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Spanien

25.07.2017

Seid ihr alle da? Mallorca und der nächste Rekordsommer

Einsamkeit wird man in den nächsten Wochen auf Mallorca nur schwer finden.
Bild: Julian Stratenschulte/dpa

Mallorca profitiert von den Touristenmassen. Immer mehr Einheimische wehren sich gegen Kommerz. Die Urlauber sind an der Situation aber nicht alleine schuld.

An der der Plaza del Pes de sa Palla sind blaue Fähnchen und Lichterketten gespannt. Darunter stehen lange, mit weißen Tüchern gedeckte Tische, die sich nach und nach mit Tupperdosen und Papptellern füllen. Es ist Stadtteilfest und die Anwohner des Canamunt, wie der obere Teil von Palmas Altstadt heißt, treffen sich an diesem Abend zum „sopar a la fresca“, zum Abendessen im Freien. Doch geteilt werden bei dieser schönen mallorquinischen Tradition längst nicht mehr nur Brot, Wein und Käse, sondern auch Sorgen und Ungemach angesichts der stetig größer werdenden Urlaubermassen.

„Wir Canamunters sind eine vom Aussterben bedrohte Art“, schreit Manel Domènech in die Menge. Der 63-Jährige mit dem fast weißen Rauschebart gehört der Initiative an, die es Ende Mai mit einer Demo, bei der sich Einheimische mit Tennissocken, offenen Hemden und Rollkoffern als Touris verkleidet hatten, sogar ins deutsche Fernsehen schaffte. Nun macht Domènech seinem Unmut bei seiner Festrede Luft. Statt feierlicher Worte hagelt es böse Kritik – am ausufernden Airbnb-Angebot, an den Heerscharen an Kreuzfahrt-Touristen, an den oftmals ausländischen Investoren, die die Altstadt nur so mit Lofts und Luxushotels zukleistern.

Als er sich vor 25 Jahren seine Wohnung kaufte, galt die Gegend als Rotlichtviertel, war heruntergekommen, viele Leute machten einen Bogen drumrum. „Dafür gab es einen Bäcker, einen Zeitungskiosk, eine Bank“, erzählt Domènech. Inzwischen sei der Geist des Viertels verloren gegangen. Manche Nachbarn bewohnen ihr Domizil nur ein paar Wochen im Jahr, andere wechseln im Sieben-Tages-Rhythmus, und mit den Eigentümern, die ihre Wohnung über die einschlägigen Internetportale vermieten, habe man nur noch Kontakt, wenn es mal wieder Zoff wegen zu laut feiernder oder zu oft duschender Urlauber gibt.

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Auch Uta Gritschke, die vor zehn Jahren von Berlin nach Mallorca zog und mit ihrem damaligen mallorquinischen Lebensgefährten in einer kleinen Altstadtgasse eine Bodega eröffnete, hat den Wandel bemerkt. In ihrem kleinen, mit alten Siphonflaschen dekorierten Laden treffen sich seit jeher Einheimische und ausländische Residenten auf ein Glas Wein oder Wermut – oder frischen ihren Vorrat an Sprudelwasser auf, das es hier noch in den auf der Insel fast ausgestorbenen Pfandflaschen gibt. „Doch viele Nachbarn sind inzwischen weggezogen, weil ihre Häuser verkauft wurden“, sagt die Deutsche. Und die Gäste der teuren Boutiquehotels würden die ehemalige Kundschaft nicht ersetzen. „Die bringen dem Viertel überhaupt nichts.“ Statt traditionelle Läden oder einfache Restaurants zu besuchen, ließen sich die Luxusurlauber mit dem Taxi zu den Sehenswürdigkeiten und von dort in einen noblen – aber leider global austauschbaren – Beachclub chauffieren.

Die vielen Luxusapartments auzf Mallorca sind innerhalb weniger Jahre entstanden

Gentrifizierug heißt diese Veränderung eines Stadtviertels im Fachjargon. Zu glauben, dass ausgerechnet Palma von einem Prozess verschont bliebe, der Berlin genauso wie Barcelona zu schaffen macht, ist freilich absurd. Doch in der Inselhauptstadt, die vor zehn Jahren noch ein relativ verschlafenes Nest war, für das sich kaum ein Tourist länger als einen halben Vormittag interessierte, ging eben alles sehr schnell.

