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Camping in den USA

03.06.2019

Unterwegs in den USA: Ich bin dann mal zelten…

So geht Zelten auch einer Ranch, Bills Ranch. Mehr Natur ist nicht zu haben.

Der Südwesten der USA ist eine Traumlandschaft. Die meisten bereisen ihn allerdings mit Wohnmobilen. Eine Liebeserklärung an eine sehr ursprüngliche Urlaubsform

Warum ich mit 44 Jahren so gerne zelte? A) Weil ich davon so wunderbare Rückenschmerzen bekomme. B) Weil mir das Immergleiche der Campingküche so gut schmeckt. C) Weil ich es unglaublich finde, nachts Kojoten in der Kakteenwüste heulen zu hören. Sie sehen, ich bin das schon öfter gefragt worden und habe mir ein Bündel an Antworten zurechtgelegt, je nach Gesprächspartner. Es kann auch sein, dass ich meinen Joker ausspiele, Antwort D) Weil es für mich die einfachste und gleichzeitig die schönste Art zu reisen ist, aber das klingt arg pathetisch.

Sie glauben mir nicht? Sie finden Campen im Zelt zu unbequem? Also dann erzähle ich Ihnen eine Episode von dieser Reise mit dem Zelt quer durch die Nationalparks im Südwesten der USA. Ich kann Ihnen versichern, es war ein Riesenspaß inklusive Rücken, Porridge-Einerlei zum Frühstück und einer Natur, die mir so nahe rückte, dass sie sich buchstäblich in meine Träume einschlich. Und jetzt geht’s los.

In den Ohren gellt noch der Lärm von Las Vegas, dieses völlig verrückte Treiben. Was für eine wahnsinnige Stadt mitten in der Wüste, voller Glücksritter und Vergnügungssüchtiger. Die Hauptstadt der Werbung, ein einziges Blinken in der Nacht; und diese Themenhotels gleichen völlig überdimensionierten Luxus-Kinderspielplätzen.

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Die Campingplätze sind seit Monaten ausgebucht

Nach zwei Tagen dort schwirrt einem der Kopf, bevor es im Vegas-Delirium in die Wedding Chapel geht, heißt es nichts wie weg – genug Großstadt, das nächste Ziel lautet wieder Natur pur: der Zion-Nationalpark. Es geht nach Utah, den Mormonenstaat. Allerdings gibt es jetzt das erste größere Problem auf dieser Rundreise. Die beiden Camping-Plätze im Nationalpark sind ausgebucht. Den Versuch, schnell noch Plätze online zu bestellen, hätte ich vor Monaten unternehmen müssen, und nicht morgens vor der Abfahrt. Wer in den Nationalparks campen will, sollte immer schon im Voraus wissen, wann er kommt. Irre. Das widerspricht der Spontanität und der Zwanglosigkeit, die das Camper-Dasein doch gerade zu einer besonderen Form des Reisens erheben.

Also beginnt der Zion-Nationalpark mit der Suche nach einem Ausweichort. Vor ein paar Tagen im Joshua-Tree-Nationalpark (ebenfalls ein Stück Erde, über das ich nur schwärmen kann) erzählte ein Kapitän auf Rundreise im Automobil, dass es einen Verbund von privaten Campingplatz-Anbietern gibt, von Farmern, die auf ihren Weiden das Zelten erlauben. Auf dieser Internetseite entdecke ich die Zion West Ranch. Ich finde relativ wenig Informationen, aber auf der Seite lässt sich die Ranch buchen und auch gleich bezahlen. Als Antwort kommt eine Standardmail samt Wegbeschreibung von Bill, dem Ranchbesitzer. Hoffentlich wird das kein Reinfall.

