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Reise
17.07.2018

Selfiesticks und Co.: Werden Touristen immer nerviger?

Die einmalige Kulisse, das besondere Licht, die Romantik – all das zieht Touristenmassen nach Venedig. Doch die Besucher gehen den Einheimischen zunehmend auf die Nerven.
Foto: Alvise Armellini, dpa

Venedig, Palma, Barcelona: Immer öfter protestieren Einheimische gegen wachsende Touristenströme. Zwei Experten erklären die Hintergründe für den Unmut.

Venedig, Barcelona, Berlin, Dubrovnik, Palma de Mallorca: Immer mehr Städte leiden unter ihrer Beliebtheit. Und immer öfter gehen Einheimische gegen die Touristenströme auf die Barrikaden.

Nur einige der Meldungen, die es in den vergangenen Jahren in die Schlagzeilen schafften: Auf Mallorca bilden Einheimische Menschenketten, um die Gemeinde davon abzuhalten, Sonnenliegen, -schirme und eine Strandbar für Touristen aufzustellen. In Venedig hängen Einheimische Plakate mit dem Aufdruck "Tourists, go away!" (deutsch: "Touristen, geht weg!") auf und fordern ein Ende des Massentourismus. Und teilweise sind Touristen sogar Ziel von Attacken geworden, so zum Beispiel in Barcelona: Dort greifen Vermummte einen Reisebus an, sprühen "Tourismus zerstört die Stadtviertel" auf die Frontscheibe und zerstechen die Reifen. Die Insassen wähnen sich als Opfer einer Terrorattacke.

Der Urlauber wird zum Störfaktor, die Akzeptanz schwindet

Was sind die Gründe für den wachsenden Unmut unter Einheimischen? Sind Touristen, die mit ihren Selfie-Sticks herumfuchteln, überall Wege blockieren, um Instagram-taugliche Fotos zu schießen, und Sehenswürdigkeiten überrennen, in den vergangenen Jahren schlicht und ergreifend nerviger geworden?

"Nein", sagt Professor Jürgen Schmude, Experte für Tourismuswirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Es sind einfach mehr geworden. In den vergangenen Jahren haben wir ein enormes Wachstum internationaler Reiseströme verzeichnet." Und das geht wohl auch vorerst noch so weiter, wenn man Prognosen der Weltorganisation für Tourismus (UNWTO) Glauben schenkt. Demzufolge werden internationale Ankünfte bis 2030 um weitere 50 Prozent wachsen, von derzeit 1,2 Milliarden pro Jahr auf 1,8 Milliarden. Das Problem dahinter? "Die Zahl der Destinationen wächst nicht im gleichen Maße mit. Touristen werden sich auch zukünftig auf die Destinationen konzentrieren, die es heute schon gibt. Und dann wird es irgendwann eng", erklärt Schmude.

Dafür gibt es in der Forschung ein Fachwort: "Overtourism". Über-Tourismus, sozusagen.

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Der Unmut der Einheimischen richtet sich dabei keineswegs nur gegen Touristen, die sich daneben benehmen. Viel mehr sind es die Begleiterscheinungen, die Einheimische aufbringen, unter anderem ökonomische: Darunter fällt das, was Professor Schmude als "Airbnb-Phänomen" bezeichnet. Durch Kurzzeitvermietungen an Touristen wird dem lokalen Wohnungsmarkt Wohnraum entzogen, wodurch die Mieten steigen. Hinzu kommt eine perzeptuelle Dimension: "Das bedeutet, dass das Vorhandensein von so vielen Touristen die Einheimischen stört, aber auch die Touristen selbst. Da gibt es eine kritische Grenze. Wenn die überschritten wird, wird es zuviel."

Großdemonstration in Palma de Mallorca: Im September 2017 gingen Bewohner der spanischen Insel unter anderem gegen Massentourismus und private Ferienwohnungen auf die Straße.
Foto: Oliver Brenneisen, dpa

Eine Obergrenze für Touristen - aber wo liegt die?

