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Flugverkehr

11.12.2019

Klimafreundlich verreisen - geht das überhaupt?

Das Flugzeug ist das klimaschädlichste Verkehrsmittel. Und doch sehr beliebt.
Bild: Frank Rumpenhorst, dpa

Das Wort "Flugscham" beschreibt das schlechte Gewissen, das viele haben, wenn sie fliegen. Denn das Flugzeug ist das klimaschädlichste Verkehrsmittel. Wie also reisen?

Greta Thunberg macht es vor: Die 16-Jährige reist mit dem Zug zum Weltwirtschaftsforum in Davos, mit dem Segelboot nach New York und genauso nach Lissabon, um an der UN-Klimakonferenz in Madrid teilzunehmen. Nur eines tut die Klimaaktivistin nicht: Fliegen. Warum? Weil das Flugzeug als das umweltschädlichste Verkehrsmittel überhaupt gilt. Das weiß nicht nur Greta Thunberg. Das wissen ziemlich viele Menschen. Doch ziemlich viele Menschen sind auch ziemlich gut darin, ihr Wissen zu ignorieren. Und deshalb hat sich ein neues Wort entwickelt: "Flugscham". Es beschreibt das schlechte Gewissen, dass viele beschleicht, wenn sie ein Flugzeug betreten. Weil sie eigentlich wissen, dass sie wegen des Klimawandels nicht fliegen sollten, aber nicht aufs Reisen verzichten wollen. Wie also lässt sich dieses Dilemma lösen? Oder anders gefragt: Kann man überhaupt klimafreundlich verreisen?

Zunächst einmal ein paar Fakten zum Fliegen: Wer zum Beispiel einmal nach Mallorca und zurück fliegt, der produziert mit dem Flug herunter gerechnet auf sich, fast 700 Kilogramm CO2 - oder besser gesagt CO2-Äquivalente. Denn beim Fliegen entsteht nicht nur CO2. Es entstehen auch Stickoxide, Aerosole, Wasserdampf und andere Klimagase. Um einfacher vergleichen zu können, werden alle Klimagase in CO2 umgerechnet.

Beim Fliegen entstehen die Treibhausgase in recht großer Höhe. Die Wissenschaftler des Umweltbundesamts gehen davon aus, dass sie dort schädlicher sind als am Boden, weil sie länger brauchen, bis sie abgebaut werden. Um wie viel schädlicher, darüber sind sich die Wissenschaftler nicht einig. Das Umweltbundesamt geht vom Faktor zwei aus. Andere meinen, der Faktor fünf sei zutreffender.

Nur drei Prozent der Weltbevölkerung sind überhaupt schon geflogen

Nun ist es gar nicht so leicht, mit dieser abstrakten Zahl - 700 Kilogramm CO2-Äquivalente - etwas anzufangen. Deshalb zur Einordnung: Um die gleiche Menge CO2 beim Autofahren zu produzieren, könnte man eine Strecke von 4000 Kilometern zurücklegen. Das ist in etwa die Entfernung vom nördlichsten Zipfel Finnlands bis zum Schwarzen Meer in Bulgarien (etwa 3900 Kilometer). Man könnte aber auch fast 20.000 Kilometer im Zug zurücklegen - das ist einmal um die halbe Welt.

Wie sehr Fliegen die persönliche Klimabilanz belastet, wird deutlich, wenn man sich Folgendes vor Augen führt: Im Jahr produziert jeder Deutsche im Schnitt etwa elf Tonnen CO2. Damit die Ziele des Pariser Klimaabkommens eingehalten werden, dürfte es bis 2050 noch eine Tonne pro Einwohner sein. Eine Flugreise nach Mallorca würde das Budget fast ganz aufbrauchen. Im Jahr 2017 waren zudem nur drei Prozent der Weltbevölkerung in ihrem Leben überhaupt schon einmal in einem Flugzeug gesessen. Dennoch trägt der Luftverkehr etwa fünf Prozent zur Erderwärmung bei. Die ganze Welt leidet also unter dem schädlichen Verhalten einiger weniger. Wächst nun der Wohlstand und immer mehr Menschen können es sich leisten, in Flugzeuge zu steigen, die Erde würde es kaum aushalten. So beschreibt es jedenfalls Adrian Haßler.

