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Burgau

16.04.2019

Als die Mode nach dem Krieg immer prachtvoller wurde

Waltraud Wistuba zeigte im Rahmen ihres Vortrags über die Mode der 50er Jahre einige ihrer frühen Kreationen.
Bild: Gertrud Adlassnig

Im Burgauer Schloss ist die Ausstellung „Burgau in den 1950er Jahren“ zu sehen. Dazu gehört auch die Kleidung. Schneiderin Waltraud Wistuba erzählt.

Stadtarchivarin Martina Wenni-Auinger, die zu den spannenden Ausstellungen im Burgauer Schloss stets interessante Vorträge anbietet, musste am Sonntag immer weiter Stühle in den kleinen Saal schleppen. Viele Männer und Frauen, jung und alt, wollten Waltraud Wistubas Blick auf die Mode der 50er erleben, passend zur Ausstellung „Burgau in den 1950er Jarhen“. Für die Referentin, die Rettenbacherin Wistuba, eine der erfolgreichsten Maßschneiderinnen Deutschlands (lesen Sie hier einen unserer Artikel über sie: Mode aus Rettenbach für die Welt ), war der Nachmittag auch eine willkommene Begegnung mit früheren Kolleginnen aus dem modestarken Burgau.

Seit der Nachkriegszeit widmet sich Wistuba der Schneiderei. Sie hatte alles mitgemacht. Die Zeit der erzwungenen Improvisation, weil es keine Stoffe, kein Zubehör gab, das Wirtschaftswunder, das sich in wertvollen Stoffen und aufwendigen Schnitten widerspiegelte, die Aufmüpfigkeit der Jugend mit Hot Pants und Minirock.

Der Umgang mit dem Mangel regte die Fantasie an

Zunächst, erzählte sie, mussten die Frauen improvisieren, aus alter Militärkleidung wurden neue Anzüge und Kleider genäht. „Unsere Arbeit am Morgen war immer das Auftrennen,“ erinnerte sie sich an ihre Lehrzeit. Aber mit dem Zwang zur Wiederverwendung, dem Umgang mit dem Mangel, wurde die Fantasie angeregt. In dieser Zeit der Entbehrung stieg ein Mann am deutschen Modehimmel auf. Heinz Oestergaard, dessen 1971 entworfene grün-beige Polizeiuniformen über 30 Jahre das Erscheinungsbild der uniformierten Polizei prägten.

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Aus der Kriegsgefangenschaft zurück in Berlin, las Waltraud Wistuba aus seinen Memoiren vor, beschloss er beim Anblick der Trümmerfrauen, für diese Mode zu entwerfen. Nach den ersten harten Nachkriegsjahren kam die Wirtschaft Anfang der 1950er Jahre allmählich wieder in Schwung, das bedeutete, dass Geld verdient werden konnte und auch wieder Waren zum Kauf angeboten wurden. Diese Aufbruchsstimmung schlug sich in der Mode nieder. Man konnte einkaufen, und nicht gerade wenig. Man ging großzügig um mit den Stoffen, die luftig und leicht wurden, wie in den getüpfelten Tüllkreationen.

Zum eleganten Auftritt durften Handschuhe nicht fehlen

Oft wurden die jugendlich schwingenden Röcke so üppig geschneidert, dass sie nicht einmal einen Petticoat benötigten, um ihre Fülle ins rechte Licht zu setzen, erzählte Wistuba. Gerne wurden diese Rockschnitte mit breiten Gürteln verziert. Die Wespentaille war ein Muss und wurde auch in den so genannten eleganten Schnitten mit engen, extrem schmalen Röcken betont. Und wer wirklich etwas auf sich hielt, der ließ sich nicht nur ein Kleid machen, sondern ein Complet. Dazu gehörten Jacke, Handtasche, Schuhe und Hut, nicht selten auch ein passender Mantel. Zum eleganten Auftritt durften auch Handschuhe nicht fehlen.

„Im Frühling und im Herbst wurden die Mäntel geordert. Der Mantel gehörte ganz selbstverständlich zur Oberbekleidung. Im Winter oft in kuscheligen, warmen Stoffen mit relativ weiten Schnitten, dass wärmende Kleidung darunter passte. Das ist unserer Autozeit nicht mehr nötig.“ Im Laufe des Jahrzehnts wurden mit zunehmendem Reichtum die Stoffe immer aufwendiger, prachtvoll bestickt, exklusiv handgewebt, pelzverbrämt. Solche Materialien waren auch für damalige Verhältnisse teuer. Aber man leistete sie sich, denn es galt Klasse statt Masse. Die Normalfrau hatte nicht mehrere Schränke voll mit „Klamotten“.

Erst in den 60ern kam der Minirock

Schon in den 1950er Jahren tauchten die ersten langen Damenhosen, ja sogar Hot Pants auf, erst in den 1960ern kam dann auch der Minirock. Bis zu Mary Quants Revolution der Rocklänge gingen die Damen kniebedeckt.

Im Vergleich mit der Gegenwart stellte Waltraud Wistuba zwei Grundsätze fest, die sich scheinbar widersprechen: „In der Mode gibt es Wellen, Stilrichtungen kommen immer wieder.“ Und dennoch hat sich Grundlegendes geändert. „Unsere Ausbildung“, erklärte Waltraud Wistuba, die sie bei Irmgard Vogele absolvierte, „war auf handwerkliches Können ausgelegt. Heute haben Maschinen viele von diesen speziellen Nähtechniken überflüssig gemacht, sodass diese Kenntnis allmählich verloren geht. Sie wird nur noch an wenigen Orten, etwa in den Gewandschneidereien der großen Theater, vermittelt.“

Die Einzelanfertigung wird zum Sonderfall

Aber nicht nur die Kunst des Handnähens verliert sich. Auch die Einzelanfertigung wird zum exklusiven Sonderfall. „Nach dem Krieg gab es in jedem Ort mehrere Schneiderinnen und auch Schneider für Herrenbekleidung. Dieser Berufsstand ist extrem zurückgegangen.“ In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die Konfektion die Maßschneiderei verdrängt. War früher der Gang zur Schneiderin die normale Form, sich neue Kleidung zu besorgen und der Gang ins Modehaus eher selten, ist es heute der Trend nicht nur zur Konfektion, sondern immer mehr zum kurzlebigen Konsumgut, dessen Material- und Herstellungsqualität zweitrangig ist.

Mit diesem Trend ist auch die große Vielzahl an Zulieferern minimiert worden. „Viele Webereien haben aufgehört, aber es gibt noch gute Quellen für Accessoires“, stellte Waltraud Wistuba fest. Das ist wichtig für sie, denn sie kann nicht lassen von der Mode, arbeitet unermüdlich in ihrem Atelier und gesteht: „Mode ist mein Leben.“

Termine Die Ausstellung „Burgau im Wirtschaftswunder“ ist bis zum 5. Mai, jeweils sonntags von 14 bis 17 Uhr, zu besichtigen. Am Ostersonntag, 21. April, findet im Schloss ein Ostereiersuchen statt und am Sonntag, 28. April, werden die Oldtimer-Freunde Kemnat-Mindeltal im Schlosshof Fahrzeuge aus den 50er Jahren präsentieren.

Lesen Sie hier: Neue Ausstellung im Schloss: Als in Burgau ein Hauch von Luxus einkehrte

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