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Zentralasien

04.04.2019

Unterwegs auf alten Hirtenwegen in Tadschikistan

Faszinierend schön: Das Serafschan-Tal.
Bild: Vucko

Wer sich auf den abenteuerlichen Weg ins Serafschan-Tal macht, erlebt atemberaubende Natur und herzliche Gastgeber. Und ein Land, das den Tourismus entdeckt.

Eine offizielle Statistik ist nicht aufzutreiben. Aber die Erfahrungen der Einheimischen sprechen eine klare Sprache. Nicht Autounfälle, Infektionen, verschmutztes Leitungswasser oder gar Überfälle bergen für Touristen in Tadschikistan die größte Gefahr. Es sind Stürze in Löcher, Entwässerungsrinnen und über Absätze, die auf Gehsteigen und entlang der Straßen im Dunkeln lauern. Kenneth Berger ist solch ein Malheur einmal in der Provinz passiert.

„Den verstauchten Fuß habe ich erst daheim behandeln lassen“, sagt der 33-jährige gemütliche Brite, ein Marketingchef mit Bart und Bauchansatz. Er hat das Land gerade zum zweiten Mal bereist, wartet in einem Café in der Hauptstadt Duschanbe auf seinen Heimflug und sagt, dass die Krankenhäuser nicht den allerbesten Ruf haben. „But hey, it’s a challenge and a lovely place on earth“, ruft Berger und nippt an seinem Tee – es ist alles eine Herausforderung und ein liebenswertes Stück Erde. Beides charakterisiert dieses ärmste Land Zentralasiens wohl am besten.

Weite Teile Tadschikistans sind Hochgebirge. Die Natur zeigt ihr raues Gesicht in einem Land, das sich bis heute nicht von der Unabhängigkeit der damaligen Sowjetunion und einem Bürgerkrieg erholt hat. Tadschikistan überwältigt mit Kontrasten: die höchsten Berge und der längste Gletscher, sattfarbene Blumentäler und öde Mondlandschaften, quirlige Basare in Städten und archaisches Leben in abgelegenen Dörfern. Die grüne Hauptstadt Duschanbe gilt zu Recht als kulturelle und architektonische Schatzkammer des Landes. Manche sagen, hier zeige sich auch politischer Größenwahn. Touristen bestaunen dort den imposanten Säulenwald des Palastes der Nationen und einen der höchsten Fahnenmasten der Welt mit 165 Metern. Für viele Besucher ist der Aufenthalt dort aber mehr Pflicht. Sie steuern von Duschanbe aus direkt den Pamir-Highway im Osten an, die zweithöchst gelegene befestigte Fernstraße der Erde. Die Piste führt Wanderer und Bergsteiger direkt aufs Dach der Welt mit seinen Sechs- und Siebentausendern an der Grenze zu China.

Braune Täler, leuchtend weiße Gipfel.
Bild: Vucko

In der Ferne die Gipfel des Fan-Gebirges in Tadschikistan

Nur vereinzelt verlassen Reisende die Hauptstadt Richtung Norden. Das Auto mitsamt Fahrer zu mieten, gilt als sinnvollstes Verkehrsmittel am Boden für alle, die nicht auf das geländegängige Rad oder Trekking setzen. Weit hinter dem Anzob-Pass führt sie der Weg in das Serafschan-Tal, das auf der berühmten Seidenstraße auch von Usbekistan aus erreicht werden kann. In diesem westlichen Eck Tadschikistans ragen die schroffen Gipfel des Fan-Gebirges immer noch bis über 5000 Meter in die Höhe – ein Paradies für Besucher, die per pedes die Einsamkeit suchen. Berühmt ist die Bergkette vor allem wegen ihrer schillernden Bergseen.

Tuychikul Boturov, 43, begrüßt seine Gäste, indem er die Hand aufs Herz legt. Du bist willkommen, kehre ein, wir lieben dich, meint diese Geste. Ein Mehmon, ein Gast, sei das größte Geschenk der Tadschiken, sagt der Mann mit braun gebranntem Gesicht und dichtem schwarzen Haar. Der Bergführer betreibt mit seiner Frau Temurova Zohira, einer Krankenschwester, in einem eng eingeschnittenen Seitental eine einfache Unterkunft. Durch die pieksauberen Gästezimmer läuft der drahtige kleine Hausherr in Wollsocken.

Er zeigt stolz, was den Besucher erwartet. Wasser aus dem Hahn gibt es dort, ein gefliestes Bad mit frei stehender Wanne. Sogar eine elektrische Waschmaschine steht den Urlaubern zur Verfügung. Über seinem „Homestay Mijgon“ berühren die Berggipfel den Himmel. Von der Unterkunft aus bringt Tuychikul gut 150 Gäste pro Saison bei mehrtägigen Wanderungen auf alten Hirtenpfaden durch das Fan-Gebirge. „Du musst alles dabeihaben“, sagt er. Zelte, Schlafsäcke, Kochutensilien. Esel nehmen den Wanderern einen Teil der Last ab. Ein Hütten- und Wegenetz, wie in den Alpen, gibt es nicht ansatzweise.

