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Im Lawinentraining

08.01.2019

Vorsicht Lawinen! Für einen Tag Bergretter am Arlberg

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5 Bilder
Die Region Lech Zürs am Arlberg ist ein Paradies für Freerider. Jedes Jahr veranstaltet der Tourismusverband unter anderem Lehrgänge für mehr Sicherheit am Berg.
Bild: Mörzl

Wie Wintersportler mit ein bisschen Übung zu Lebensrettern werden und was es mit der Attacke der Fischmäuler auf sich hat.

Es geht es nicht um Fische, wenn Christoph Mitterer von der Attacke der Fischmäuler spricht. Der geborene Münchner ist passionierter Wintersportler und erforscht den Schnee. Er arbeitete bereits als Lawinenkommissionsmitglied im Ammertal und beim Lawinenwarndienst Bayern. Zurzeit koordiniert er ein interregionales Projekt beim Tiroler Lawinenwarndienst. Wenn er also von der Attacke der Fischmäuler spricht, meint er Gleitschneelawinen – eine der gefürchtetsten weißen Gefahren. Und weil sie oftmals aus der Ferne zu erkennen sind und einem riesigen Fischmaul ähneln, das aufgeht, wenn sich die Lawine donnernd ins Tal stürzt, verwendet er das einprägsame Sprachbild. Je mehr Leute sich das merken, desto besser. Diese Lawinenart ist nicht die einzige Gefahr in den Bergen, die man sieht, wenn man erst einmal weiß, wonach man suchen muss. Auch das lernt man, als Bergretter für einen Tag

Mitterer spricht in Zürs am Arlberg auf der Snow- and Safety-Conference und wird in seinem Vortrag noch auf die Eigenheiten der Gleitschneelawine eingehen, bei der die gesamte Schneedecke weggerissen wird. „Unberechenbar“, sagt er über die Gewalt dieser Lawine. Seit inzwischen sieben Jahren genießen Wintersportler zum Saisonauftakt am Arlberg nicht nur ein bezauberndes Skigebiet, sie lernen auch, wie sich das Risiko im Schnee minimieren lässt oder wie sie im schlimmsten Fall eben selbst zum Bergretter werden. Ein bisschen wissenschaftlicher Hintergrund soll nicht schaden. Doch noch spannender sind die Rettungseinheiten im Schnee.

Denn während abends drinnen gesprochen wird, wird tagsüber das Notfallszenario draußen trainiert. Auf einem Hang abseits der Piste ist der Schnee zu großen Brocken zusammengepresst. Eine Trainingsgruppe aus Snowboardern und Skifahrern steht vor der präparierten Test-Lawine. Was man bereits weiß: Es wurden mehrere Menschen verschüttet, nicht alle sind mit einem Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) ausgestattet. Die Sicht ist schlecht, es beginnt zu schneien. Stefan Rössler ist österreichischer Bergführerausbilder und will, dass sich der Rettungstrupp organisiert. Die größte Überlebenswahrscheinlichkeit haben ihm zufolge die verschütteten Personen, die ein LVS tragen. Wer ohne unterwegs ist, wird schwer zu finden sein. Die Überlebenswahrscheinlichkeit beträgt in den ersten 18 Minuten noch 90 Prozent. Rössler erinnert: „Ein Lawinenunfall ist nichts anderes, als zu ertrinken.“ Die Zeit läuft. Der Puls rast, trotz Simulation mit Dummies.

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Je kleiner das Signal, desto näher am Opfer

Einer der Helfer hat bereits die Bergrettung verständigt, es wird allerdings noch dauern, bis sie vor Ort ist. Die Retter schalten das LVS-Gerät ein und folgen der abnehmenden Zahl auf dem Display. Denn wenn sie in Gehrichtung kleiner wird, nähert man sich einem Verschütteten. Je weiter die Zahl sinkt, desto wichtiger ist es, den Sinkflug eines Flugzeugs zu imitieren, das Gerät also langsam Richtung Boden zu führen. Je näher die Retter an den Lawinenopfern sind, desto weniger muss in der Regel gegraben werden. Vorarbeit spart Zeit. Der Sender ist erreicht, sobald das Signal so klein wie möglich ist und in alle Richtungen wieder zunehmen würde. Das muss ein Treffer sein.

Jetzt kommt die Sonde zum Einsatz. Der zweite Stich in den Schnee verspricht, ein Lawinen-Opfer gefunden zu haben. Das Ende der Sonde stößt auf einen weichen Widerstand, der ein Körperteil sein könnte. Also sind die Schaufler dran. Diese Retter sollen kein Loch buddeln, sondern eine Art Rampe. „Sonst bekommt man da niemals einen Menschen raus“, sagt Rössler. Die Schaufler graben und graben, bis eine orange Jacke im weißen Schnee sichtbar wird. Die Gruppe mit dem LVS-Gerät sucht bereits nach dem nächsten. Nach fünf Minuten schaufeln wieder einige Helfer wie verrückt den Schnee beiseite. Gut 20 Minuten dauert die Rettungsaktion schon. Neben dem Sauerstoffmangel wird irgendwann auch die Kälte zur Gefahr.

