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Raumfahrt

02.07.2019

Wie das Provinznest Huntsville Geschichte schrieb

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Beim Spacecamp simulieren etwa 35.000 Besucher pro Jahr, wie reisen zum Mond, zum Mars oder zur ISS-Raumstation funktionieren.
Bild: dpa

Von Alabama auf den Mond: Im US Space & Rocket Center ist eine der Original-Raketen zu sehen. Wie hier jeder für einige Tage Astronaut sein kann.

Seine Schritte sind langsamer als früher. Aber Brooks Moores Augen strahlen noch immer, wenn er unter der Mondrakete steht, die ein bisschen auch sein eigenes Werk ist. Wenn er dann mit deutlichem Südstaatenakzent von seiner Zeit als Laborleiter im Apolloprogramm erzählt, fesseln seine Worte die Zuhörer im US Space & Rocket Center in Huntsville von der ersten Sekunde an. Moore ist 92 Jahre alt und einer der letzten lebenden Mitwirkenden an der Mammutaufgabe Mondlandung, der sich die US-Weltraumbehörde Nasa in den 1960er und 1970er Jahren zu stellen hatte.

Lange ist das her, die meisten Besucher des Raketenmuseums im Norden Alabamas haben keine persönliche Erinnerung daran. Doch zum Glück gibt es Moore und andere Zeitzeugen, die in Huntsville davon erzählen können. Ein- bis zweimal pro Woche kommt Moore als sogenannter Emeritus Docent ins riesige Davidson Center for Space Exploration, in dem die Saturn-V-Rakete unter der Hallendecke hängt. Meist ist der alte Mann sonntags für zwei bis drei Stunden am Nachmittag hier, unterhält sich mit Besuchern und beantwortet Fragen.

Rund 35 solche Freiwillige gibt es in Huntsville. Ehemalige Space-Shuttle-Astronauten sind darunter, Generäle mit Nasa-Vergangenheit, aber auch viele Techniker. „Wir bezeichnen uns selbst nicht als Raketenwissenschaftler, wir sind und bleiben Ingenieure“, sagt Moore mit fester Stimme und lächelt. Seit März 1952 lässt Moore das Thema Raketen nicht los. Damals stieß er zu einem Team, das in Huntsville für die US-Armee tätig war und hauptsächlich aus Deutschen bestand, geleitet von Wernher von Braun.

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Schon bald ging es um Wege ins All

Viele von ihnen hatten schon während des Zweiten Weltkriegs in Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom Raketen wie die V2 entwickelt, zerstörerische Waffen für das Nazi-Regime. Nun forschten sie auf der anderen Seite des Atlantiks für die USA. Schon bald ging es dabei nicht mehr nur um militärische Ziele auf der Erde, sondern auch um Wege ins All. 1961 legte US-Präsident John F. Kennedy fest, dass noch im selben Jahrzehnt der erste Amerikaner auf dem Mond stehen solle.

„Die Deutschen waren uns zehn Jahre voraus, ohne sie hätten wir das nicht geschafft“, sagt Moore seinen Zuhörern, wenn er heute an die Mondlandungen zurückdenkt. Moore hat einst die mit Elektronik und Computern ausgerüstete Instrumenteneinheit für die Steuerung der Saturn-V-Rakete mitentwickelt, die im Museum wie ein großer metallener Ring oberhalb der dritten Raketenstufe zu sehen ist. „Es war unsere Aufgabe, die Astronauten in eine Erdumlaufbahn zu bringen, bevor sie mit bis zu 25.000 Meilen pro Stunde in Richtung Mond aufbrechen konnten“, erinnert sich Moore. Bald nach dem Start jeder Rakete war seine Arbeit also getan.

Die ersten Schritte eines Menschen auf dem Mond, gesetzt am 20. Juli 1969 von Neil Armstrong, habe er sich damals in Huntsville im Fernsehen angeschaut. Beim Raketenstart vier Tage zuvor in Florida war Moore noch dabei gewesen. Die Saturn V, die im Space & Rocket Center zu sehen ist, ist ein Original aus den 1960er Jahren und wurde einst für dynamische Tests genutzt, erklärt Ausstellungskurator Ed Stewart. Sie ist eine von drei Mondraketen, die heute in den USA ausgestellt sind. Die beiden anderen sind am Cape Canaveral in Florida und in Houston zu sehen. „Aber nur die hier in Huntsville ist ein National Historic Landmark“, sagt die Direktorin des Museums, Deborah Barnhart. Auf dem Gelände steht zudem ein originalgetreuer Nachbau einer Saturn V von 1999. Er ragt wie ein riesiger Finger gut 110 Meter in den Himmel.

Hier steht die Apollo 16-Raumkapsel

Im Davidson-Center ist außerdem die Raumkapsel zu sehen, mit der die Apollo-16-Astronauten zur Erde zurückgekehrt sind, nachdem sie 1972 die fünfte und vorletzte erfolgreiche Mondlandung absolviert hatten. Auch andere Relikte aus jener Zeit erwarten die Besucher, darunter die mobile Quarantänestation von Apollo 12, in der die Raumfahrer nach ihrer Rückkehr vom Mond einige Zeit verbringen mussten. Zur weitläufigen Ausstellung unter freiem Himmel gehören außerdem mehrere Testflugzeuge und das Spaceshuttle-Modell „Pathfinder“, das 1977 für die Nasa gebaut wurde – allerdings nie den Weltraum erreicht hat.

