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Fahrradreisen

06.05.2019

Ostseetour: Fliegende Fischbrötchen und Pornobrunnen

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3 Bilder
An der Strandpromenade
Bild: Foto: ostseekuestenradweg.de

Der Ostseeküstenradweg: Hier durchquert man gespenstische Wälder, begegnet stillen Zeitzeugen - und Kreuzfahrttouristen starren auf nackte Körper

Zwiebelringe fliegen durch die Luft. Ein paar kräftige Flügelschläge und schon hebt die Möwe mit der Fischsemmel im Schnabel ab. Und die nichts ahnende Touristin? Steht mit leeren Händen da und blickt verblüfft umher, während ihr Mittagessen davonschwebt.

Wer sich am alten Hafen in Wismar ein Fischbrötchen gönnt, sollte auf den Rat des Verkäufers hören: immer die Hand übers Brötchen halten. Sonst ist es schneller verflogen als der Hunger. Aber wer behält vor dieser Kulisse schon sein Mittagessen im Auge: Alte Backsteinhäuser mit schmucken Fassaden zieren die Hafenpromenade, Fischerboote schippern aus der Wismarer Bucht in Richtung Ostsee und die Poeler Kogge, ein nachgebautes, mittelalterliches Segelschiff erinnert an die Zeit, in der Wismar als Handelszentrum zu einer mächtigen Hansestadt aufstieg.

Der einstige Reichtum prägt das Stadtbild bis heute. Seit 2002 gehört Wismar zum Unesco-Weltkulturerbe. Schon allein deshalb ist die Stadt mit ihren 40000 Einwohnern ein idealer Ort, um den Ostseeküstenradweg zu starten. „Hier hat sich viel getan“, sagt Stadtführerin Marita Fauk und zeigt auf die herausgeputzten Fassaden entlang der Fußgängerzone. „Zu DDR-Zeiten war hier alles trostlos und grau.“ 1700 Gebäude waren renovierungsbedürftig, heute verstecken sich noch etwa 140 heruntergekommene Häuser zwischen schicken Altbauten. Auch die im Zweiten Weltkrieg zerbombte Nikolai-Kirche lag bis in die 90er Jahre in Schutt und Asche. Mit Staunen betritt man heute den schlichten Innenraum. Die roten Backsteine tauchen das schlanke Mittelschiff in ein warmes Licht. Am hinteren Ende führt ein Aufzug nach oben. Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf die Wismarer Altstadt und die einstige Handelsstraße, die sich durch das Zentrum schlängelt. Auf dieser können Radler ihre Tour in Richtung Rostock starten.

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Der Ostseeküstenradweg führt von Flensburg an der deutsch-dänischen Grenze etwa 1000 Kilometer bis nach Ahlbeck an die polnische Grenze. Die kurze Etappe zwischen Wismar und Rostock ist wegen der alten Seebäder besonders sehenswert. Da der Wind häufig aus westlicher Richtung weht, radelt man die Strecke am besten von West nach Ost. Es kommen einem aber auch Radler mit einem freundlichen „Moin Moin“ aus der anderen Richtung entgegen.

Es ist schwieriger geworden mit der Fischerei

Nach Angaben des Fahrradclubs ADFC zählt der Ostseeküstenradweg zu den fünf beliebtesten in ganz Deutschland. Wer hier unterwegs ist, versteht warum. Meist führt der Weg an kaum befahrenen Straßen und Feldern entlang durch Waldstücke und verschlafene Dörfer. Am Horizont schimmert das Meer. Mal ragen hinter einer Kurve die hölzernen Flügel einer alten Windmühle in den Himmel, mal liegt in der Ferne vor der Küste ein altes Boot auf Grund. Meist geht es gemütlich dahin. Doch in der Hochsaison zwischen Juli und August kann es auch mal eng werden. Besser man fährt außerhalb dieser Zeit.

Im kleinen Ostseebad Rerik etwa 30 Kilometer von Wismar entfernt lohnt es sich, auf ein Fischbrötchen in der Erlebnis-Räucherei einzukehren. Hier muss man keinen Möwenangriff fürchten, sondern sitzt gemütlich auf einer Holzbank im Hof von Roland Scheller. Vier Mal in der Woche fährt er mit seinem Kutter raus zum Fischen. Um vier Uhr morgens steht er auf. Um acht ist er wieder zurück, um den Räucherofen anzuheizen. Über dem offenen Feuer baumeln dann getrocknete Aale, Dorsch, Rotbarsch, Flunder oder Makrelen.