„Eine Stadt für Einwohner und nicht für Touristen.“ Das forderten die Einwohner Palmas bei einer Protestaktion. Immer mehr Wohnungen in der Inselhauptstadt werden Touristen zur Verfügung gestellt.
Bild: Stephanie Schuster

Innerhalb weniger Jahre wurden ganze Straßenzüge restauriert und in Luxusapartments verwandelt, allein zwischen 2012 und 2016 kamen 28 neue Stadt- und Boutiquehotels hinzu. Außerdem trifft die Entwicklung in Palmas Altstadt mit einem nie da gewesenen Urlauberansturm auf die gesamte Insel zusammen. Der Rekord vom 9. August 2016, als sich auf Mallorca und den anderen Baleareninseln rund eine Million Urlauber – neben genauso vielen Einwohnern – tummelten, wird heuer noch getoppt. Es war noch nie so voll. Und es war noch nie so angesagt, das offen auszusprechen. Egal ob beim Friseur, im Supermarkt oder am Bar-Tresen – es gehört fast schon zum guten Ton, ein gequältes „all diese Urlauber“ auszustoßen, ehe dann über verstopfte Straßen oder unbezahlbare Mieten hergezogen wird.

„Das Problem ist einfach die Masse“, sagt Joaquín Valdivielso von der Umweltschutzbewegung Terraferida (mallorquinisch für verletzte Erde). Solange die Nachfrage nach Ferien auf Mallorca weiter steige, helfe nur eins: das Angebot reduzieren. „Damit können wir nicht warten, bis im östlichen Mittelmeer Ruhe einkehrt und die Leute wieder dorthin fahren, dann ist es vielleicht zu spät.“ Die Insel sei mit ihren Kräften am Ende, Straßen und Müllverbrennungsanlage längst am Limit. „Unsere Kläranlagen sind für maximal 1,4 Millionen Menschen ausgelegt. Sind zwei Millionen hier, fließt ein Viertel dreckig ins Meer“, poltert Valdivielso. Für die Seegraswiesen vor Mallorcas Küste, denen Traumstände wie Es Trenc ihr türkisfarbenes Wasser verdanken, sei das der Anfang vom Ende.

Bis auf Weiteres keine neuen Hotels

Neben der Umwelt sieht Valdivielso, im normalen Leben Philosophiedozent an der Balearen-Uni, den sozialen Frieden in Gefahr. Schuld daran: die Ferienvermietung über Internetportale. Eine Studie von Terraferida kam zu dem Schluss, dass es in Privatunterkünften mehr als 78000 Gästebetten gibt, wobei von der angeblichen sharing economy nicht mehr viel übrig ist: 17 Prozent des Angebots läge in den Händen von nur 20 Personen, allein Userin „Angela“ bot an einem Tag an die 700 Wohnungen feil.

Immer mehr Einwohner demonstrieren gegen den Kommerz, der ihre Insel verändert.
Bild: Stephanie Schuster

Die Politik schrie zunächst auf, alles übertrieben, ehe der Inselrat in einer eigenen Erhebung auf fast 125000 Betten kam, der Großteil davon nicht genehmigt. Die linksökologische Inselregierung bastelte bereits Monate davor an einem Gesetz, das Airbnb und Co. zwar generell legalisieren, aber scharf reglementieren und in besonders überlasteten Vierteln verbieten soll, während Schwarz-Anbietern Strafen von bis zu 40000 Euro drohen.

Die Stadt Palma hat zudem beschlossen, bis auf Weiteres keine neuen Hotels zu genehmigen, wobei die boomenden Boutiquehotels ausgenommen sind – und auf der restlichen Insel sowieso munter weitergebaut werden darf. „Der klare politische Wille, dem Wachstum Einhalt zu gebieten, fehlt nach wie vor“, ist Valdivielso überzeugt.