Inzwischen sind drei Personen gerettet. Neben den zwei verschütteten wurde ein Wintersportler mit Airbag-Rucksack nicht unter die Lawine gezogen. Das LVS-Gerät meldet keine Zeichen mehr unter dem Schnee. Die Gruppe atmet durch, da gibt Bergführerausbilder Rössler eine weitere Info: Es sind noch zwei Menschen verschüttet. Wie geht es jetzt weiter?

Jetzt bildet die Gruppe eine Sondierkette

Bis die Bergrettung eintrifft, bildet die Gruppe eine Sondierkette. Männer und Frauen stellen sich Schulter an Schulter auf und bewegen sich Schritt für Schritt auf das Kommando des Österreichers vorwärts: „Schritt, Stich, Schritt, Stich“, befiehlt er. Die Überlebenschancen schwinden weiter. Und dennoch gilt es, einen weiteren wichtigen Hinweis zu beachten: „Man muss auch acht geben, dass man auf sich selber aufpasst und sich selber nicht vergisst!“

Ein Retter der Gruppe stößt mit einer Sonde im zusammengepressten Schnee auf einen weichen Untergrund in einem Hohlraum. Die anderen Helfer sondieren ringförmig um den möglichen Gefundenen. Die Bergrettung ist inzwischen eingetroffen und sucht mit einem Recco-Detektor nach den Verschütteten ohne LVS. Nach denjenigen mit eingenähter Lebensrettungsfunktion auf Jacke und Hose. Auf Knien im Schnee wird klar: Jeder kann sein eigenes Risiko so klein wie möglich halten. Auch mit der richtigen Ausrüstung. Die Dummies in der Testlawine hatten „Glück“. So läuft es in der Realität aber nicht immer.

„Man muss schon völlig klar wissen, dass man das Risiko nie komplett ausblenden kann, wenn man in den Schnee geht“, sagt Rössler am Rande der Bergrettermission. Das weiß auch der Geschäftsführer der Lech Zürs Tourismus GmbH, Hermann Fercher. Er sagt aber auch, dass die Tourismusregion Lech Zürs als Tiefschnee-Mekka gilt. Lech selbst hat bereits große Namen in der Powder-Szene hervorgebracht: Freeride-Weltmeisterin Lorraine Huber zum Beispiel. Das finnische Talent Mikaela Hollsten wohnt am Arlberg, um regelmäßig im Tiefschnee für diesen Titel zu trainieren. Und weil das Risiko am Berg stets mitfährt, sollen die Wintersportler den Berg lesen können.

„Lawinen scheren sich nicht um Ländergrenzen“

Ein weiterer Lawinen-Experte bei der Snow- and Safety-Conference ist der Österreicher Rudi Mair. Eine Koryphäe und im Einsatz für eine neue, grenzüberschreitende Lawinenvorhersage. Denn, so sagt Mair: „Lawinen und Schnee scheren sich nicht um Ländergrenzen.“ Und doch waren die Lawinenberichte bislang auf Länder beschränkt. Heute sind nach seinen Erkenntnissen zehnmal mehr Menschen in den Bergen unterwegs als noch vor 20 Jahren. Und trotzdem bleibt die Zahl der Lawinentoten auf dem Niveau von früher. Mair führt die Entwicklung auf die besser werdenden Lawinenfrühwarnsysteme zurück. Bergführer, Hüttenwirte oder Wintersportler liefern Schneeprofile, durch die bessere Vorhersagen getroffen werden können. Außerdem klären die Experten auf, wie man sich in den verschiedenen Arten von Schnee, die verschiedene Lawinen auslösen, verhalten soll.

Bei der Gefahr von Neuschnee-Lawinen: besser abwarten, nicht in den Schnee. Bei Triebschnee, den der Wind verlagert, ausweichen –genau wie bei Altschnee. Nassschnee lässt sich mit einer Zeiteinteilung händeln, sagt Mair und bei der Gefahr von Gleitschneelawinen?

Da kann Christoph Mitterer aushelfen, Sie wissen schon, der mit den Fischmäulern. Er hat abschließend noch einen Tipp: „Keine Jausn im Umkreis des Fischmauls.“ Was zunächst völlig harmlos aussieht, kann sich zur unberechenbaren Gefahr entwickeln. Je mehr Wissen also aus der Nivologie, der Wissenschaft über den Schnee und über das Verhalten von Lawinen, vorhanden ist, desto kleiner wird das Risiko. Die Erkenntnis des Lehrgangs: Spricht alles gegen einen entspannten Tag am Berg – Lawinenbericht, Wettervorhersage, Bauchgefühl –, ist Daheimbleiben auch eine Lösung.

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