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Coaching in St. Moritz

28.01.2020

Wie ich in St. Moritz ein besserer Langläufer wurde

Eine Woche voller neuer Eindrücke: Unser Redakteur Marco Scheinhof hat sich in der Loipe gequält: hier im klassischen Stil
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Eine Woche voller neuer Eindrücke: Unser Redakteur Marco Scheinhof hat sich in der Loipe gequält: hier im klassischen Stil
Bild: Nadja Heuberger

Unser Kollege Marco Scheinhof hat sich als Marathonläufer in der Loipe versucht. Bei einem Training in der Schweiz lernen, Laien typische Fehler zu vermeiden.

Die erste Scheibe fällt. Treffer. Das Gefühl ist ein anderes, ich hätte den Einschlag irgendwo in der Werbetafel hinter dem Schießstand erwartet. Oder vielleicht sogar, dass das Projektil in einem Baum steckt. Offenbar aber ist es ein Volltreffer gewesen. Mein erster. Ein guter Anfang.

Die Sonne brennt in Celerina vom Himmel. Gott sei dank im Rücken. Die Sicht ist perfekt. Zehn Meter Entfernung, die Biathlon-Profis würden lächeln. Sie stehen 50 Meter von der Zielscheibe entfernt. Ich schaue durch das Visier. Die Konzentration ist hoch, das Ziel aber wird immer kleiner. Der Durchmesser beträgt ohnehin nur wenige Zentimeter. Die gilt es nun zu treffen. Ein Gewehr hatte ich noch nicht wirklich oft in der Hand. Jetzt geht es um den Sieg. Ein paar Zuschauer sind da. Sie sind auf ihrer Langlaufrunde stehen geblieben, neugierig schauen sie zu. Keine 20000 wie beim Biathlon-Weltcup in Ruhpolding. Nervös werde ich trotzdem. Was tun? Munition einlegen, durchladen, bloß nichts vergessen wie vorhin beim Einschießen. Zielen, abdrücken – wieder getroffen. Es geht gut weiter. Dabei bleibt es nicht. Ich fühle mich beschwingt, schieße zu schnell. Zwei Fehler, am Ende noch ein Treffer. Ich bin zufrieden. Jetzt noch gut laufen.

Ich schaue nach rechts. Meine Gegnerin liegt nicht mehr da. Sie ist schon wieder in der Loipe. Sie hat schneller geschossen, aber auch einen Fehler mehr. Ich wittere meine Chance. Am Ende wird es nichts, obwohl ich auch im Stehendschießen erstaunlich oft treffe. Mit einer Runde Rückstand komme ich ins Ziel, ein Sturz gleich zu Beginn und natürlich meine deutlich schlechtere Laufleistung haben mir den Sieg gekostet. Außer Atem komme ich an, Nadja Heuberger steht völlig entspannt da. Für den ersten Biathlon-Wettbewerb sei es nicht ganz schlecht gewesen, sagt sie und lacht. Eine Woche lang hat mir die 23-Jährige von der Langlaufschule Celerina einen Einblick ins Langlaufen gegeben. Und zum Abschluss noch einen kurzen Ausflug zum Biathlon.

Wie ich in St. Moritz ein besserer Langläufer wurde

14200 Langläufer sind beim Marathon am Start

Das Hotel Cresta Palace in Celerina bei St. Moritz bietet seinen Gästen ein besonderes Programm. Premium-Langlauf-Hit nennt es sich, es soll als perfekte Vorbereitung für den Engadin-Skimarathon dienen, der in diesem Jahr am 8. März startet. 14200 Langläufer sind beim Start in Maloja dabei, das Ziel liegt 42 Kilometer später in S-chanf. Es ist die größte Breitensportveranstaltung der Schweiz. Hoteldirektor Kai Ulrich will mit dem neuen Angebot während sonst eher ruhigerer Zeiten Gäste nach Celerina locken. In diesem Winter ist die Nachfrage nach der Trainingswoche noch gering. „Wir werden es analysieren und schauen, wo Optimierungsbedarf herrscht“, sagt Ulrich.