Der Esel ist noch immer notwendiges Fortbewegungsmittel.
Bild: Vucko

In Tadschikistan kann man entlang der historischen Seidenstraße reisen

Das Fan-Gebirge ist zum zweitstärksten Touristenziel in Tadschikistan geworden, sagt der Leiter des Tourismusbüros, Zafar Norov. „Wir erleben geradezu einen Gäste-Boom.“ Zumindest für tadschikische Verhältnisse. Der Fremdenverkehrschef kennt auch magere Zeiten, als nach dem Zerfall der Sowjetunion sein Büro geschlossen war. Die Grenze zu Usbekistan ist mittlerweile dauerhaft geöffnet, die historische Seidenstraße werde zum Besuchermagneten. Die Politik hat das touristische Potenzial entdeckt und will mit einem Reformprogramm gesetzliche und steuerliche Erleichterungen für Anbieter und ein günstiges Investitionsklima schaffen. Tourismuschef Norov blickt von seinem Büro auf die Geröllflanken des Fan-Gebirges und blättert in einem Gästebuch mit Oden an die Gastfreundschaft.

Die Kinder freuen sich über den Besuch.
Bild: Vucko

Amerikaner, Engländer, Australier buchen Bergführer Boturov. Besonders willkommen im Land seien Deutsche und das, was sie verkörpern, erzählt er. Automarken aus Rüsselsheim und Wolfsburg sind beliebt in einem Land, das weder Wartungshefte noch Pannendienste kennt. An alten Lastwagen, die über Pässe kriechen, hängen Schilder, auf denen „fern, schnell, gut“ zu erkennen ist.

In Duschanbe bilden auffällig viele Fahrzeuge der Edelmarken aus Stuttgart und München den harten Gegenpol zu Armut und meckernden Ziegen in den Nebenstraßen. Über den Weg mancher Karosse quer durch Europa auf asiatische Automärkte gibt es wilde Theorien. Zu viel Nachfragen verdirbt den Verkäufern die Laune.

Deutschland steht in dem abgelegenen Land nicht nur für PS, sondern vor allem für Freiheit, Sicherheit, Sauberkeit, Zuverlässigkeit, Angela Merkel. Und Know-how. Die Welthungerhilfe mit Sitz in Bonn unterstützt Bergbauern und Frauengruppen dabei, ihre kargen Obst- und Gemüsefelder zu bewirtschaften und von der eigenen Ernte zu leben. Davon zeugen an den braunen Bergen mit ihren weißen Kuppen bewässerte Terrassen, auf denen Pappeln und Aprikosenbäume im Sonnenlicht glühen. Auch der Aufbau touristischer Strukturen als Einkommensquelle soll helfen. Direktvermarktung landwirtschaftlicher Produkte und der Einsatz sauberer Energie zählen dazu. „Wenn wir Gästehäuser im Serafschan-Tal mit Solaranlagen ausstatten, steigert das nicht nur den Lebensstandard der Bewohner, sondern auch den Komfort der Gäste“, sagt Romy Lehns, Landesdirektorin der Welthungerhilfe.

Getränkeverkauf am Straßenrand.
Bild: Vucko

Die Frauen und ihre bunten Kleider

Tadschikische Frauen sollen die buntesten Kleider im asiatischen Raum tragen. Das zeigt auch das Angebot in dem kleinen Souvenir- und Handarbeitsladen in der Stadt Pandschakent, dem urbanen Zentrum des Serafschan-Tales. Ein riesiges Grabungsareal mit seinen Tempel- und Häuserruinen, den ehemaligen Palästen und Nekropolen lässt Besucher die Bedeutung der ehemaligen sogdischen Hauptstadt aus dem 5. Jahrhundert erahnen. Im 8. Jahrhundert zerstört und verlassen, wird die Stadt heute das Pompeji Zentralasiens genannt. Dort verkauft Ghanieva Maksuda Tücher, Decken, Teehüte und Schlüsselanhänger in kräftigen Farben, die ihren Glanz in glanzlosen Resopalregalen entfalten. „Alles original“, sagt sie lächelnd unter den Augen des tadschikischen Präsidenten Emomalij Rahmon. „Die Touristen lieben unsere bunten Stoffe“, sagt die Frau, die eine moderne schwarze Lederjacke über ihrem traditionellen Kleid trägt. Billigware aus Nachbarländern möchte sich hier niemand unterjubeln lassen. Das Interesse der Gäste an Land und Leuten sei riesig. Nun müsse das Angebot mit der Nachfrage mithalten.

Doch die Tadschiken sind dafür bekannt, für jedes Problem eine Lösung zu finden. Mit wenigen Ausnahmen: Im Dunkeln stürzen, das sollte man besser vermeiden.

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