit Bugstrahlruder deutlich leichter.

Johanna übernimmt an der ersten Schleuse, die unsere Crew passiert, das Steuer. Die goldene Regel für jeden Bootstrip lautet auch hier: „Nur keine Eile“! Die Boote haben meist zwar lediglich eine Maximalgeschwindigkeit von etwa sechs Knoten, also zehn bis zwölf Stundenkilometern, doch keinerlei Bremsen. Wer das Boot stoppen will, muss den Rückwärtsgang nutzen. Und je langsamer die Fahrt, desto schneller steht das Boot. Johanna nimmt schon vor der Schleuse das Gas weg und stellt den Hebel auf neutral. „Bitte die Rettungswesten anlegen“, sagt sie. Denn: In den Kammern entstehen oft kräftige Strudel und Wirbel.

In der Regel sind die Schleusen auf dem Shannon mit einem Wärter besetzt, der Anfängern gerne hilft. Tom macht den Job schon seit vielen Jahren. Freundlich grüßt er die Crew und zeigt, auf welcher Seite der Kammer wir das Boot festmachen sollen. Johanna legt den Joystick für das Bugstrahlruder ein Stück zur Seite, ein kleiner Schub mit dem Gashebel und das Boot schiebt sich an die richtige Position.

Sofia und ich reichen Tom die Taue an, die er um eine Klampe legt und uns wieder zurückgibt. Damit halten wir das Boot während des Schleusenvorgangs an Position. „Und, wo fahrt ihr heut noch hin“?, will Tom wissen. Während sich das Boot dem neuen Wasserspiegel nähert, bleibt immer Zeit für ein kleines Schwätzchen. „Wir wollen noch bis Dromod“, sagt Johanna. In dem Dorf gibt es eine kleine Marina, wo wir frisches Wasser und den Kühlschrank auffüllen wollen. Tom gibt uns einen Tipp. „Dann müsst ihr auf alle Fälle in Cox’s Steakhouse gehen.“ Dort soll es mit die besten Steaks entlang des Shannons geben, der Pub sei nur wenige Meter von der Marina entfernt. Unsere Entscheidung fällt schnell.

Zusammen mit den Crews der beiden anderen Boote sitzen wir abends im Cox’s. Vor uns ein randvoll gefülltes Glas Guinness und ein 10-Unzen-Sirlon-Steak, knapp 300 Gramm feinstes Fleisch vom irischen Rind. Johanna und Sofia kämpfen mit der riesigen Portion und nach einem weiteren Glas Guinness mit der Müdigkeit. „Hoffentlich hat’s heute Nacht etwas Wind – dann schaukelt das Boot so schön“, hofft Sofia und sehnt sich nach ihrer kuscheligen Koje. Und Johanna fügt an. „Morgen legen wir etwas später ab und frühstücken vorher noch gemütlich an Deck“.

Der Plan steht. Wir haben Zeit. Der Tag ist lang – der Shannon auch. Und das Einzige, was wir nicht wollen, sind Stress und Hektik. Denn wir sind auf Kurs in Richtung Entschleunigung. Und zwar mit Volldampf.

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