Mit dem Flugzeug zu verreisen, ist etwa 100 Mal schädlicher als den Zug zu nehmen

Der 29-Jährige arbeitet in der Entwicklungszusammenarbeit und engagiert sich für die Initiative "Am Boden bleiben". Eine Gruppe von Menschen, die darüber aufklären möchte, welche Auswirkungen Fliegen auf das Klima hat. Haßler ist es sehr wichtig, dass die Gruppe niemandem etwas vorschreiben oder verbieten möchte, sondern dazu beitragen will, dass sich mehr Menschen Gedanken machen. Er sagt: "Wenn das Auto ein Backofen ist, dann ist das Flugzeug eine Mikrowelle. Zwei Minuten rein und schon kocht es über. Fliegen ist der schnellste Weg, den Planeten zu grillen."

Auch in Deutschland fliegen längst nicht alle. Zahlen des ARD-Deutschlandtrends aus dem Juli 2019 zeigen: 63 Prozent der Deutschen fliegen sehr selten oder gar nicht. Etwa ein Drittel fliegt ein bis zweimal im Jahr. Acht Prozent der Bevölkerung fliegt öfter. Das Problem sei, dass innerhalb der letztgenannten Gruppe Fliegen völlig normal geworden sei, sagt Haßler.

Darin liegt ein Knackpunkt. Denn es gibt einen Zusammenhang, über den viele Menschen nicht gerne sprechen. Vor allem jene, die sich oft Gedanken über ihr eigenes Verhalten und dessen Auswirkungen auf das Klima machen, fliegen relativ häufig. Sie entschuldigen ihr Verhalten dann oft mit Sätzen wie: "Ich tue ja sonst sehr viel für's Klima. Da erlaube ich es mir, zu fliegen." Aus Haßlers Sicht ist diese Argumentation völlig irreführend. Weil ein einzelner Mensch nichts machen kann, was ähnlich klimaschädlich ist wie Fliegen.

Verreisen im Flugzeug: Wie gut sind CO2-Kompensationen?

Und trotzdem hat auch er eine Erklärung dafür: "Vielleicht liegt das daran, dass man sich mehr Sorgen um den Zustand der Welt macht, wenn man schon viel von ihr gesehen hat", vermutet Haßler. Es hat aber auch etwas damit zu tun, dass Reisen inzwischen zum guten Ton gehört. Es ist eine Art Statussymbol geworden. Wer im Job viel fliegt, ist wichtig. Wer im Privaten viel fliegt, ist weltgewandt. Urlaube an Traumstränden werden bewundert. Und soziale Medien wie die Fotoplattform Instagram verstärken das noch. Weil jeder möglichst schöne Urlaubsfotos posten möchte.

Und natürlich gibt es längst auch ein System, mit dem das schlechte Flug-Gewissen beruhigt werden kann: CO2-Kompensationen. Das System funktioniert so, dass Flugreisende sich ausrechnen lassen, wie viel CO2 durch ihren Flug entsteht. Dafür bezahlen sie einen bestimmten Betrag an eine Organisation, die dann mit dem Geld wiederum Projekte fördert, die die gleiche Menge CO2 einsparen. Etwa indem sie Bäume pflanzen, oder helfen, in Entwicklungsländern Solaranlagen und Windparks zu bauen.

Vor einem Jahr hat Finanztest die verschiedenen Anbieter von CO2-Kompensationen verglichen. Die Tester haben unter anderem bewertet, welche Projekte die verschiedenen Plattformen unterstützen, wie transparent sie über ihre Aktivitäten informieren und nach welchen Standards die Projekte zertifiziert sind. Am höchsten angesehen ist der sogenannte Gold Standard. Das Ergebnis: Die Plattformen Atmosfair (0,6), Klima-Kollekte (1,1) und Primaklima (1,5) schnitten jeweils mit der Note "Sehr gut" ab.

