Bühne

10.02.2015

Allein mit dem Fan

Die verrückte Krankenschwester Annie (Vera Hupfauer, links) pflegt in ihrem Haus die verunfallte Schriftstellerin Paula Sheldon (Marion Wessely): Szene aus „Misery“, dem aktuellen Stück des neuen Theaters Burgau.
Bild: Gah

Das Neue Theater Burgau interpretiert Steven Kings „Misery“ als beklemmendes Kammerspiel um den Kampf zwischen zwei Frauen

Ganz anders war die Bestuhlung des Neuen Theaters Burgau bei der jüngsten Premiere. Die Bühne befand sich ausnahmsweise auf der anderen Seite des Jaserstadels. Ganz anders war auch die Stückauswahl. Mit „Misery“ nach einem Roman von Stephen King kam zum ersten Mal ein Psychothriller auf die Burgauer Bretter.

Die ehemalige Krankenschwester Annie Wilkes leistet bei einem Autounfall in den verschneiten Bergen Erste Hilfe. Die Verunfallte ist Annies Lieblingsschriftstellerin Paula Sheldon. Deshalb fährt Annie mit ihr nicht ins Krankenhaus, sondern pflegt sie bei sich zu Hause. Schon in den ersten Szenen beginnen die Beigaben brutal-bösen Humors zur Handlung. Paula schreckt mit „Aah!“ aus dem Bett hoch, Annie rammt ihr eine riesige Betäubungsspritze in den Bauch. Mit ebenso viel Gewalt stopft Annie ihrer Patientin Schmerztabletten in den Mund. Pünktlich alle vier Stunden. Doch bald schon vergisst sie die Tabletten, zunächst unabsichtlich. Denn Paulas neuer Roman kommt heraus, und Annie muss ihn von vorn bis hinten verschlingen. Danach vergisst sie die Tabletten absichtlich, denn Misery, die Heldin einer Liebesroman-Reihe, stirbt am Ende des Romans. Also entzieht Annie Paula so lange die Tabletten, bis sie die Fortsetzung „Miserys Rückkehr“ geschrieben hat.

Im Unterschied zu Stephen Kings Roman und zu Simon Moores Bühnenfassung wird in der Burgauer Inszenierung aus dem Schriftsteller Paul Sheldon eine Frau. Dadurch geht eine gewisse erotische Komponente verloren, die im Roman allerdings nur angedeutet wird. In einer Szene greift Annie Paul unters Hemd. Doch diesen kleinen Mangel lassen die beiden Schauspielerinnen durch große Leistungen vergessen.

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Marion Wessely als Paula ist der Schmerz immer wieder ins Gesicht geschrieben. Mühevoll robbt sie mehrmals mit gebrochenen Beinen auf dem Boden herum und versucht vergeblich, aus dem Haus zu fliehen. Vera Hupfauer als Annie gibt einen labilen Charakter. Immer wieder wechselt sie zwischen liebevoll und herrisch. So schenkt Annie Paula zu Weihnachten einen singenden Christbaum und eine echte Olympia-Schreibmaschine, eine richtige Antiquität, bei der allerdings der Buchstabe N fehlt. Doch als Annie erfährt, dass Paula versucht zu fliehen, haut sie ihr mit aller Kraft die Schreibmaschine auf die gebrochenen Beine.

Danach fehlen in der Schreibmaschine die Buchstaben E und N. Der labile Charakter Annies wird dem Publikum aber fast wieder sympathisch durch die Schicksalsschläge, von denen sie erzählt. Mit zwölf Jahren verlor sie ihre Eltern bei einer Brandkatastrophe und kam zu Pflegeeltern.

Später wurde sie Kinderkrankenschwester. Dann kam sie in Untersuchungshaft. Wegen einiger belastender Indizien wurde sie zu Unrecht verdächtigt, Säuglinge ermordet zu haben. Um sich selbst aufzuheitern, singt sie immer wieder das Lied: „Du arme Fliege, du warst im Kriege. Jetzt musst du hinken, auf einem Schinken …“

Das Publikum bedenkt die Akteurinnen und die Regisseurin Dörte Trauzeddel zu Recht mit tosendem Applaus und Jubel.

am 12., 22., 26. und 28. Februar, jeweils 20 Uhr. Weitere Vorstellungen bis April auf www.neues-theater-burgau.de

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