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Niederlande
19.08.2021

Alles so schön flach hier: Mit Rad und Schiff durch die Niederlande

In Schoonhoven müssen die Räder draußen bleiben. Sonst parken sie an Deck.
Foto: Lilo Solcher

Die Niederlande sind wie gemacht für Fahrradfahrer. Kombiniert mit einer Schiffsreise lassen sich Städte und Landschaften so vom Wasser aus und zu Land zu entdecken.

23 Millionen Räder gibt es in den Niederlanden – bei gut 17 Millionen Menschen. Radfahren ist hier Alltag und Volkssport. 32.000 Kilometer Radwege durchziehen das Land. Da könnte man doch selbst mal aufs Rad steigen... Und weil das Land von Wasserwegen durchzogen ist, am besten in Kombination mit einer Schiffsreise.

Als wir ankommen, testen die Ersten schon, wie sie mit dem Leihrad zurecht kommen, andere haben die eigenen Drahtesel mitgebracht. Auch E-Bikes gibt es. Wir haben uns für normale Räder entschieden. Die Niederlande sind ja flach...

Auch mal vor blauem Himmel – eine Windmühle.
Foto: Lilo Solcher

Am ersten Tag machen wir nur die kurze Tour nach Utrecht. Und das ist auch gut so. Reiseleiterin Janneke, groß, blond und kräftig, ein Meisje wie aus dem Bilderbuch, hat mir zwar die Touren-App aufs Handy überspielt, aber wir sehen und hören nichts. Trotzdem, alles funktioniert besser als gedacht. Wir fahren am von Villen gesäumten Kanal entlang, vorbei an Schlössern und kleinen Holzbrücken, unter denen Hausboote und Motorjachten hindurchfahren. Alles hübsch sauber und gepflegt. Und dann die Hortensien – ganze Blumenmeere. Man weiß gar nicht, wo man hinschauen soll bei all der Pracht. Wichtig, das lernen wir schnell, sind die Knotenpunkte (Knooppunt), an denen wir uns orientieren können. Und dann schließen wir doch noch Frieden mit unserer App, die sich inzwischen auch hören lässt.

Schon sind wir in Utrecht mit seinem sehenswerten Zentrum rund um den Dom. Der gewaltige Turm mit dem Glockenspiel ist schon wieder eingerüstet und wird es auch noch bis 2024 bleiben. Seit dem 14. Jahrhundert ist er sozusagen „work in progress“, wurde immer wieder verändert, auf- und abgebaut. Drumherum eine Kneipe an der anderen. Masken sind keine zu sehen, und an die Abstände hält sich auch niemand. Wir landen im prächtigen Winkel van Sinkel an der Oudegracht und genießen entspannt den Blick auf das bunte Treiben.

Schwan nennen die Rotterdamer die Erasmusbrücke.
Foto: Lilo Solcher

Als sich am Abend ein Gewitter entlädt, sind wir schon wieder sicher an Bord und lassen uns von Janneke die Pläne für den nächsten Tag erklären. Die erweisen sich schnell als Makulatur. Der Wolkenbruch in Rotterdam hält uns von einer Radtour ab. Stattdessen erkunden wir die Metropole, einen Spielplatz moderner Architektur. 200 Nationalitäten leben hier, der Bürgermeister hat marokkanische Wurzeln. Wir wollen die berühmte Markthalle sehen und die Kubushäuser.

Der freundliche, grauhaarige Herr an der Kasse zur Museumswohnung entpuppt sich als Eigentümer. Seit 37 Jahren wohnt Ed schon hier und fühlt sich noch immer wohl. Die originelle Einrichtung der Wohnung hat er selbst entworfen: „Ich war immer schon an Design und Architektur interessiert.“ Museumsdirektor nennt sich der 68-Jährige heute, früher war er Archivar in einer großen Firma. Schon vor Jahren hatte er sich dafür entschieden, die Wohnung fürs Publikum zu öffnen. „Ich mache die Tür auf und die ganze Welt kommt zu Besuch“, sagt er und dass er froh ist, die Corona-Einschränkungen überstanden zu haben.

Die Folgen von Corona sind auch in der berühmten Markthalle zu spüren. Unter dem angeblich größten Gemälde der Welt sind viele Stände geschlossen. Frisches Gemüse oder Obst gibt’s hier zurzeit nicht, aber man kann sich durchfuttern durch die Küchen dieser Welt. Zwischen den Regengüssen bummeln wir durch die Stadt. Auch hier kaum Masken, aber viele große Einkaufstüten.

Haarlem ist eine Stadtschönheit mit langer Geschichte.
Foto: Lilo Solcher

Als der Großteil der offenbar wetterfesten Radler am Schiff eintrifft, schüttet es mal wieder. Wir haben diesen Tag zumindest trocken überstanden. Am nächsten Morgen ballen sich schon wieder graue Wolkenberge über den Türmen von Rem Koolhaas, die zusammen mit den weißen Pfeilern der Erasmusbrücke, der Schwan genannt, den Ruf Rotterdams als Architekturstadt gefestigt haben. Ab Mittag ist Regen angesagt. Sollen wir oder sollen wir nicht?

Auf dem Tourenplan stehen die 19 Windmühlen von Kinderdijk, Weltkulturerbe. Also doch radeln und hoffen, dass der erwartete Platzregen später kommt. Wir nehmen den Wasserbus ab Rotterdam – Maskenpflicht! – und radeln durch ein Bilderbuchholland mit Windmühlen, Kühen auf den Feldern, Dörfern mit reetgedeckten Häusern und üppigen Hortensienbüschen. Wenn nur nicht die dicken Wolken wären!

