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Italien

22.10.2018

Touristenflut, Stau, Mafia: Droht dem Gardasee ein böses Erwachen?

Wunderschön: Der Blick von Sirmione auf den Gardasee.
Bild: Max Intrisano

Plus Bald verlassen auch die letzten Deutschen den Gardasee. Die Einheimischen atmen durch. Zeit, um sich mal zu fragen, wie man mit dem Touristenansturm umgehen soll.

Vom Traum zum Albtraum ist es manchmal nur ein Katzensprung. Die Staatsstraße am Westufer des Gardasees ist eine der schönsten Strecken Europas. Steil fallen die schroffen Kalkfelsen in das bläulich schimmernde Wasser ab, die grüne Macchia-Vegetation verleiht der Szene mediterranes Flair. Hier, knapp über dem See und gar nicht weit vom Himmel, scheint das Leben besonders lebenswert. Vor allem zwischen Juni und September allerdings hat schon mancher Deutsche diesen wunderbaren und in ein paar Stunden Autofahrt erreichbaren Flecken Paradies verflucht. Stundenlange Staus gehören zum Gardaseegefühl genauso wie der kühle Sprizz am Seeufer.

Im Oktober ist das anders. In diesen Tagen staut sich der Verkehr um den See nicht mehr ganz so dicht, die Cafés sind nicht mehr ganz so voll und die Strände sogar fast leer. Der Gardasee wird bei Touristen immer beliebter, mehr als 24 Millionen Übernachtungen sind es inzwischen jedes Jahr. Und wer kommt, bleibt oft nur ein verlängertes Wochenende und verursacht mehr Verkehr. Vielleicht also ist jetzt, wo die meisten Deutschen den Gardasee hinter sich haben und vielleicht schon vom nächsten Kurzurlaub zwischen Malcesine und Sirmione träumen, die Zeit, um sich zu fragen, wie das alles weitergehen soll. Die Zeit, in der man mit ein wenig Abstand auf den sommerlichen Ansturm zurückblicken und eine eher ungewöhnliche Perspektive auf den See riskieren kann.

Auf dem Weg zum Paradies ist meistens Stau

Die Straßenschilder auf der Westumfahrung zum Beispiel weisen auf einen Kosmos hin, den heute kaum jemand mehr ernst zu nehmen gewillt ist. Die Namen der Tunnels sind fast durchgängig mythischen Gestalten und Fabelwesen gewidmet, die den See früher fest im Griff hatten, bevor sich der Gott des Trubels und Geschäfts seiner Anwohner bemächtigte.

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Von Sirenen, Nymphen, Titanen, Faunen, Dryaden, Limnìaden, Zwergen und Giganten ist auf den Schildern die Rede. Garda selbst soll eine Nymphe gewesen sein. Anlässlich ihrer Vermählung mit Sarca, dem Gott des gleichnamigen Flusses, ließen ihr Vater Benaco und der Freier ihre Gewässer zu einem See zusammenfließen, dem sie den Namen Garda gaben.

Es gibt Menschen, die die Welt der Geister und Feen am Gardasee durchaus ernst nehmen und ihre Gründe dafür haben. Zur Sommersonnenwende wird jährlich am Ostufer des Sees ein Festival der Feen abgehalten, am Nachbarsee in Iseo findet im Mai ein Hexenfest namens „Strigarium“ statt. Simona Cremonini aus Manerba ist meist mit von der Partie. Die 39-Jährige schreibt derzeit nicht nur am dritten Band einer am Gardasee beheimateten Fantasy-Romanreihe. Die Autorin hat Mythen und Legenden um den See gesammelt und unter anderem in einem bislang nur auf Italienisch erschienenen Band namens „Fantastischer Garda“ vorgelegt.

Cremonini sitzt in einer Bar in Sirmione am Südufer und erzählt zum Beispiel von den „Eguales“, zwei ziemlich schrecklichen, aus dem Gewässer aufsteigenden Zwillingsschwestern, die von Bussardlauten angekündigt werden und Unglück verheißen.

Sieht man sich auf der Landzunge des eigentlich zauberhaften Sirmione um, scheint es, als seien sämtliche Warnungen der Eguales überhört worden. Am Platz vor der Scaligerburg sind sich Autos und Spaziergänger im Weg. Hunde bellen nervös. Weil Hotelgäste auf engstem Raum im Wagen vorfahren, werden Fußgänger an die Hausmauern gedrängt. Touristen lecken an ihren überdimensional großen Eistüten, ein Spaziergänger führt seinen Hasen an einer Leine durch den Tumult. Ein mit roter Farbe angemalter und mit Tribalschmuck bekleideter Indianer lässt sich gegen Geld fotografieren. Wer sind hier eigentlich die Fabelwesen?

Die Autorin Cremonini beobachtet das Treiben und stellt fest, die meisten Menschen am See bewegten sich fort wie in einem Traum: „Wir merken gar nicht mehr, an was für einem Ort wir uns befinden und welche Botschaften er für uns bereithält“, sagt die 39-Jährige. Die versteckte Welt des zauberhaften Gardasees wird flächendeckend übersehen. „Wir haben die Fähigkeit verloren, zu staunen.“

Für Nymphen und Feen ist heute am Gardasee wenig Platz

Kein Wunder, dass für Nymphen und Feen am heutigen See nur wenig Platz ist, obwohl sie durchaus symbolische Kraft haben können. „Sie stehen für unsere Verbindung zur Natur, die vom Tourismus als unbeschränkte Ressource in Anspruch genommen wird“, sagt die Schriftstellerin. Wirklich aufmerksam und mit neuem Blick die Welt um einen herum zu beobachten, sei der Anfang, sagt Cremonini.