Alles gut also? Lässt sich Fliegen so unschädlich machen?

Nicht wirklich. CO2-Kompensationen sind recht umstritten. Klimaschützer sprechen gerne von einer modernen Form des Ablasshandels. Das Umweltbundesamt etwa kommt zum Ergebnis: Einen Flug zu kompensieren, sei zwar besser, als es nicht zu tun. Noch besser sei es allerdings, auf Flüge zu verzichten. Das Ökö-Institut, eine Forschungseinrichtung, die sich mit Klimafragen befasst, kommt zu dem gleichen Ergebnis. Und auch Finanztest hält das fest.

Die klimafreundlichsten Verkehrsmittel sind der Zug und der Reisebus

Warum? Jeder Flug führt zum Anstieg des CO2-Gehalts in der Atmosphäre. Die Krux an den Kompensationen ist aber: Nur wenige Organisationen planen mit dem Geld aus den CO2-Kompensationen eigens Projekte, viele nutzen das Geld auch für Projekte, die ohnehin geplant waren. Das heißt, das Treibhausgas wäre sowieso eingespart worden. Die Kompensation bietet also keinen Mehrwert. Das heißt, rechnerisch steigt die CO2-Menge in der Atmosphäre doch an.

Wie seltsam das Ausgleichverhalten im globalen Zusammenhang anmutet, wird deutlich, wenn man Haßler länger zuhört: Viele Projekte, mit denen der CO2-Ausstoß von Flügen kompensiert wird, finden im globalen Süden statt. "Das ist doch absurd. Wir bezahlen dafür, dass wir uns weiter klimaschädlich verhalten können. Und bei anderen Menschen wird das ausgeglichen. Dabei sind wir und unser westlicher Lebensstil das Problem", sagt er. CO2-Kompensationen lösen das Problem aus Sicht der Umweltschützer also auch nicht. Sie erleichtern nur den Flugreisenden das Gewissen. Also doch gar nicht mehr reisen?

Das müsse auch wieder nicht sein, sagt Haßler. Er selbst fliegt privat zwar gar nicht mehr. "Aber ich reise trotzdem sehr gerne", sagt er. Wie? Mit dem Zug. Und den Zug empfehlen auch andere Institutionen als klimafreundlichstes Verkehrsmittel. "Und es ist erstaunlich, wie weit man mit dem Zug kommt", sagt Haßler. Die Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man etwas mehr Zeit mitbringt.

 

In der Auswertung des Umweltbundesamtes schneidet nur der Reisebus noch besser ab. Das könnte sich aber ändern, wenn mehr Züge mit erneuerbaren Energien betrieben würden. Und das Auto? Haßler sagt: "Im Vergleich zum Fliegen ist Zugfahren etwa 50 bis 100 Mal besser für das Klima. Autofahren drei bis vier Mal." Das Ergebnis hängt davon ab, welche Berechnungsmethode, welchen Strommix und welche Auslastung der einzelnen Verkehrsmittel man zu Grunde legt.

Reisen ohne schlechtes Gewissen ist also möglich. Es können nur keine Fernreisen im Flugzeug sein. "Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sehr befreiend ist, wenn man nicht mehr gegen seine eigenen Prinzipien verstößt", sagt Haßler.

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11.12.2019

Solange unsere Bundestagsabgeordneten vermehrt herumfliegen( Quelle :https://www.spiegel.de/panorama/klima-abgeordnete-flogen-2018-deutlich-mehr-a-1281354.html) mach ich das auch bei Bedarf. Selbst Frau Merkel und AKK haben 2 Flugzeuge für die fast zeitgleiche Reise in die USA benutzt.Quelle: https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/merkel-und-akk-fliegen-getrennt-in-die-usa,RcmXFsa

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11.12.2019

Wie wärs mit Selbstdenken, statt sich am Schechten zu orientieren?

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11.12.2019

Es ist allerdings sehr befreiend, wenn man es als erwachsener Mensch bleiben läßt, nur zum Spass Dummes zu tun!
Ausser man ist schlicht asozial, im wirklichen Sinne des Wortes...

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