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Kreis Günzburg

12.05.2015

72-jähriger Neurodermitispatient baut Cannabis an - und muss vor Gericht

Über Jahre hinweg hat ein Mann aus dem Landkreis Günzburg Cannabis angebaut.
Bild: Oliver Berg/dpa (Symbolbild)

Ein 72-Jähriger baute jahrelang Cannabis gegen seine Neurodermitis-Schmerzen an. Bis die Polizei anrückte. Jetzt stand er vor Gericht.

Mit einem Hausmittel der besonderen Art hat ein heute 72-jähriger Neurodermitispatient aus dem Landkreis Schmerzen und Juckreiz bekämpft: Er hat jahrelang im Garten und im Keller seines Hauses Cannabis für den Eigengebrauch angebaut. Das hätte ihn beinahe ins Gefängnis gebracht.

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„Ich hab nur ein reduziertes Schuldgefühl“, sagte der Angeklagte dennoch gestern vor dem Günzburger Schöffengericht. Er sei weder ein „Drogenheini“, noch abhängig. Er lindere seit mehr als 20 Jahren mit Marihuana Marke Eigenbau die Schmerzen seiner Krankheit, wende es innerlich und äußerlich an, um die zwei bis drei Monate dauernden Schübe aushalten zu können.

Der 72-Jährige, der früher beruflich selbstständig war und nach eigener Aussage seitdem von seinem Ersparten lebt, legte dem Gericht Fotos vor, die seine Qualen deutlich machen sollten. Als es ihm zwischen 2009 und 2011 besonders schlecht gegangen sei, habe er davon gesprochen, mit einer in den Siebzigerjahren beschafften halbautomatischen Pistole den Qualen und seinem Leben ein Ende zu setzen. Sein Sohn habe ihm daraufhin die Waffe weggenommen.

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Bei schlimmen Krankheitsschüben setzt der Mann auf seinen „guten Freundeskreis“, der beim Brote schmieren ebenso hilft wie beim Zigarettendrehen. Nachts im Bett habe er dann seine Hände an Schienen gebunden, damit er sich nicht die Haut aufkratzt, sagte der Mann. Einfach nur, um die Qualen der Neurodermitis auszuhalten, habe er Marihuana gebraucht, jetzt bekomme er Cortisonpräparate, leide aber unter den Nebenwirkungen: „Ich bin halb blind.“

Schon im Vorfeld der Verhandlung beim Schöffengericht hatte der Mann die Vorwürfe wegen Anbaus und Besitzes eingeräumt – auch für die Zeit von 2009 bis 2011. Diese Delikte wären ohne Geständnis gar nicht bekannt geworden.

Verkauft haben will er nichts

2013 kam dann die Polizei. „Die haben mir mein ganzes Vogelfutter mitgenommen“, sagte der Angeklagte. Auslöser für die Ermittlungen seien vom Vogelfutter aufgegangene Hanfsamen in Büschen bei seinem Haus gewesen. Dazu passt, dass der Wirkstoffgehalt der bei dem Mann gefundenen Hanfpflanzen recht unterschiedlich war.

Marihuana verkauft habe er aber nie, versicherte der Angeklagte, nur wohl oder übel hin und wieder gratis ein paar Pflanzen abgegeben an zwei Männer, die seine Zucht entdeckt und ihn belästigt, bedroht und bestohlen hätten. Auch sein inzwischen 20-jähriger Sohn habe sich als Jugendlicher „ab und zu was abgemacht“ von den Cannabispflanzen.

„Ich bedaure den Vorgang mit den Jungs“, sagte der Angeklagte zur Vorsitzenden Richterin Franziska Braun. Sie stellte nach Beratung mit den beiden Schöffinnen das Verfahren wegen der Abgabe einiger Pflanzen und wegen des Waffenbesitzes ein.

Beim Strafmaß blieb das Schöffengericht mit einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren unter der von der Staatsanwaltschaft geforderten Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten, und vor allem: Das Gericht setzte die Strafe zur Bewährung aus. Dafür hatte sich Rechtsanwalt Reinhard Dauer eingesetzt. „Der Angeklagte hat reinen Tisch gemacht“, sagte der Verteidiger. Sein Mandant habe das Rauschgift lediglich zum Eigenverbrauch wegen seiner „sehr schwer wiegenden Krankheit“ gebraucht.

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