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Gundremmingen

20.09.2018

AKW: Viel Dampf bei Kritik an altbekannten Vorfällen

Das Atomkraftwerk in Gundremmingen ist im Fokus.
Bild: Bernhard Weizenegger

Eine Grünen-Abgeordnete zweifelt erneut die Sicherheit des Atomkraftwerks Gundremmingen an. Doch die Grundlage dafür ist dünn. Ein Hintergrund.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl hatte die Antwort auf eine Anfrage ihrer Fraktion an die Bundesregierung zum Anlass genommen, erneut die sofortige Stilllegung des Atomkraftwerks (AKW) Gundremmingen zu fordern. Dabei ging es um Precursor-Vorfälle, man kann sie als Vorboten eines schweren Unfalls bezeichnen. Im Jahr 2012 hatte es drei davon in allen deutschen Kernkraftwerken gegeben, zwei in Gundremmingen. Diese seien bislang nicht bekannt gewesen.

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Die Sprecherin des Kraftwerks, Christina Kreibich, bezeichnet es als „komplett falsch, dass dies nicht bekannt gewesen sein soll“. Es habe sich schließlich um meldepflichtige Ereignisse gehandelt, die von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) ausgewertet wurden. Sie seien transparent auf der Internetseite des Kraftwerks kommuniziert und bei der Untersuchung seien keine Sicherheitsprobleme festgestellt worden.

In der Tat sind die beiden Fälle auf der Homepage mit Erläuterungen aufgelistet. Und auch beim Bayerischen Umweltministerium sind sie im Internet hinterlegt. Beide wurden auf der niedrigsten Meldestufe eingruppiert, wonach sie keine beziehungsweise eine sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung hatten. Es habe keine Auswirkungen auf die Anlagen, die Bevölkerung und die Umgebung gegeben. Bereits im Jahr 2015 betonte ein Sprecher der GRS in einem Artikel unserer Zeitung über 14 Precursor-Vorfälle in Gundremmingen in den Jahren 1993 bis 2010, dass die „ermittelten Eintrittshäufigkeiten für Gefährdungszustände“ nicht verallgemeinert und verschiedene Anlagen dabei nicht miteinander verglichen werden könnten. Die Aussagekraft der Analysen von Ereignissen, aus denen sich im Extremfall eine Kernschmelze hätte entwickeln können, sei zudem nur begrenzt.

AKW: Viel Dampf bei Kritik an altbekannten Vorfällen

Beide Ergebnisse wurden veröffentlicht

Bei der aktuellen Anfrage unserer Zeitung verweist die GRS an das Bundesumweltministerium, das der Auftraggeber der Gutachten ist. Dort wird ebenfalls betont, dass die meldepflichtigen Ereignisse entgegen der Darstellung der Grünen auch beim heutigen Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit veröffentlicht wurden. Grundsätzlich sei die atomrechtliche Aufsichtsbehörde des jeweiligen Bundeslandes für eine Bewertung von Vorfällen zuständig. Unabhängig davon habe das Bundesumweltministerium die GRS „im Rahmen einer systematischen anlagenübergreifenden Bewertung beauftragt, bei anlagenübergreifender Bedeutung die zuständigen atomrechtlichen Aufsichtsbehörden der Länder, Sachverständige, Betreiber und Hersteller durch eine Weiterleitungsnachricht zu informieren“.

Die Precursor-Analysen ergänzten die systematische anlagenübergreifende Bewertung der Betriebserfahrung von deutschen Atomkraftwerken. Precursor bedeutet im Englischen „Vorläufer“, somit geht es um Ereignisse in Atomkraftwerken, „bei denen die Wahrscheinlichkeit für einen Schaden am Reaktorkern vorübergehend (während des Ereignisses) deutlich (im Vergleich zum ungestörten Betrieb) erhöht war“. Bei den beiden Vorfällen im Jahr 2012 sei aber kein Bedarf festgestellt worden, eine Weiterleitungsnachricht zu erstellen.

Ministerium: "Es ist unredlich, Ängste zu schüren"

Wie die GRS betont die Sprecherin des Ministeriums, Precursor-Analysen seien nicht geeignet, „direkte Rückschlüsse auf das Sicherheitsniveau einer Anlage zu ziehen. Die in den Precursor-Analysen der GRS ausgewiesenen bedingten Wahrscheinlichkeiten für Gefährdungszustände dienen vielmehr als Indikator dafür, das Ereignis gegebenenfalls einer weitergehenden Analyse zu unterziehen“. Die Aussagekraft der Precursor-Analysen sei bei Rückschlüssen auf das Sicherheitsniveau der Anlagen eingeschränkt, weil der GRS nicht immer ausreichende Daten über die jeweiligen Anlagen vorlägen und diese für die Aufgaben der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit auch nicht notwendig gewesen seien. Das sei bei der Interpretation der Ergebnisse zu berücksichtigen.

Das Bayerische Umweltministerium, das die unmittelbare Aufsicht über die Atomkraftwerke hat, teilt die Einschätzung der GRS „hinsichtlich des extrem geringen Gefahrenpotenzials der Precursor-Ereignisse“. Weil eben aus der Zahl der Vorfälle keine Rückschlüsse auf die Sicherheit einer Anlage gezogen werden könnten, „ist es unredlich, Ängste in der Bevölkerung zu schüren“, betont die dortige Sprecherin.

Lesen Sie hier den Kommentar von Christian Kirstges zu diesem Thema.

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