Die Ranch liegt abseits der großen Straßen. Der Weg führt jetzt schon über eine Schotterpiste, die man bei starkem Regen wegen erhöhter Rutschgefahr nicht mehr befahren soll. Gerade scheint die Sonne, kein Problem. Wenn ich die Wegbeschreibung richtig verstehe, muss man hier an dieser Stelle links von der Straße --- Mir fehlen im ersten Augenblick die Worte. Was ist das für ein gigantischer Ort, ein Hochplateau, eine riesige Weide, weit hinten am Horizont sind Rinder als schwarze Punkte auszumachen. Und dort ragt ein rotes Felsband steil auf, die ersten Berge des Zion- Nationalparks. Pure Magie. Hier also?

Und dann steht da nur ein Dixi-Klo

Weit und breit findet sich keines der riesenhaften Campingwagen-Ungetüme, die Infrastruktur auf der Weide ist überschaubar: ein einsames Dixi-Klo in einem kleinen Hain und einige Feuerstellen weitläufig über die Weide verteilt. Ein paar Zelte deuten darauf hin, dass auch andere diesen Fabel-Ort für sich entdeckt haben.

Aber gerade ist niemand da, niemand, der einen einweist, keiner, der einem die Campingplatz-Regeln erklärt. Und schnell findet sich ein Ort fürs Zelt, dorthin kommt der rote Tunnel. Und dann beginnt der Zauber dieses Orts seine volle Wirkung zu entfalten. Es ist so ruhig, der Ausblick auf die Berge so gigantisch; das Grün der Weide, das Rot der Felsen – ein elementarer Augenblick. Jedes Wort wirkt fehl am Platz. Das also ist der schönste Ort dieser Reise, es ist ausgeschlossen, dass ich ein besseren Campingplatz für mein Zelt finde. Was für ein wunderbares Gefühl. Jetzt heißt es, diesem Moment standzuhalten, ihn genießen.

Ich habe Glück, dass diese Geschichte, dass meine Geschichte an dieser Stelle nicht ihr Ende findet. Ich bin gerade so beeindruckt, dass mir notwendige Tätigkeiten gar nicht in den Sinn kommen: Wasser erhitzen, Nudeln kochen, etwas essen. Aber andere Camper kommen zurück zu ihrem Zelt, Jugendliche, die dort als erste Amtshandlung einen Gettoblaster anwerfen. Bum, bum, bum. Gegen diese Partymusik hat auch der größte Naturzauber erst einmal das Nachsehen.

Wirklich nervend ist das nicht, die Entfernung ist groß genug. Als Reisender mit Zelt hat man in diesen zwei Wochen schon anderen Dingen getrotzt. Denn hier springt nachts nicht alle fünfzehn Minuten die Klimaanlage vom Riesenwohnmobil von gegenüber an, wie anfangs zwischen den Riesenkakteen im Süden Arizonas. Hier hat man auch keine zwölfspurige Autobahn direkt neben sich, wie das in San Diego war. Oh, ja dort auf dem großen privaten Campingplatz war der Reisende mit Zelt ein kompletter Außenseiter, verbannt auf einen schlecht gelegenen Grünstreifen. In South Carlsbad an der Klippe über dem Pazifik war der Platz perfekt – mit direktem Blick aufs Meer. Nur musste man ein Auge auf die Erdhörnchen haben, die sich einfach zwei Plätze weiter ins Nachbarzelt hineingefressen haben – von Hundefutter angelockt.

Manche Campmobile haben eine Garage

Hier auf dieser Weide gibt es keinen Strom, keinen Wasser- und Abwasseranschluss. Es gibt auch keine Duschen und keine Waschgelegenheit. Genau deshalb ist dieser Ort für zwei Nächte genial – ein Zelt mitten in der Natur. Genau deshalb macht es dort so Freude.

Die Amerikaner lieben es auch, raus in die Natur zum Campen zu fahren. Früher, in der guten alten Zeit, haben die Mütter und Väter ihre Kinder noch mit zum Zeltabenteuer genommen. Heute allerdings ist das Zelt längst durch ein riesiges Gefährt ersetzt – ein Recreational Vehicle oder kurz RV, in dem es eine Eistruhe und einen Gasgrill, Dusche und Doppelbett, Wohnzimmer und sogar eine Garage fürs mitgenommene Quad gibt. Es gibt RVs in Busform, in Wohnmobilform und als überlangen Wohnwagen, der auf einen Pick-up-Truck aufgebockt wird.

