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Tourismus

26.05.2020

Urlaub in Deutschland: Eine Wanderung um Fehmarn

Wer um die Ostsee-Insel Fehmarn wandern möchte, muss 75 Kilometer zurücklegen. Das ist in zwei oder drei Tagen gut machbar. Das quirlige Inselleben ist dann oftmals ganz weit weg.
Bild: dpa

In zwei bis drei Tagen lässt sich die Insel Fehmarn zu Fuß umrunden. Auf 75 Kilometern erlebt man die Vielfalt und die Kontraste, die Fehmarn besonders machen.

Morgenstund kennt noch gar keine Eile, denkt sich der Wanderer, und versucht, langsam auf Betriebstemperatur zu kommen. Immerhin liegen 75 Kilometer Strecke vor ihm, immer im Uhrzeigersinn um Fehmarn herum, immer das Meer zur Linken. In zwei Tagen sollte das zu machen sein, und werden es drei, spielt es auch keine Rolle. Erst einmal heißt es ankommen, loskommen, reinkommen. Frischgeschorene Schafe glotzen, hinter ihnen am Himmel drehen sich große, weiße Mercedessterne: Die siebzig Windkraftanlagen sind längst die modernen Wahrzeichen Fehmarns geworden.

Noch ist er am langen Strand allein. Allein mit dem Klackern und Klirren der Kiesel, mit dem Gurren der Tauben im nahen Wäldchen, mit dem großen Containerschiff, das weit draußen nach Süden zieht. In Staberhuk beginnt der Ernst-Ludwig-Kirchner-Weg. Von 1912 bis 1914 verbrachte der Maler jeden Sommer auf Fehmarn. Er schwärmte von „Südseereichtum“ und malte rund 120 Bilder. Es sind Ansichten von Bauernscheunen, aber auch Mädchen in leuchtendem Orange, die an Südseeschönheiten erinnern, nicht an die Töchter des Leuchtturmwärters Ernst-Friedrich Lüthmann, in dessen Häuschen er stets Quartier nahm.

Wandern auf Fehmarn: Vielfalt und Kontraste

Die Küste mit ihren rundgewaschenen Felsblöcken im Wasser ist fast so geblieben wie damals: Fehmarns wilder Südosten. Das Geröll aus schwarz-weißen Feuersteinbrocken gab es schon, genauso wie die piepsenden Austernfischer. Schwarzblaue, Miesmuschelschalen türmen sich fast einen Meter hoch, es riecht süßlich nach Holunderblüten und faulig nach vermoderndem Tang.

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Gehen, gehen, gehen. Immer weiter gehen. Irgendwann geht der Pfad in einen Bohlenweg aus Plastik über: Achtung, hier beginnt Spaß-Fehmarn! Drei weiße Hochhäuser mit cremefarbenen Balkons ragen siebzehn Stockwerke hoch aus dem flachen Land. Arne Jacobsen, der Architektur-Weltstar aus Dänemark, hat das Ferienzentrum Burgtiefe entworfen, eröffnet wurde es 1971: Das Ensemble aus gläsernen Promenadengängen, einem Spaßbad, den drei Wohntürmen und wellenförmig geschwungenen Wohnwaben wurde unter Schutz gestellt, und jetzt lautet die große Aufgabe, den ungeliebten Klotz am Bein in ein neues Schmuckstück zu verwandeln.

Es ist die Vielfalt, es sind die Kontraste, die Fehmarn besonders machen. Abgeschiedene Küsten wechseln mit touristischen Brennpunkten, Natur liegt neben Geschichte, mal herrscht wunderbare Stille, dann wieder tobt quirlig-aufgedreht das Urlauberleben. Das nahe Burgstaaken etwa gibt sich maritim, mit U-Boot und Seenotrettungskreuzer zum Anfassen, Infotafeln, die Wasservögel und Ostseefische erklären und Fischbötchen, die Nachschub für Fischbrötchen liefern.

