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Weltreisen

10.04.2018

Welt, ich komme: Einfach alles hinter sich lassen...

Wie ist es eine Weltreise zu unternehmen? Bastian Sünkel wird einmal Monat über das Lebensgefühl des Unterwegssein berichten.
Bild: fotolia/Thomas Reimer

Einfach? Nein, das ist es nicht. Der Augsburger Bastian Sünkel bricht auf. Gut ein Jahr will er die Welt bereisen. Zum Serienauftakt: Seine Vorbereitungen.

Ich gucke meiner Oma ungläubig hinterher. Sie kramt in der Schublade und schimpft, dass ich die Christophorus-Plakette nicht wie von ihr angeordnet bei mir trage. Aber sie hat eine Lösung. Aus der Schublade zieht sie eine Dose mit geschätzt 50 silbern glänzenden Anhängern hervor. „Alle in Lourdes geweiht“, sagt sie.

Warum Reisen wie Krieg wirken kann

Sie kommt zurück, streckt mir zwei Finger und eine Plakette entgegen und verordnet mir Besserung im Umgang mit Heiligen: „Das ist die Unbefleckte Empfängnis. Die kommt jetzt sofort in den Geldbeutel oder an den Schlüsselbund!“ Sie erzählt die Geschichte eines unbekannten Soldaten, der sich nach einer Unbefleckten Empfängnis Marias gebückt haben soll und eine Kugel just in diesem Moment über seinen Haarspitzen hinwegdonnerte. Maria werde auch mich auf der Weltreise beschützen, verspricht Oma, während ich mir geistesabwesend noch über die Empfängnis Gedanken mache. Oma sagt, jeder braucht seine Helfer. Unbefleckte Empfängnis? Hab ich Kondome eingepackt?

Der Silberdollar von Stefan: „Kannst du notfalls zu einer Zahnfüllung einschmelzen lassen.“
Bild: Sünkel

Reisen ist Krieg. Meine Großmutter erkennt darin nur marginale Unterschiede. Die Welt ist gefährlich und ich in den Händen unbarmherziger Fremder, gegen die ich nur dank des Schutzes heimischer Götter bestehen kann. Ihre weiteste Reise ging nach Altötting. Meine nach Vancouver. Sie hat ihre eigene Bettwäsche mitgenommen. Ich habe in mehr fremden Betten geschlafen, als Altötting Hotelzimmer hat. Im Deutschland der Nachkriegszeit hat es offensichtlich zwei Generationen gedauert, bis die Welt nicht mehr angsteinflößende Weite ausstrahlt, sondern von Abiturienten, Pauschaltouristen und Backpackern wie mich entdeckt werden will.

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Im Mai 2017 habe ich beschlossen, mein Leben zu ändern. Der Stillstand zollte seinen Tribut und ich konnte nicht mehr ruhig schlafen. Alltag. Arbeit. Orientierungslosigkeit. Liebe Freunde in meinem Umfeld. Aber auch keine Freundin, keine Kinder, kein striktes Lebensziel, das mich hätte von meiner Entscheidung abbringen können. Ich habe mich in den Tagen der Veränderung daran erinnert, dass ich keiner von den Abiturienten war, die mit „Fruitpicking“ Mietwagen und Hostels in Australien finanziert haben. Kein wohlhabender Tourist, der Handtücher in Resorthotels als Poolreservierung missbraucht hat. Ich habe Europa zum ersten Mal vor zwei Jahren verlassen und bin nach Kanada gereist. Ich habe weder neidisch noch deprimiert die Menschen dabei beobachtet, wie sie Reiseblog für Reiseblog ihre Erlebnisse sammeln und in jene Welt hinausfeuern, in der sie sich gerade bewegen. Und doch im Bauch ein unbestimmtes Gefühl: Hatte ich nicht noch etwas vor? Kann ich das auch sehen, ohne zu googeln?

Euphorie und Zukunftsängste lösen sich ab

Seit dem 2. April bin ich Weltreisender. Der Weg dahin war nicht leicht. Vielleicht hätte ich meine Oma früher in die Pläne einweihen sollen als 14 Tage vor dem Abflug. Sie hätte mir wahrscheinlich 14 Nothelfer ans Herz gelegt, mindestens aber Achatius, Ägidius und Georg. Ein Stoßgebet hätte vielleicht geholfen – wegen der Zweifel, wegen der Verlassenheitsängste und der Kopfschmerzen, die mir Behörden, Technik und Stress bereitet haben. War das eine gute Idee zu kündigen? Sicherheiten ade? Und was will die Krankenversicherung schon wieder von mir?