Genau auf diese Gefährte sind die großen und einfach zu erreichenden Campingplätze eingestellt. Benutzerfreundlichkeit heißt dort, einen Drive-thru-Stellplatz im Angebot zu haben, auf dem das zig Meter lange Gefährt nicht mühsam hinein und hinaus rangiert werden muss. Für Reisende mit dem Zelt bleiben – vor allem bei den großen privatwirtschaftlichen Campingplatzbetreibern – nur Randlagen: hier oder dort ein Streifen Wiese.

Wer dort sein Zelt aufschlägt, merkt schnell, dass es unterschiedliche Standards gibt: die Isomatte als Sitzgelegenheit vor dem Zelt oder zwei Liegestühle vor dem Trailer, Spirituskocher oder Gasherd mit fünf Flammen, abends warmes Bier aus dem Kofferraum oder eine eiskalte Margarita (danke Brian für die Einladung, das war das perfekte Getränk direkt am Pazifik). Mit einem Zelt muss man weg von den großen Plätzen und näher ran an die Natur – zu Orten wie der Zion West Ranch.

Am nächsten Tag geht es tagsüber in den Nationalpark, eine lang gezogene, imposante Schlucht, Steilwände, Berge. Aber dieser Park ist mit einer Bummelbahn erschlossen, die ganze Touristenströme anzieht. Ehe ich es mich versehe, werde ich Teil dieser Völkerwanderung – und spüre in diesem Augenblick Zufriedenheit, weil ich dort im Trubel des Nationalparks keinen Platz mehr gefunden habe, sondern nebenan auf der Ranch.

Als die Sonne gerade untergeht, kommt Bill auf seinem Pferd angeritten und schaut auf seiner Ranch nach dem Rechten.

Das wahre Naturerlebnis gibt es an diesem zweiten Tag erst Stunden später auf der riesigen Weide. Die Rinder sind ein bisschen näher gekommen, jetzt sind da nicht mehr kleine, sondern ein bisschen größere schwarze Punkte in die Landschaft getupft – wie in einer Westernkulisse. Abends zur Lagerfeuerzeit, als die Sonne am Untergehen ist, wird einer der Punkte immer größer. Ein Cowboy kommt angeritten, hat einen Hund dabei, hält genau auf das Zelt zu. Er stellt sich als Bill vor, Bill, dem die Zion West Ranch gehört. Am Gürtel trägt er ein Messer, an seinem Sattel ist ein Seil befestigt.

Die Gipfel leuchten rot in der Abendsonne

Nach ein paar hastigen Fragen meinerseits wird mir klar, dass Bill anders lebt, sich nicht hetzen lässt. Wer sich mit ihm unterhält, muss geerdet sein. Als ich seinen Takt aufnehme, kommen wir ins Gespräch. Bill erzählt, dass ihm die Farm in fünfter Generation gehört. Früher sei sie so groß wie der Nationalpark gewesen – mit 10.000 Rindern . Aber der Kinderreichtum der Vorfahren hätte dazu geführt, dass das Erbe immer kleiner ausfiel.

Bei Bill sieht es nicht anders aus: Er hat sieben Söhne, erzählt er. Ob einer von ihnen die Farm mit den 300 Rindern übernehmen wird? Weiß er nicht. Sechs Söhne arbeiten im Rodeo-Geschäft, moderne Cowboys. Und Bill sagt noch, dass er diesen Ort, den er zum Campen vermietet, sehr schätzt. Das Maximallob eines Ranchers aus Utah. Bill wünscht noch einen schönen Abend und reitet weiter. Die Berggipfel leuchten rot in der Abendsonne auf und das Lagerfeuer knistert.

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