Seit zwölf Jahren betreibt er die Räucherei. Schon sein Opa war Fischer. Wie es um die Zukunft seines Berufs steht? Scheller ist unsicher. „Vor der Wende waren wir über 100 Mitglieder in der Fischerei-Genossenschaft, heute sind wir nicht mal mehr 40“, sagt er. Schlechte Arbeitszeiten, wenig Gewinn, immer strengere Auflagen – die Gründe dafür seien vielfältig. Von der Fischerei allein kann er nicht mehr leben. Mit der Räucherei verdient er sich ein paar Brötchen dazu.

Der Radweg führt selten direkt am Meer entlang. Dafür stößt man auf alte Villen in Bäder-Architektur und die für Mecklenburg-Vorpommern so typischen Reetdächer. Ab und an strampelt man einen kleinen Hügel hinauf, aber die meiste Zeit geht es eben dahin.

An einer Stelle ragen zwischen Sträuchern vereinzelte Mauerreste hervor. Die Überbleibsel eines ehemaligen Militärgeländes. Ein nahe gelegener Straßenabschnitt mutet etwas seltsam an: zwei geteerte Spuren, dazwischen unebene Gittersteine. Hier rollten bis zur Wende DDR-Panzer entlang, um das Grenzgebiet zu sichern. Stille Zeitzeugen wie diese finden sich immer wieder entlang des Weges. Der beeindruckendste steht im Seebad Kühlungsborn.

An der belebten Promenade direkt hinter dem Kinderspielplatz erinnert ein ehemaliger Grenzturm an die Gräuel der DDR. Schautafeln erzählen von waghalsigen Fluchtversuchen über das Wasser. Die meisten endeten tödlich oder im Gefängnis. Der damals 31-jährige Peter Döbler hatte Glück. Im Juli 1971 schwamm er nachts 50 Kilometer durch die Ostsee und erreichte nach 25 Stunden die Insel Fehmarn in der Bundesrepublik.

Und an der Strandpromenade: Alles Hochglanz

Radelt man heute an der Strandpromenade von Kühlungsborn entlang, ist das kaum mehr vorstellbar. Eine weiß gekleidete Band spielt die Samba-Version von „Rote Lippen soll man küssen“, ein älteres Pärchen tanzt auf dem Gehweg und eine Jacht gleitet gerade aus dem Hafen. Alles Hochglanz, wie im Katalog.

Aber der wahre Luxus zeigt sich im acht Kilometer entfernten Heiligendamm: Fünf-Sterne-Hotel, Gourmet-Restaurant, Luxus-Villen. 2007 residierten hier die Staats- und Regierungschefs zum G8-Gipfel. Zwar sind noch nicht alle der sieben Villen restauriert. Aber in einigen Jahren soll die sogenannte Perlenkette wieder aussehen wie zu Friedrich Franz’ Zeiten. Der mecklenburgische Herzog ließ das erste deutsche Seebad 1793 erbauen.

Von dort aus führt der Radweg an alten Bahngleisen entlang. Wer Glück hat, kann die Molli vorbeirattern sehen. Die Dampfeisenbahn verkehrt seit 1886 zwischen den Seebädern Heiligendamm und Bad Doberan. Einige Kilometer weiter schlängelt sich der Weg durch den Gespensterwald. Zwischen windschiefen Buchen eröffnet sich ein zauberhafter Blick auf die Ostsee. Der perfekte Ort, um innezuhalten, bevor man sich im Gedrängel von Warnemünde verliert. Tausende Kreuzfahrttouristen schieben sich regelmäßig durch die Straßen der kleinen Hafenstadt. Kein Wunder, dass so manchem der 7000 Einwohner das Hupen der ausfahrenden Luxusdampfer zu viel wird.

Auch im zehn Kilometer entfernten Rostock wuseln Touristen wie Ameisen durch die Stadt, um anschließend auf Kreuzfahrtschiffen nach Skandinavien weiterzuziehen. Über 200 Anläufe von Kreuzfahrtschiffen werden in diesem Jahr am Rostocker Hafen erwartet, darunter 13 Dreifachanläufe, drei Vierfachanläufe und ein Fünffachanlauf. Das macht sich bemerkbar. Aber die Altstadt mit ihren eindrucksvollen Fassaden, dem prachtvollen Universitätsgebäude und der mittelalterlichen Stadtmauer ist ein Hingucker. Der 1985 errichtete Brunnen der Lebensfreude, im Volksmund Pornobrunnen genannt, ist ein besonderes Schmankerl. Weniger wegen seiner nackten Figuren, sondern wegen der verunsicherten Blicke so mancher Besucher, die mit der Freikörperkultur der ehemaligen DDR nicht sonderlich vertraut scheinen.

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