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Reisebericht
20.09.2016

Amazonas-Kreuzfahrt: Schwimmen mit Piranhas

Ein Kreuzfahrtschiff passiert den Amazonas Richtung Belém in Brasilien. Unterwegs erleben die Passagiere, wie auf Booten wortlos gehandelt wird und den Alltag der Menschen.
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Ein Kreuzfahrtschiff passiert den Amazonas Richtung Belém in Brasilien. Unterwegs erleben die Passagiere, wie auf Booten wortlos gehandelt wird und den Alltag der Menschen.
Foto: Gustavo Frazao, Fotolia

Bei einer 4175 Kilometer langen Kreuzfahrt auf dem Amazonas in Brasilien fährt man durch den größten Regenwald der Erde. Vom komischen Gefühl hier Baden zu gehen.

Regen. Natürlich Regen. Der Name Regenwald kommt ja nicht von ungefähr. Wobei der Regen wie Regenstaub wirkt, feiner noch als Niesel, als seien die Tropfen durch ein unsichtbares Sieb gepresst worden. Das Dach des Waldes ist dicht, weit mehr als 50 Meter hoch. Jede Pflanze kämpft um Licht und Wasser. Jeder Regentropfen trifft unzählige Male auf Bäume, Blätter, Äste, Tiere, wird kleiner, verstäubt sich, ehe er unten angelangt, fein, weich und sich über Kopf und Körper legt wie ein Film. Das Licht wirft Schatten und dominiert das Leben der Pflanzen. Und unter den Tieren gilt: Groß frisst Klein. Wer Charles Darwins Evolutionstheorie bislang nicht verstanden oder angezweifelt hat, der wird im Amazonas-Gebiet eines Besseren belehrt.

Durch diesen Dschungel schippert die „MS Hanseatic“, weiß, groß, stolz und doch so winzig auf dem riesigen Amazonas, um den sich der größte Regenwald der Erde wuchert. Der Amazonas ist auch der größte Fluss der Welt, ein Strom, der 20 Prozent allen Süßwassers mit sich führt, der mit seinen Quellflüssen 7250 Kilometer lang ist und über eine Mündung von 80 Kilometern Breite verfügt. Eine Amazonas-Rekordliste könnte man beinahe beliebig verlängern. Etwa mit 105 Metern Tiefe: „Das ist mehr als unsere Nordsee“, betont Kapitän Carsten Gerke bei seiner Durchsage, als die Stelle bei Furo dos Botos passiert wird. Doch was sind schon Fakten und Zahlen, wenn man in diesem Amazonas auch selbst Sensationelles erleben kann.

Es geht zum Schwimmen. Das Thermometer zeigt um die 30 Grad, das Wasser ist handwarm, bräunlich und weich – als sei es ein Darjeeling, First Flush. Der weiße Sand am Flussstrand lädt ein wie in der Karibik. Wenn da nicht ein klitzekleines Problemchen wäre, das aus der Familie der Sägesalmler kommt. Etwa 15 bis 20 Zentimeter große räuberische Schwarmfische mit sehr scharfen Zähnen. Ihr Name: Piranhas...

Die Artenvielfalt am Amazonas ist gewaltig

Schwimmen mit Piranhas also! Wie soll das denn gehen? Sie sind zu Millionen in den Amazonas-Gewässern zu Hause, in all den 1100 Nebenflüssen, von denen 20 länger sind als der Rhein, und natürlich auch im Hauptstrom und so manchem See-ähnlichen Nebenarm. „Wenn man nicht irgendwo am Körper blutet, lassen einen die Piranhas in Ruhe“, sagt Moacir, genannt Mo, am Amazonas aufgewachsen und einer der begleitenden Lektoren der „Hanseatic“-Cruise. „Die Gruselgeschichten, dass man in Piranha-Gewässern nicht mal ungeschoren einen Finger ins Wasser halten kann, sind Blödsinn!“ Wieso könnten sonst die Kinder der Flussanwohner überall mit viel Spaß und Geschrei im braunen Amazonas baden?

Trotzdem: Jeder tastet sich vorsichtig in das warme Wasser, als sei es 15 Grad kalt – langsam, Zentimeter für Zentimeter, mit mulmigem Gefühl. Dann krault der Erste der Gruppe schnell ein paar Meter, der Zweite folgt, dann noch einer... Schwimmnudeln fliegen vom Boot ins Wasser ... Piranhas? Angst? Ach was! Party mit Piranhas! Das Badevergnügen dauert 20 Minuten, ohne dass es auch nur zu einer Berührung mit diesen Sägesalmlern gekommen wäre.