Immer wieder begegnen Besucher in Huntsville den Spuren von Wernher von Braun und den anderen deutschen Ingenieuren. Zum Beispiel sind Skizzen aus einem Notizbuch zu sehen, in das von Braun schon als 15-Jähriger den Entwurf einer Raumstation gezeichnet hat. Seine Verbindung zu den Nazi-Kriegsverbrechen blendet das Museum zwar nicht aus, es stellt aber die späteren Verdienste von Brauns und seines Teams klar in den Vordergrund. „Wenn wir schwierige Entscheidungen zu treffen haben, fragen wir uns heute weiterhin: Was würde von Braun tun?“, erzählt Barnhart. „What would von Braun do?“ (WWVBD) steht auch als Abkürzung auf ihrem Nummernschild.

Dass von Braun und sein Team seit 1950 ausgerechnet in Huntsville an den Mondraketen forschten, war dem großen Arsenal der US-Armee zu verdanken, das es bereits vorher hier gab. 1960 wurde das MarshallSpace Flight Center der Nasa auf dem Testgelände eröffnet – mit Folgen, die unüberhörbar waren: „Nachmittags zwischen 15 und 16 Uhr wurden oft die gewaltigen F1-Triebwerke für die Saturn-Raketen getestet“, erinnert sich Barnhart, die damals ein Teenager war. „Die Fenster klapperten im Umkreis von 35 Meilen. Wenn man einmal diesen Donner im Herzen hat, lässt es einen nicht mehr los.“

Die Stadt hat von den Ingenieuren profitiert

Alabamas Norden hat von der Nasa-Raketenforschung sehr profitiert. Ohne die Entwicklung in den 1960er Jahren wäre Huntsville wohl noch immer eine Stadt, die sich auf Landwirtschaft konzentriert, sagt Ausstellungskurator Stewart. Die örtliche Restaurantszene sei heute vor allem so divers, weil Menschen aus aller Welt nach Huntsville kämen, die für die Nasa arbeiten wollten. Der Bau einer Konzerthalle und die Gründung des Eishockey-Teams an der lokalen Universität vor 60 Jahren gehen ebenfalls auf die Präsenz der Wissenschaftler zurück. Mit fast 780.000 Besuchern im Jahr 2017 ist das US Space & Rocket Center der größte Touristenmagnet im Bundesstaat Alabama.

Zu den Aktivitäten zählt neben dem Museum vor allem das Spacecamp. Jedes Jahr simulieren dabei etwa 35.000 Teilnehmer in sechstägigen Programmen einen Flug zum Mond, zum Mars oder zur Raumstation ISS. Jeder in den jeweils 16-köpfigen Teams übernimmt wichtige Aufgaben der Mission. „Wir wollen nicht, dass am Ende jeder Astronaut werden will“, sagt Spacecamp-Direktorin Robin Soprano. „Aber ein Verständnis für die Abläufe wollen wir vermitteln.“ Teilnehmen können Erwachsene wie Kinder, die meisten sind zwischen neun und 18 Jahren alt.

Deborah Barnhart war selbst 17, als sie Neil Armstrong im Fernsehen die Leiter der Mondlandefähre herabsteigen sah. Damals habe der ganze Ort gedacht: „Wir haben es geschafft, wir haben die Menschheit von Alabama auf den Mond gebracht.“ Zugleich hätten viele die Reisen zum Erdtrabanten 1969 schon für selbstverständlich gehalten: „Ich dachte, wir machen das mein ganzes Leben so weiter, wie auf einem Flughafen.“ Die Geschichte verlief anders, nach Apollo 17 war Schluss mit den Mondflügen. Bald waren für die Nasa andere Themen wie die Spaceshuttles und die ISS wichtiger.

Im Juli startet ein Weltrekordsversuch

Zum Jubiläum im Hochsommer, wenn sich die Premiere mit Neil Armstrong zum 50. Mal jährt, werden die Zeiten der Saturn V aber wieder im Vordergrund stehen, auch in Huntsville. Am 20. Juli ist ein Konzert auf dem Museumsgelände geplant, am Tag davor lautet das Motto „Dancing in the Streets“. Und bereits am 16. Juli können sich Besucher einen Weltrekordversuch anschauen, den das US Space & Rocket Center plant: Etwa 5000 kleine Raketen sollen um 8.32 Uhr, dem Zeitpunkt des Starts von Apollo 11 exakt 50 Jahre zuvor, in den Himmel über Huntsville schießen – und an kleinen Fallschirmen wieder zur Erde herabschweben.

Solche Raketen zu bauen und zu starten lernen auch die Spacecamp-Teilnehmer. Man habe daher auch die etwa 800.000 Spacecamp-Absolventen gebeten, an ihren Wohnorten zur selben Zeit Raketen zu starten, sagt Barnhart. Bis zum Mond schaffen es diese Mini-Raketen natürlich nicht. Dorthin zurückzukehren ist aber zumindest für Brooks Moore ein großes Ziel: „Ich denke, wir sollten dort eine permanente Basis einrichten“, sagt der Apolloprogramm-Veteran zum Abschied.

In Huntsville wird daran auch bereits gearbeitet. „Wir bauen hier Amerikas nächstes großes Raumschiff“, sagt Deborah Barnhart. Sie meint damit die Space Launch System (SLS) genannte Rakete, die eines Tages eine Orion-Raumkapsel bis zum Mond und auch weiter zum Mars tragen soll. Daran geforscht wird allerdings in Bereichen, die Touristen nicht zu sehen bekommen. Christian Röwekamp, dpa

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