Wer diesem Rat folgt, bleibt nach der Begegnung mit der Autorin erst einmal im Verkehr auf der Staatsstraße stecken, die von Sirmione nach Lazise führt. Es ist eine Geduldsprobe, die zur Gewissheit führt, dass der See an seine Grenzen gekommen ist. In Lazise, dem Ort mit einer der höchsten Touristendichte in Italien, folgt die Bestätigung für diese These. Im August bläht sich das ehemalige Fischerdorf, das rund 7000 Einwohner hat, zu einer Großstadt mit knapp 100.000 Menschen auf.

Auch jetzt, im Oktober, schlürfen immer noch massenhaft Touristen in der Hafenpromenade an ihren knallroten Drinks. Am nördlichen Hafenbecken, dem Porticciolo, erhebt sich seit diesem Sommer eine Nymphe aus einer kupferfarbenen Welle. Sie starrt angespannt und perplex auf das Treiben um sie herum. Zwei Schwäne ziehen auf den sanften Wellen ihre Bahnen zu Füßen der Statue, zwei Angler im Motorboot werfen ungeduldig ihre Ruten aus und brausen kurz darauf erfolglos mit ihrem Motorboot ab.

Die Nymphen-Skulptur ist die Schenkung einer Unternehmerfamilie im Ort, die einen der größten Campingplätze von Lazise betreibt. Vor allem Urlauber aus Deutschland genießen die Vorteile und Preise der 13 Campingplätze von Lazise. Demnächst soll die 14. Konzession erteilt werden. Der Gardasee mit seinen 24 Millionen Übernachtungen im Jahr gleicht einer großen Goldgrube. „Mir kommt es hier vor wie in einem großen Vergnügungspark“, sagt Annalisa Mancini aus Lazise. 2008 war sie Mitgründerin einer Sektion der italienischen Naturschutzorganisation Legambiente. Die Sektion wurde gegründet, um großflächige Immobilienprojekte zu verhindern, erzählt Mancini in einer Bar an der Seepromenade. 2013 wurde der Verein unter anderem mangels Mitarbeitern aufgelöst.

Auch jetzt, im Oktober, drängeln sich noch die Touristen durch die Gassen.
Bild: Max Intrisano

Am Gardasee, sagt sie, wird man im Nu zum Millionär

„Die Menschen am Gardasee leben für die Arbeit, sie verdienen ausgezeichnet und sind dann zu müde, um sich dem Gemeinwesen zu widmen“, sagt die 38-Jährige. Derzeit bemüht sich Mancini um eine Unterschriftensammlung für die Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern auf der Ostumfahrung des Sees. Über 10.000 Personen haben bereits unterschrieben, seit Koen van Keulen im Juli ums Leben kam. Der 17-jährige Niederländer war nachts zu Fuß auf dem Rückweg vom Vergnügungspark Gardaland zum Campingplatz. Um sich vor den vielen Autos zu schützen, kletterte er über die Leitplanke und stürzte dort sechs Meter tief. 1996 war Mancinis Vater auf derselben Strecke von einem Auto überfahren worden. „Es gibt einfach keinen Platz für Fußgänger“, sagt Mancini. 22 Jahre nach dem tödlichen Unfall ihres Vaters habe sich nichts geändert, im Gegenteil. „Man wird am Gardasee im Nu zum Millionär, Wohlstand und Reichtum wachsen, aber der Preis ist zu hoch“, sagt sie.

Sie selbst ist in der Tourismusbranche am See tätig, in einer Agentur für Ferienwohnungen. Man arbeite bis zu 14 Stunden am Tag, vier Monate lang zwischen November und Februar falle die Bevölkerung dann in eine Art Winterschlaf. „Die meisten fahren nach Thailand“, erzählt Mancini. Probleme wie Immobilienspekulation, der Tourismus, der ungebremst wächst, oder Abwasser, das ungefiltert in den See geleitet wird, lösen sich auch in dieser Zeit nicht. Mancini würde gerne eine Art runden Tisch ins Leben rufen zu der Frage: Wie wollen wir hier in 20 Jahren zusammenleben? Campingplatz-Betreiber, Hoteliers, Politik und Umweltschützer könnten sich zusammensetzen, um eine Zukunftsvision zu entwickeln. „Aber es gibt kein Interesse. Der Neid untereinander ist groß. Alle haben Angst“, sagt Mancini. Vor dem Ende des Wachstums. Also wirkt es manchmal so, als graben die Goldgräber an ihrem eigenen Grab.

Schon jetzt gibt es Vorboten eines brüsken Erwachens. Im jüngsten Bericht der lombardischen Mafia-Beobachtungsstelle heißt es: „In den Provinzen Bergamo, Brescia und insbesondere am Gardasee, der seit Jahren eine Rolle als großer Katalysator für kriminelle Organisationen aller Art spielt, ist die Verfestigung von Mafia-Organisationen festzustellen.“ Auch der frühere venezianische Staatsanwalt Francesco Saverio Pavone warnte vor den Tentakeln der Mafia, die sich längst um den See geschlungen haben. Das war vor acht Jahren. „Die Lokalpolitiker müssen verstehen, dass mafiöse Investoren ihr Geld in ruhigen Gemeinden wie den hiesigen waschen, wo es leicht ist, sich zu verstecken.“ So sprach der Staatsanwalt über den Gardasee. Der größte Fehler sei es, so Saverio Pavone, diese Realität vor allem in touristischen Zentren zu verschweigen, aus Angst, der Name könne beschmutzt werden. „Überlegt es euch gut“, warnte der Ermittler, „denn das Schweigen fördert die Verwurzelung der Mafia auch am Gardasee.“

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