Es ist bequemer, den Frust an den Urlaubern abzulassen

Es ist freilich bequemer, den Politikern Versagen vorzuwerfen und seinen Frust an den Urlaubern abzulassen, als sich an die eigene Nase zu fassen. Vor kurzem etwa sorgte die Werbekampagne einer schwedischen Immobilienfirma für Entsetzen, die Einheimische mit dem Versprechen „Wir kennen genug frierende Skandinavier“ zum Hausverkauf animieren will. Wie kann man nur? Wie unverschämt! Schnell war wieder vom Ausverkauf der Insel die Rede. Maklerin Tete Crespí von der Agentur Monapart ist der Schachzug der Konkurrenz nicht entgangen, doch stellt sie klar: „Hinter jedem ausländischen Käufer steht ein mallorquinischer Verkäufer. Hier wird niemand zum Verkauf gezwungen.“ Schuld am gesteigerten Interesse an Inselimmobilien seien nicht die Ausländer, sondern schlichtweg der Markt.

Kurz danach vermeldete die Verkehrsbehörde, dass in diesem Sommer 120000 Mietwagen über die Insel rollen. Wieder ein Rekord, wieder ein Aufschrei. Nicht nur wegen der Staus und des Parkplatzchaos’ an den Stränden, sondern auch, weil viele Unternehmen die Steuern für ihre Flotte auf dem Festland und nicht auf Mallorca zahlen – was wieder eine Folge des freien Marktes ist.

Die restliche Nachricht, nämlich dass insgesamt über 800000 Autos auf den Inselstraßen unterwegs sind und auf 1000 Bewohner 873 Fahrzeuge – mehr als in jeder anderen spanischen Region – kommen, blendeten die meisten Mallorquiner einfach aus. „Stimmt ja“, sagt Umweltschützer Valdivielso zögerlich. „Wir hinken in Sachen nachhaltige Mobilität, alternative Energien und Recycling weit hinterher.“ Und auch für die Tatsache, dass ehemalige Studenten von ihm ihre Doktorarbeit oder ihren Job auf dem Festland an den Nagel hängten, um sich auf Mallorca der Vermietung der familieneigenen Immobilien an Urlauber zu widmen, könnten die ausländischen Gäste so rein gar nichts. Damit aber würde die Monokultur Tourismus weiter zementiert. „Mit Blick auf die Zukunft ist das der wahre Selbstmord“, sagt der Uni-Dozent.

Es ist ein bisschen wie im Zauberlehrling – die Geister, die sie rief, wird die Insel nicht mehr los. Man will keine auf Krawall gebürsteten Sauftouristen, so viel ist klar – auch wenn Palmas Bürgermeister in den Augen des konservativen Lagers doch um Himmels Willen nicht öffentlich von „Abschaum“ hätte sprechen sollen.

Man will auch keine Touristen, die Einheimischen den Wohnraum wegnehmen. Man will Qualitätstourismus und Fünf-Sterne-Hotels statt Bierstraßen-Flair. Dabei hatte das simple All-inclusive in den altbekannten Bettenburgen auch viel Schönes: Die Leute waren wenig anspruchsvoll, hatten kaum Entdeckerdrang und blieben unter sich. Jetzt gelangen gebildete Urlauber dank Anleitung auf Internet-Nachrichtenportalen bis zum hinterletzten Inselstrand, während Neureiche von ihrer Yacht aus Golfbälle in den Ozean schlagen oder vom Helikopter in ein Meeresschutzgebiet springen.

„Unser Problem ist, dass es im Tourismus keine Tabus mehr gibt“, sagt Manel Domènech von der Anwohnerinitiative, der sich nach dem Abendessen unter freiem Himmel noch eine Weile das Konzert einer Inselband anhört. Auf einmal kommen zwei Mädchen, vielleicht Engländerinnen, auf die Bühne und singen zusammen mit den Musikern ein paar Lieder. „Richtig gut“, sagt der Mallorquiner. Und nein, man dürfe nicht pauschal die Urlauber verurteilen. „Die können ja auch nichts dafür.“

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