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Ichenhausen

29.07.2020

Am liebsten hätte der Rektor zum Abschied alle Schüler umarmt

Otto Imminger, Rektor der Freiherr-von-Stain-Mittelschule, geht in Ruhestand. Am liebsten hätte er zum Abschied jeden Schüler in den Arm genommen. Weil dies coronabedingt nicht möglich war, bleibt nur die bildliche Geste.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Otto Imminger, der 42 Jahre an der Haupt- und Mittelschule in Ichenhausen tätig war, geht in Ruhestand. Warum er sich seine letzten Tage im Amt anders gewünscht hätte.

Seine Schüler vermisst er jetzt schon, kaum dass sie zur Tür hinaus sind. An die 300 waren es täglich, die die Freiherr-von-Stain-Schule besucht haben. „Jetzt sind sie alle weg“, sagt Otto Imminger mit Wehmut. Die Kinder und Jugendlichen haben zwar nur Sommerferien, Imminger wird sie aber nach den sechs Wochen nicht mehr wiedersehen. Für ihn ist nach 42 Jahren als Lehrer, Konrektor und schließlich als Leiter der Haupt- beziehungsweise Mittelschule Schluss mit Religions- und Wirtschaftsunterricht, Stundenplanaufstellen, Zeugnisvergabe. Offiziell sagte der 65-Jährige zwar schon vor zwei Wochen Adieu, aber erst am Freitag ist Immingers letzter Tag an der Schule. Seinen Abschied hat er sich anders vorgestellt.

Dass er Lehrer werden wollte, stand für den gebürtigen Wettenhauser schon früh in seiner Jugend fest. Irgendeine Büroarbeit, sei es im Finanzamt, „das wäre für mich tödlich gewesen“, ist Imminger überzeugt. Über Umwege kam er zu seinem Ziel. Nach dem Realschulabschluss machte er das Fachabitur an der Fachoberschule, begann dann an der Hochschule Eichstätt ein Studium in der Fachrichtung Soziales und legte nach der Bundeswehr das Erste Staatsexamen für Lehramt an Grund- und Hauptschulen ab.

Jahrelang ist Otto Imminger mit dem heutigen Minister Gerd Müller gependelt

Was ihm aus dieser Zeit in Erinnerung geblieben ist: Jahrelang ist er mit Gerd Müller, dem heutigen Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, zusammen nach Eichstätt gependelt. Sie hätten sich gut verstanden, aber irgendwann aus den Augen verloren. Müller wandte sich der Politik zu, Imminger wurde Pädagoge in Ichenhausen.

42 Jahre sind daraus geworden, erst als Lehrer, dann ab 1988 als Konrektor und seit 2002 als Rektor. Die Mädchen und Buben, die er einst unterrichtete, haben längst eigene Kinder, die Imminger inzwischen auch schon wieder ins Berufsleben verabschiedet hat. „Das ist lustig und erschreckend zugleich“, sagt er. Schüler über Jahre täglich zu beobachten, ihnen beim „reifer werden“ zuzuschauen, das habe für ihn den besonderen Reiz ausgemacht.

Otto Imminger, seit 2002 Rektor an der Freiherr-von-Stain-Mittelschule Ichenhausen, geht in den Ruhestand. 2005 wurde die Schule neu gebaut, im Hintergrund ist die Bibliothek zu sehen.
Bild: Bernhard Weizenegger

„Sie kommen als Kinder und gehen als junge Menschen hier raus. Sie dabei begleiten zu dürfen, ist einfach toll“, gerät er regelrecht ins Schwärmen. Begleitet hat er einen Teil der Schüler auch einmal auf einer Klassenfahrt nach Berlin. Dass er dort just den Tag der Wiedervereinigungsfeier miterleben würde, hätte er sich nicht träumen lassen. Genauso wenig, dass es Abschlussschülern gelingen würde, Strohballen in den ersten Stock der Schule zu bringen und dort lebende Hühner herumspazieren zu lassen.

2005 konnte Otto Imminger als Rektor in die neue Schule umziehen

Was Otto Imminger in über vier Jahrzehnten erlebt hat, würde Seiten füllen. Er beschränkt sich auf wenige Erinnerungen. Was aber auf keinen Fall fehlen darf, ist der Bau des neuen Schulgebäudes, das 2005 nach nur 18 Monaten Bauzeiten fertig war. In diesem Zusammenhang wird gerne von „seiner Schule“ gesprochen, doch Imminger will davon nichts wissen. Er sei einfach nur stolz und glücklich, den Bau miterlebt zu haben und Teil dieser modernen, schönen Schule gewesen zu sein. Ein Detail hat er bis heute nicht vergessen, wie zwei Bauarbeiter den Heißgussasphalt, der zu heiß für Schläuche war, Kübel für Kübel die Treppen nach oben transportierten. „Wie im Mittelalter“, erzählt er und muss darüber lachen.

Otto Imminger vor einem großen Wandgemälde, das eine Lehrerin angefertigt hat und das die Bildungszweige der Schule zeigt.
Bild: Bernhard Weizenegger

Schüler und Kollegen, sie waren für den Vater dreier Kinder wie eine zusätzliche große Familie. Schule war für ihn „äußerst lebendig“. Zumindest bis März, dann kam Corona dazwischen. Seitdem ist alles anders, erst kam Homeschooling, dann Präsenzunterricht im Wechsel. Das Haus war plötzlich so still, Imminger fühlte sich wie in einem „Ameisenhaufen ohne Ameisen“. Es sei eine aufreibende Zeit gewesen. Was ihn persönlich am meisten trifft: Er konnte sich von seiner Schulfamilie nicht mehr mit Handschlag verabschieden. Viele Menschen, die ihn zu Schulzeiten begleitet hatten, durfte er nicht mehr zu seiner Feier einladen. „Das war coronabedingt nicht erlaubt. Das tut sehr weh.“

Markus Mayer, Rektor in Wasserburg, wechselt als Schulleiter nach Ichenhausen

Worüber er sich zum Glück keine Gedanken mehr machen muss, ist, wer „seine“ Schule übernimmt. Sein Nachfolger steht schon fest. Wäre das nicht rechtzeitig geklärt gewesen, Imminger wäre wohl mit noch schwererem Herzen gegangen – oder hätte sich den Abschied noch einmal überlegt. Es war ihm wichtig, dass er die Schule, die er seit ihrem Bau geführt und geprägt hat, in gute Hände übergibt.

Mit Markus Mayer, der bis jetzt die Grund- und Mittelschule in Wasserburg geleitet hat, kommt kein Unbekannter nach Ichenhausen. Zwischen 2004 und 2009 hat der 45-Jährige dort als Lehrer gearbeitet, er kennt das Haus und viele Kollegen und bringt Erfahrung als Schulleiter mit. „Das ist wirklich beruhigend. Ich kann guten Gewissens gehen, es geht hier nahtlos weiter“, sagt Imminger.

Pläne für seinen Ruhestand hat er noch keine, aber „ich falle gewiss in kein Loch“. Seine Frau Ursula freue sich über einen Mitarbeiter mehr im Haus. Und er selbst? Freut sich aufs Fotografieren und Radeln. Vor allem die vielen, kleinen Kirchen der Region will er anschauen und fotografisch für die Ewigkeit festhalten.

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