Ohne E-Bike? Ja, auch das geht in den Niederlanden für Ältere gut

Wir hätten uns besser ausrüsten sollen. Die Profis auf dem Schiff haben alles dabei, Regenhosen und -ponchos, Buffs, die sich zur Sturmhaube umfunktionieren lassen, Radhandschuhe natürlich. Das alte Ehepaar, das schon am frühen Morgen immer total motiviert ist, trägt gar T-Shirts mit dem Aufdruck der Route. Und wir? Gerade mal Radhosen und Regenjacken!

Janneke kennt ihre Pappenheimer, das Damenquartett aus Israel, die französische Familie, die ehrgeizigen Sportradler… Vor vier Jahren hat sie ihren Beruf als Managerin in einem großen Unternehmen an den Nagel gehängt. „Ich wollte endlich mal frei sein“, sagt sie. In der weiten Landschaft gehe ihr „das Herz auf“. Da stört sie auch kein Regenguss, und die meisten Gäste wohl auch nicht. Janneke erinnert sich an einen 92-Jährigen, der jede Tour mit geradelt ist – ohne E-Bike. Im Durchschnitt sind die Gäste zwischen 50 und 80 Jahre alt, in der Hochsaison auch jünger.

Die Kubushäuser in Rotterdam sind ein Hingucker.
Foto: Lilo Solcher

In Schoonhoven mit dem gotischen Rathaus und der imposanten Kirche fallen die vielen Gold- und Silberschmiede ins Auge. Das Städtchen hat sich einen Namen als „Silberstadt“ gemacht. Ab Rikkoert führt das Geschäft schon in der vierten Generation. 58 ist der freundliche Gentleman, der den Besuchern gern seine Schätze zeigt. Doch das blitzende Tafelsilber interessiert in Europa immer weniger Menschen. Rikkoert hat anderswo neue Kunden gefunden – dank Internet.

Auch die Familie van Vliet, die wir am nächsten Tag besuchen, kann auf eine lange Tradition zurückblicken, wie der 32-jährige René erzählt. Ihr Geschäft ist Käse, „Kuhmilch-Käse. Die Ziegen sind nur zum Kuscheln da“. Seit sechs Jahren arbeitet die Familie, zu der neben den Eltern auch der Bruder gehört, biologisch. „Eigentlich machen wir wieder das, was unsere Vorfahren gemacht haben“, sinniert der jugendliche Käsebauer mit dem dunkelblonden Haarschopf – naturnahe Landwirtschaft ohne Chemie.

Wir fahren weiter nach Oudewater, wo gerade ein kleiner Markt stattfindet. Auch hier viel Käse, nicht jeder biologisch. Schöne alte Häuser säumen die Gracht und in Montfort steht sogar ein Schlösschen. Dann geht’s schnurgerade weiter Richtung Utrecht. Am Abend gibt’s noch eine Änderung. Statt wie vorgesehen in Haarlem legt das Schiff im wenig attraktiven Ijmuiden an. Damit ändert sich auch die Radroute. Ob wir bei der Rückkehr den Weg wiederfinden? Als Pfadfinder waren wir noch nie besonders gut.

Doch erst einmal geht es ab in die Dünen im Nationalpark Kennemerland. Und ich muss erkennen, dass die Niederlande keineswegs nur brettleben sind. Es ist ein ständiges Auf und Ab – und das bei heftigem Gegenwind. Wir treten kräftig in die Pedale und kommen doch nur langsam vorwärts, anders als die E-Bikes. Sie ziehen locker an uns vorbei, während ich mir noch überlege, abzusteigen und das verdammte Rad zu schieben.

Und plötzlich Amsterdam: Willkommen im Radler-Paradies Niederlande

Trotzdem: Es gibt schöne Ausblicke in die Dünenlandschaft, und Haarlem ist eine Stadtschönheit mit langer Geschichte. Wir kehren in der Jopen Brauerei ein, die in einer aufgelassenen Kirche zu Hause ist. Sommelier Jelle, dunkelhaarig mit Bärtchen, erzählt uns, dass es die Brauerei seit 1994 gibt. Seit 2010 wird in der Kirche unter Buntglasfenstern Bier gebraut und ausgeschenkt. Ob es dagegen Proteste gegeben hat? Jelle lacht: „Nein, überhaupt nicht.“ Die Brauerei habe die Kirche gerettet, sie wäre sonst abgerissen worden. Und überhaupt: Bier und Kirche passe doch wunderbar zusammen, schließlich hätten die Mönche im Mittelalter auch Bier gebraut. Auch in Haarlem hat Bierbrauen Tradition, in der eindrucksvollen St. Bavokirche gibt es eine eigene Brauerkapelle. Doch besonders beeindruckend ist die große Orgel von 1735, auf der schon der zehnjährige Mozart gespielt hat.

Auf dem Rückweg verfahren wir uns wie erwartet. Aber freundliche Holländer – ja, wir sind in Holland! – weisen uns den richtigen Weg. Nach dem Dinner noch ein Abendspaziergang in Zaandam zum Haus, in dem der russische Zar Peter kurze Zeit gewohnt hat. War da was mit „fliegendem Holländer“?

Am nächsten Morgen ist das Wetter eher trüb, aber es sieht zumindest nicht nach Regen aus. Wir entscheiden uns für die kleine Tour. 26 Kilometer bis Amsterdam. Nach einer Fahrt durchs Gewerbegebiet bietet die Polderlandschaft nochmal alles an Schönheit auf, viel Grün, spiegelglatte Seen, kleine Brücken, winzige alte Häuser und überall Hortensien in Fülle.

Wir sind schon in Amsterdam ohne es bemerkt zu haben, weil uns der Radweg immer entlang eines Kanals oder durch eine Parklandschaft führt. Ja, die Niederlande sind ein echtes Radler-Paradies!

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