Im Vogelreservat Wallnau steigen die Graureiher auf

Nur ein paar Kilometer weiter haben Uferschwalben ihre armtiefen Röhren in den Sand der Steilküste gegraben. Zwischen 500 und 2000 Paare, je nachdem, wie viele den Rückweg aus Afrika geschafft haben, bilden hier jedes Jahr die zweitgrößte Kolonie Schleswig-Holsteins.

Hier kommt erstmalig die Fehmarnsundbrücke in Sicht. 1963 wurde das 963 Meter lange Bauwerk mit seinen sieben Betonpfeilern für den Verkehr frei gegeben. In ihrer Ausgewogenheit und ihrer Beschränkung auf das Wesentliche ist sie auch heute noch schön. Das passende Bild, um den Tag zu beenden.

Der nächste Morgen in Lemkenhafen beginnt mit rosa-goldenen Madonnenwölkchen im Stil italienischer Meister. Wie eine flache, silberne Schale liegt die Orther Reede im Morgenlicht. Hinter dem Flügger Leuchtturm wartet ein Stück persönlicher Geschichte. „Jimi Hendrix Fehmarn. Love and Peace Festival 4.-6. September 1970“ steht auf einem mannsgroßen Stein unter dem Relief einer Elektrogitarre. An Liebe und Frieden erinnert sich der Wanderer dabei nicht. Wohl aber weiß er noch von Matsch und Regen, von Hells Angels, die mit Schlagstöcken in Zelte eindrangen und Eintrittskarten kontrollierten und in der letzten Nacht, als sie nicht bezahlt wurden, das Büro des Veranstalters abfackelten.

Kurz dahinter, über dem Vogelschutzreservat Wallnau, steigen fünf Graureiher hoch. Das Beobachtungszentrum öffnet erst um zehn. Doch eine Tafel davor zeigt Säbelschnäbler, Brandenten, Regenbrachvögel und Bekassinen. Vor einer Woche erst haben die Mitarbeiter wieder durchgezählt und sind auf 60 verschiedene Arten gekommen.

Der Belttunnel soll 18 Kilometer lang werden

Kleine Seen, Schilfgürtel, Strandwälle und Kiesstreifen bilden im Nordwesten eine Patchwork-Landschaft. Am Bojendorfer Strand kullert zwischen angespültem Tang ein kleiner Stein von zartem, milchigen Schimmer, mit einer faserigen Struktur im Inneren. Es ist ein Stück Ostseejade, Faserkalk, das schönste nur denkbare Souvenir einer Strand-Wanderung.

Am nördlichsten Punkt der Insel, der Markelsdorfer Huk, biegt die Küste nach Osten ab. Aber es dauert und dauert, bis endlich Puttgarden in Sicht kommen. Im Fährbahnhof hat die Reederei Scandlines einen kleinen Raum zum Thema Belttunnel eingerichtet. 18 Kilometer lang soll er werden. Dafür wird unter Wasser ein 16 Meter tiefer und 100 Meter breiter Graben in den Belt gezogen. Dies würde Tausende Tonnen von Segment aufwühlen, Fische verjagen und Schweinswale verstören. Ohnehin knappes Land auf der Insel ginge für die Verbreiterung der Straße und den Ausbau der Bahntrasse verloren. 10, 15, 20 Milliarden Euro für eine Zeitersparnis von gerade mal 35 Minuten und ein Verkehrsaufkommen, das unter dem einer Bundesstraße liegt – wo bleibt da der Sinn?

Darüber grübelt der Wanderer lange. Und fragt sich am Ende, warum er eigentlich nicht an jedem Busch, jedem Ferienappartement und jedem der Urlauberautos ein großes, blaues Andreaskreuz gesehen hat, das Kennzeichen der Beltretter, jener Menschen, die dieses Projekt für vollkommen überteuert, unsinnig und zerstörerisch halten. Und dann geht er weiter, er hat ja noch einiges vor sich.

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