Euphorie und Aufbruchstimmung lösten regelmäßig Zukunftsängste und Stresszustände ab. Meine Erinnerungs-App auf dem Smartphone spricht für sich: Handy kündigen. Krankenkasse. Arbeitsamt. Impfung Masern!!! Impfung Tollwut und Hepatitis! Impfung Tollwut 2! Bankkonto auflösen! Fitness!!! Friseur 14.30 Uhr. Das ist nur ein Auszug und rückblickend muss ich sagen, dass ohne meine Mitbewohnerin Imogen, die mich die ersten drei Monate des etwa eineinhalb Jahre dauernden Trips begleiten wird, entscheidende Probleme nicht hätten gelöst werden können. Beispiel Krankenkasse: Imo und ich rufen unabhängig voneinander unsere beiden Krankenkassen an.

Nichts vergessen? Impfungen gehören zur Reisevorbereitung.
Bild: Sünkel

Gleichlautende Ansage der Kundenberater: Wir Weltreisenden schließen eine Auslandskrankenversicherung ab und zahlen einen mehr oder weniger reduzierten Betrag an die deutsche Krankenkasse: In Imos Fall etwa 180 Euro, in meinem 270 Euro im Monat, weil ich als freier Journalist unterwegs sein werde. Was uns niemand gesagt hat, außer die organisierten Reiseblogger einige Tage später: Wir können auch einfach nichts zahlen. Wegen der Krankenversicherungspflicht kündigen Weltreisende ihre Kassenmitgliedschaft und schließen nur eine Auslandsversicherung bis zu ihrer Rückkehr ab. Sie dürfen nur keinen deutschen Boden betreten. Der zweite Anruf verlief bei uns beiden ähnlich: Ja, das stimme, sagen uns die Berater. Hat uns beim ersten Gespräch niemand darüber informiert? Nein. Macht ja auch nichts. Diese 4000 Euro hin oder her…

Wir sind mittlerweile versichert und geimpft

Wenn ich mich mit Oma auf eine Tatsache einigen kann, dann ist es diejenige, dass es nicht alle Menschen gut mit einem meinen. Je nachdem, wo man gerade landet. Mit der Reisevorbereitung verhält es sich ähnlich wie mit der Erde: Ein Ende sucht man vergeblich. Irgendwann dreht sich alles im Kreis. Die letzten Gegenstände, die ich in meinen Rucksack packe, sind die Glücksbringer, die mir meine Freunde in den vergangenen Wochen gegeben haben. Der Silberdollar von Stefan: „Kannst du notfalls zu einer Zahnfüllung einschmelzen lassen.“ Das alte Sturmfeuerzeug von Matthias, das bereits im Vietnam-Krieg seinen Dienst erfüllt hat. Draht von Verena und der Filz-Glückskeks von Jule: „Öffne ihn erst, wenn es dir extrem schlecht oder gut geht“, hat mir Jule noch mit auf den Weg gegeben. Das Glück der Erde trage ich in 75 Litern auf meinem Rücken.

Imo und ich sind mittlerweile versichert, geimpft und uns einig, dass wir erst mit dem Abflug loslassen können. Um 11 Uhr stehen wir am Flughafen Frankfurt und die Maschine landet wie geplant. Erster Halt: Keflavík, Island. Valdimar hat mir vier Tage vor dem Start geantwortet. Er lebt auf Island, ist bei der Internet-Plattform Couchsurfing angemeldet und holt uns vom Flughafen ab. Ich habe Valdimar eine lange Nachricht geschrieben mit der Bitte, die ersten beiden Nächte unserer Weltreise in seiner Garage schlafen zu können.

Wichtiger Backpackertipp: Verreise nie ohne Schnur.
Bild: Sünkel

Er nimmt uns auf und wir besorgen für ihn sechs Flaschen Wodka und zwei Stangen Zigaretten aus dem Duty-Free-Shop im Flughafen. Das soll kein Geschenk sein, schreibt er mir. Die rund 160 Euro bekomme ich zurück. Dann beginnt die ungewisse Reise, auf der nur die ersten drei Monate geplant sind: Zwei Wochen verbringen wir auf Island, dann geht der Flieger weiter nach Baltimore. Über die Metropolen und Nationalparks entlang der Ostküste reisen wir durch den Kontinent nach Westen. Washington, New York, Montreal. Chicago und Vancouver. Vor dem Abflug zeigt mir Imo noch ihren Geldbeutel. Neben dem Glückscent mit dem Schwein kramt sie eine Plakette hervor und lacht. Sie hat sie auch bekommen: die Unbefleckte Empfängnis.

Wie ist es, alles hinter sich zu lassen und auf Weltreise zu gehen? Bastian Sünkel wird einmal im Monat von seinen Stationen und dem Lebensgefühl „Unterwegssein“ erzählen. Eineinhalb Jahre will er die Welt bereisen. Anfang Mai wird der 32-Jährige von seinen Erlebnissen auf Island berichten. Von Island soll es dann weitergehen nach Baltimore und Washington. Und dann? Wer weiß… Wer mehr lesen will, findet im Internet Sünkels Reiseblog hier unter www.globalmonkey.net.

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