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Geschichte

16.08.2019

Als die Bahn Günzburg den Aufschwung brachte

Der Bahnhof Günzburg – rund um ihn entstanden im Laufe der Zeit nach der Inbetriebnahme neue Firmen, die Stadt profitierte.
Bild: Bernhard Weizenegger (Archiv)

1853 war die Stadt an die Strecke München-Ulm angebunden worden. Anfangs standen die Bürger dem neuen Verkehrsmittel ablehnend gegenüber. Und wegen einer Entscheidung waren sie beleidigt.

Es liegt wohl in der Natur der Sache. Veränderungen und damit der Abschied von Vertrautem sind nicht der Menschen liebstes Kind. Das ist in den heutigen Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung so, in der Mitte des 19. Jahrhunderts war es nicht anders. Damals hatte die noch junge Erfindung der Eisenbahn für Ärger und Unruhe gesorgt – nicht zuletzt im ebenso beschaulichen wie geschäftigen Günzburg.

1853 war die Stadt an die Bahnlinie München-Augsburg-Ulm angeschlossen worden. Zum Verdruss nicht nur des seinerzeitigen Stadtchronisten Ignaz Reinert. Hatten die Günzburger die neue Bahn zunächst abgelehnt, waren sie wenig später beleidigt: Die Donautalbahn, deren Bau vor 150 Jahren vom Bayerischen Landtag beschlossen worden war, endete – von Regensburg über Ingolstadt und Donauwörth kommend – nicht in der ehemals stolzen habsburgischen Residenzstadt, sondern in einem unbedeutenden Flecken: Neuoffingen.

Ein Segen für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt

Die frühe Anbindung Günzburgs an die Bahnlinie München-Augsburg-Ulm war ein Segen für die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. Denn nach dem Wechsel von Habsburg zu Bayern im Jahre 1806 war Günzburg an den äußersten Rand der weiß-blauen Lande gerückt. „Erst durch die Bahn ist die Stadt wieder angebunden worden“, erklärt der frühere Stadtarchivar und Museumsleiter Walter Grabert.

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Die Reisensburg, entlang der Donau ein Zug und parallel dazu die neue Erfindung der Telegraphenleitung – gezeichnet 1862 von Josef Anton Brenner.
Bild: Bernhard Weizenegger (Repro)

Die Zeitgenossen hatten das ganz anders gesehen. Zahllose Kutscher hatten Personen, Handelswaren und die Post nach Günzburg und von dort ins Umland gebracht. Das schaffte Arbeitsplätze, am Marktplatz war gehandelt, gegessen, getrunken und übernachtet worden. Mit der schnelleren Eisenbahn war vieles von dem nur noch Geschichte. Nicht nur Stadtchronist Ignaz Reinert, ein überzeugter und letztlich aus der (Neu-)Zeit gefallener Habsburger, konnte den Neuerungen nichts Gutes abgewinnen.

"Günzburg stand damals nicht so toll da"

Doch die Bahn brachte nicht den Niedergang, sondern den Aufschwung. „Günzburg stand damals nicht so toll da“, sagt Graberts Nachfolger Raphael Gerhardt. Rund um den neuen Bahnhof entstanden neue Betriebe, etwa der Vorläufer der Firma Küchle. Auch die Ansiedlung der Süddeutschen Baumwollindustrie (SBI) 1882 wäre ohne die verzweigten Eisenbahnverbindungen kaum möglich gewesen.

Darüber hinaus: „Die Anbindung Günzburgs an die Bahn hat bis heute erhebliche Folgewirkungen“, erklärt Gerhardt. Kein Wunder, dass sich die Stadtspitze in der jüngeren Vergangenheit immer wieder gegen Pläne, die Bahntrasse Stuttgart-München zu verlegen und Günzburg damit vom Fernverkehr abzukoppeln, mit Händen und Füßen gewehrt hat.

Die Donautalbahn endete nicht in Günzburg

1869, also vor 150 Jahren, hatte der Bayerische Landtag beschlossen, die sogenannte Donautalbahn zu bauen – von Regensburg über Ingolstadt und Donauwörth bis zum Anschluss an die Linie zwischen Augsburg und Ulm. Die Donautalbahn endete nicht in Günzburg, sondern in Neuoffingen. Diese Schmach verarbeiteten die Günzburger in einem eher verzweifelten Spottlied: „In einem wüsten Grunde, das steht ein Bahnhof stolz; vorn hat er lauter Wasser, und hint’ ist lauter Holz.“

Unabhängig von den damaligen Günzburger Befindlichkeiten hat die ab 1876 durchgehend befahrbare Donautalbahn – heute betrieben vom Privatunternehmen Agilis – in hohem Maße zur wirtschaftlichen Entwicklung Süddeutschlands beigetragen. „Nicht von ungefähr liegen mit Regensburg, Ingolstadt und Ulm/Neu-Ulm drei der zehn am stärksten wachsenden Großstadträume an dieser Lebensader“, heißt es in einer Pressemitteilung des bayerischen Verkehrsministers Hans Reichhart zum Baubeschluss des Landtags vor 150 Jahren. Von dieser Vorausschau – wie auch dem Bau der Mittelschwabenbahn 1892 nach Krumbach und Mindelheim – könne sich mancher heute eine Scheibe abschneiden.

Beendet ist die Bahngeschichte rund um Günzburg nicht. Der Ausbau der Strecke Ulm-Augsburg und damit auch der Anschluss der Donautalbahn seien eines der wichtigsten Bauprojekte im deutschen Bahnnetz. Die Vorplanung, so Reichhart, habe im ersten Quartal dieses Jahres begonnen.

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Bild: Kaiser
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