Ob ich fit genug wäre für den Engadin-Marathon? Der Fitnesscheck mit Mirko Colombo am ersten Vormittag macht mir Mut. Der persönliche Fitnesstrainer misst meine Fettmasse, den Body-Mass-Index und schaut auf meinen Fitnesszustand. Nach 30 Minuten auf dem Laufband stellt er fest: „Das war ein guter Test.“ Ich bin zufrieden mit der Leistung, auch der Laktatwert ist für einen Hobbysportler in Ordnung. Am Ende der 30 Minuten steigt er auf einen Wert von 13. Ein professioneller Ausdauersportler läge weit darunter. 15,7 Prozent Körperfett, das passt für einen 42-Jährigen. Beim Auswerten der toxischen Metalle im Körper stellt Colombo fest, dass ich zuviel Aluminium in mir habe. „Das haben viele Menschen“, sagt Colombo. Die Ursachen sind vielfältig. Über Deodorants, Kaffeekapseln oder kontaminierte Nahrungsmittel gelangt Aluminium in den Körper. Bei einem deutlich zu hohen Wert kann Aluminium gefährlich werden und zum Beispiel Alzheimer fördern. Colombo gibt mir noch einen Trainingsplan mit auf den Weg. Gut gelaunt trete ich in die Sonne des Engadins. Das Training kann kommen.

Ich bin motiviert, nach eigenem Empfinden ein recht passabler Langläufer. Bislang allerdings nur im klassischen Stil und auch weitgehend gemütlich in der Loipe. Und bisher ohne Hilfe von außen. Also ohne Lehrer, nur nach eigenem Empfinden und durch Abschauen bei den Profis im Fernsehen. Dass mein Klassik-Stil wenig mit dem Optimum zu tun hat, wird mir gleich am ersten Tag klar. Nadja Heuberger filmt meine Laufversuche. Es sieht nicht gut aus. Die Schritte sind zu lang, der Stockeinsatz zu weit vorne und der Körper nicht aufrecht genug. „Immer nach vorne schauen und das Engadin genießen“, sagt meine Lehrerin. Es gibt viel Potenzial zur Optimierung. Nadja Heuberger aber ist optimistisch. Muss sie auch sein. Schließlich werden wir in dieser Woche zusammen 15 Stunden in der Loipe verbringen. Es ist ein ambitioniertes Programm. Vor allem an Tag zwei.

Nach dem klassischen Start wage ich mich erstmals in die Skatingtechnik. Es beginnt schmerzhaft. Immer wieder verliere ich das Gleichgewicht und liege im Schnee. „Alles okay?“, fragt Heuberger besorgt. „Alles okay“, antworte ich tapfer. Nadja Heuberger wurde im Juniorenalter auf dem Weg nach oben von einer Verletzung gebremst. Nun trainiert sie Langläufer. Es sieht so leicht aus, wie sie über den Schnee gleitet. Mühelos, ohne Kraftanstrengung. Ich quäle mich hinterher, versuche dranzubleiben. „Jetzt den Stock“, sagt sie. Lange warten, bis der Stock eingesetzt wird. Für mein Gefühl zu lange. Immer wieder bin ich zu früh dran. „Das kommt mit der Zeit“, sagt Heuberger. Ich hoffe, sie hat recht. Mein Kopf schwirrt. Es gibt so viele Kleinigkeiten, an die es zu denken gilt. Am Abend jedenfalls schmerzt mein Körper. Noch eine Stunde Stretching im Hotel, dann ist es geschafft. Auch beim Abendessen halte ich mich zurück.