Und wo liegt diese Grenze? Schmude schmunzelt, diese Frage hat er schon öfter gehört: "Diese Grenze lässt sich nicht beziffern. Eine Stadt wie Dubrovnik kann nicht sagen, 8000 Touristen und dann ist Schluss, dann machen wir zu." Denn Overtourism ist kein flächendeckendes Phänomen. "Es tritt zu bestimmten Zeiten an bestimmten Plätzen auf. Das gibt es in München genauso: während der Wiesn. An anderen Orten in München bekommen Sie zur selben Zeit nichts mit von all den Touristen."

Von einer solchen Obergrenze für Touristen spricht auch Professor Alfred Bauer, Experte für Destinationsmanagement an der Hochschule Kempten. Doch wann die erreicht ist, kann auch er nicht explizit sagen: "Das merken Sie, wenn Einheimische darauf reagieren. Es gibt ja keine allgemein gültige Belastungsgrenze im ökonomischen, ökologischen oder sozialen Bereich. Es ist eher eine gefühlte Grenze, Overtourism hat ja generell viel mit Emotionen zu tun. Aber: Wenn Einheimische sich in ihrer Heimat nicht mehr wohlfühlen, fühlen sich auch Touristen dort nicht mehr wohl."

Ein Kreuzfahrtschiff liegt vor dem Markusplatz in Venedig.
Foto: Andrea Merola, dpa

Als wachsendes Problem identifiziert Bauer unter anderem den Kreuzfahrttourismus. Innerhalb kürzester Zeit spucken riesige Kreuzfahrtschiffe Tausende Touristen in Hafenstädte wie Venedig oder Dubrovnik. "Die Touristen treten dann in einem Pulk auf, dem Sie nicht mehr Herr werden können."

Die Konsequenz: Zugangsbegrenzungen wie in den Inka-Ruinen von Macchu Picchu (Peru), am Taj Mahal (Indien) oder im Nationalpark Cinque Terre (Italien). Der Abbau von Übernachtungsmöglichkeiten auf Mallorca, das Verbot neuer Hotels in Amsterdam oder die Sperrung ganzer Inseln für Touristen - so geschehen auf Boracay (Philippinen).

Kampf dem Massentourismus: Alle Beteiligten müssen gemeinsam nach Lösungen suchen

Doch so wirksam dieses Vorgehen auch sein mag im Kampf gegen den Massentourismus, so hat es auch negative Auswirkungen. "Wenn Einheimische bei der Politik einfordern, etwas gegen Touristenströme zu unternehmen, müssen sie auch Umsatzbußen in Einzelhandel und Gastronomie hinnehmen", erklärt Alfred Bauer. "Da ist eine Abwägung nötig, um gemeinsam zu entscheiden, wie eine zukünftige Entwicklung des Tourismus aussehen soll."

Ähnlich sieht es Jürgen Schmude: "Es braucht eine räumliche und zeitliche Lenkung der Touristenströme sowie eine Kooperation aller Beteiligten. Ein runder Tisch mit Vertretern von Stadtverwaltung und -planung, Einzelhandel und Tourismus macht durchaus Sinn, um nach Lösungen zu suchen."

In Zukunft werde auch das Monitoring von Touristenströmen eine immer größere Rolle spielen, also die Analyse wann wo welche Touristen mit welcher Motivation und welchem Verhalten auftauchen. "Erst dann lassen sich Maßnahmen für eine Lenkung der Touristen entwickeln", sagt Schmude.

Können Touristen denn auch selbst etwas tun, um dem Problem Einhalt zu gebieten? Begrenzt. Denn selten liegt das Problem beim einzelnen Touristen, sondern schier an der Masse. Dennoch: "Touristen können ihr Verhalten selbst hinterfragen: Wie kann ich mich als Reisender den Bereisten gegenüber korrekt verhalten?", sagt Schmude. Als Beispiel führt er Gruppen wie Junggesellenabschiede an, "die bar jeglichen Verhaltenskodexes durch Barcelona marodieren und für Unmut sorgen". Oft entwickele sich in solchen Gruppen eine Gruppendynamik, beim Junggesellenabschied genauso wie beim Kegelclub, die Einheimischen missfällt.

Bei Individualreisenden liegt das Problem laut Schmude eher an anderer Stelle: "Da geht es eher um Wissensvermittlung – zum Beispiel, dass man sich in einem islamischen Land anders kleiden sollte als am Ballermann."

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