Anderntags wird klar, dass auch im Fall Mensch und Piranha Darwin gilt: Groß frisst Klein! Mit einfacher Angelschnur, Haken und kleinen Fleischködern holen Passagiere einen Piranha nach dem anderen aus dem Wasser. Die Kerle reagieren auf das rohe Fleisch wie Vampire auf Blut und beißen kräftig in den verborgenen Angelhaken. Mo nimmt einen von der Angel und zeigt die messerscharfen kleinen Zähne. Großzügig schenken die Großen den Kleinen aber das Leben, denn Mo weiß auch: Piranhas schmecken nicht. Die Kerle sind zu grätig und zu zäh. Wie schön, dass es im Amazonas-Gebiet aber noch 2499 weitere Fischarten gibt.

Das Amazonas-Gebiet ernährt nicht nur die Menschen, die an seinen Ufern wohnen, es heilt auch: Mo doziert im Regenwald wie von einer Apotheke, aus der man sich gegen jedes denkbare Zipperlein bedienen kann. Er zeigt bunte Vögel, winzige Frösche, scheue Affen oder schlafende Faultiere, welche die Kreuzfahrer ohne Hinweis einfach übersehen hätten. Aber mal eine Anakonda aus ihrem Versteck holen, das macht Mo nicht: „Der Amazonas ist kein Zoo, wo man Nahaufnahmen machen kann. Wir sehen die Tiere, wie sie wirklich leben. Wir füttern nicht an und locken kein Tier aus seinem Versteck.“

Obgleich die Szenerie häufig ähnlich ist, gibt es jeden Tag neue Stimmungen zu erleben: andere Wolkenbilder, Flussfarben, eine Vegetation mit gefühlt tausend Grüntönen. Und ein Stück Menschheitsgeschichte: Tauschhandel ohne Sprache. In Panelas haben etwa ein Dutzend schmale Boote am Heck der „Hanseatic“ festgemacht. Und bald wechselt ein Strunk Bananen gegen einen im Dschungel sehr kostbaren Eimer. Ein noch lebendes Huhn bringt den Gegenwert von zwei Kissen und einem Kanister. Der Hals ist schnell rumgedreht, das Vieh flugs gerupft und ausgenommen. Aber die mehrheitlich philippinische Besatzung verschenkt vom Unterdeck aus auch vieles: Brötchen vom Vortag, Kekse und alte Zeitschriften. Sofort schauen die Mädchen nicht nur die Modebilder an, sondern suchen auch nach Geruchsproben der Parfüm-Werbekunden …

172 Stundendauert die Amazonas-Kreuzfahrt

Eine Kreuzfahrt, die ist lustig. Und diese ist noch luxuriös und lang dazu. Genau 172 Stunden braucht die „Hanseatic“ für die 4175 Kilometer auf dem Amazonas. Das weltweit einzige Expeditionsschiff, das mit fünf Sternen ausgezeichnet ist, bietet allen Komfort in einer immer noch großflächig unerschlossenen Region. Mehr als 90 Prozent aller Nahrungsmittel auf der „Hanseatic“ kommen aus dem Heimathafen Hamburg. Die Bordsprache ist Deutsch. Der Bordpianist heißt tatsächlich Uwe Künstler, nur die Hostess hat weder das Aufgabengebiet noch den Charme der allseits bekannten „Traumschiff“-Beatrice. In den 16 Tagen an Bord geht es zu indigenen Stämmen wie den Bora oder Huitoto und ins berühmte Opernhaus von Manaus.

Mit der Boi-Bumba-Show erleben die Kreuzfahrer Brasiliens zweitgrößtes Fest nach dem Karneval. Bei der Nachtexkursion hält man schon mal einen kleinen Kaimann in den Händen, den einer der Guides aus dem Fluss ins Zodiac geholt hat. Und im Drei-Länder-Eck des Amazonas kommt es zu der kuriosen Konstellation, in Kolumbien auf Reede zu liegen, in Peru anzulanden und einen Spaziergang nach Brasilien zu machen.

Kurz vor dem Ende der Tour geht es durch die Breves-Kanäle, in denen es für die 123 Meter lange und 20 Meter breite „Hanseatic“ ganz schon eng wird. Und wenn einmal im Jahr dieses große Schiff kommt, sind alle auf den Beinen in diesem dicht besiedelten Gebiet. Jeder will den weißen Riesen sehen. Und die Kreuzfahrer staunen, weil nun sie es sind, die mit hunderten von Handys vom Ufer aus fotografiert werden.

Und das bei strahlendem Sonnenschein: Denn auch im Regenwald gibt’s reichlich Sonne.

 

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