Die Prominenz fliegt in St. Moritz ein

Die ersten Schritte sind verinnerlicht. Genug, um schon einmal ein Teilstück des Engadin-Skimarathons in Angriff zu nehmen. Am Mittwoch geht es an der ehemaligen Olympiaschanze los. Direkt daneben steht ein großes weißes Zelt. Über mir schwebt ein Flugzeug. Eines von vielen in dieser Woche. Es riecht nach Kerosin. Die Prominenz fliegt nach St. Moritz. Der Grieche Stavros Niarchos und die Russin Dascha Schukowa feiern ihre standesamtliche Hochzeit. 300 Gäste sind dabei, darunter der Schauspieler Orlando Bloom, Katy Perry, Kate Hudson und Mitglieder der monegassischen Königsfamilie. Auch in dem an Prominenz und Reiche gewöhnten Ort ist das ein besonderes Event. Ähnlich wie das große Poloturnier, das auf dem zugefrorenen See vorbereitet wird. Doch für all das habe ich kaum Augen. Es geht ums Training. Um Fortschritte im Skating.

Wir nehmen ein Teilstück des Marathons in Angriff. Es geht am Kasino in St. Moritz vorbei, irgendwann passieren wir einen See. „Hier kann man im Sommer schön baden“, sagt Nadja Heuberger. Ich schnaufe als Antwort. Schon wenige Meter in der Skatingtechnik strengen mich mächtig an. Ist wohl doch nicht so weit her mit meiner Kondition. Irgendwann kommen wir an eine Abfahrt. „Hier werden beim Marathon die meisten Zuschauer stehen“, sagt Heuberger. Weil es recht steil ist und Stürze bei der Masse an Startern kaum zu verhindern sind. Stazersee-Abfahrt heißt sie. Und hier soll ich runter?, frage ich. Heuberger lässt keine Zweifel aufkommen. „Natürlich“, sagt sie. Ich schaue auf die mit Matten geschützten Bäume. Immerhin fühle ich mich auf den Skatingskiern deutlich sicherer als auf den klassischen. Es geht alles gut. Es macht sogar richtig Spaß, wenn sich am Ende der Abfahrt der Blick auf die beschneiten Berge öffnet. Wäre der Aufstieg nicht so steil, ich würde noch einmal herunterfahren. Der Spaß am Skating wird immer größer, die Fortschritte sind deutlich spürbar. Die Beine aber auch von Tag zu Tag müder. Daran ändern auch weitere Stretchingeinheiten und eine Massage im Hotel nichts.

Im Engadin sind die Tourismusbetriebe mit ihrem Geschäft noch zufrieden. „Es ist ein gutes Jahr für uns“, sagt Barbara Kasper, die zusammen mit ihrem Mann Curdin, ehemaliger Nationaltrainer der Schweizer Langläufer, die Langlaufschule leitet. Sie sagt aber auch: „Wir müssen hier schon was tun. Von Namen Engadin alleine können wir nicht mehr leben.“ Deswegen eben auch solche Angebote wie die intensive Langlaufwoche.

Die Schritte kleiner, der Körper aufrechter 

Am Donnerstag laufen wir in Richtung Flughafen in Samedan. Die Menge an Flugzeugen nimmt nicht ab. Wir kommen an Simon vorbei. Seit 29 Jahren schaut er, dass die Läufer ihre Loipengebühr bezahlen. Verpflichtend ist sie zwar nicht, aber wenn der Mann mit dem mächtigen Bart nachfragt, zahlen die meisten brav ihre zehn Franken. Auf mich schaut er fast etwas mitleidig. Er merkt wohl, wie schwer ich mir tue, meiner Lehrerin hinterherzukommen. Wie ich mich über den in der Sonne immer weicher werdenden Schnee schiebe. Immerhin trage ich den Pin zur Loipennutzung an meiner Jacke – er hat also nichts zu meckern.

Am Nachmittag wage ich mich alleine in die Loipe. Ich probiere mein gelerntes Wissen in der Klassiktechnik aus – es fühlt sich gut an. Die Schritte sind kleiner, der Körper aufrechter. Es verheißt Gutes für den letzten Tag. Ich rechne mir eine Chance im Biathlon aus. Es wird nichts daraus. Aber bin ich bereit für den Engadin-Marathon? Nadja Heuberger ist überzeugt, dass ich ihn irgendwie schaffen könnte. Sie würde mir aber den Halbmarathon empfehlen. Für dieses Jahr ist der Lauf ohnehin ausbucht. Dann eben nächstes Jahr. Im Marathon.

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