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Ichenhausen

26.02.2018

Amore al dente – oder wer kriegt die Wirtin?

Mirandolina ist nicht nur Wirtin, sondern auch eine kluge und unabhängige Frau. Klar, dass die Männer sie für sich gewinnen wollen.
Bild: Helmut Kircher

In Peter Turrinis Komödie werden balzpotente Machomänner auf Heilfasten gesetzt. Für das Publikum im Ichenhauser Dilldapper wird die Liebesdiät zum erotisierenden Gourmet-Trip.

Er ist einer von Österreichs erfolgreichsten Dramatikern, der 1944 in Kärnten geborene Peter Turrini. Das Image „Skandalautor“ und „Radikalmoralist“ haftet dem unbequemen Sozialkritiker noch immer an. Und er hat diese Auszeichnungen redlich verdient, mit Stücken wie „Rozznjogd“, „Minderleister“ oder „Der tollste Tag“. „Keine meiner Übertreibungen ist so maßlos wie die Wirklichkeit“, sagt er über die bissig entlarvende Botschaft seiner Stücke. Mit „Die Wirtin“, einer Bearbeitung der Commedia dell’Arte-Posse „Mirandolina“ von Carlo Goldoni aus dem Jahr 1752, ist ihm solch gesellschaftspolitische Wertschätzung nicht gelungen. Ganz und gar nicht. Es ist, sagen wir es vorweg, eines seiner schwächsten Stücke.

Vollrohr krachlederne Gaudikultur pur. Und so gar nicht von Seelenharm beschwert. Heißt also, eine willkommene Herausforderung, diesen Slapstickschwank bühnentauglich und publikumswirksam auf die Bretter zu stellen! Yasemin Kont nahm sie an. Versuchte, in ihrer Inszenierung für die Neue Bühne Ichenhausen, den theatralischen Überlebenskampf zwischen erlaubt ist, was gefällt, und klischeesatter Schrundigkeit. Dabei folgte sie einer klaren Start-Ziel-Dramaturgie: Ein neugieriges Publikum nicht nur amüsieren, sondern auch fesseln. Wie man das macht? Nun, man nehme einen hormonellen Intriganten-stadel und stelle ihn, wie Turrini es befiehlt, mit locker leichter Hand und einem mitreißend spielfreudigen Ensemble auf die Bühne. Lasse zwei Lichtgestalten adeliger Kontur neben ein Zitronenbäumchen (im Topf) treten, „Amore, Amore“ sagen und schon ist die notwendige Italianita skizziert. Das folgende „buon giorno“ kommt dann aber schon leicht angeschwäbelt daher. Mit Glockenrock und dem Cha-Cha-Schmusesound der 50er Jahre tänzelt sich die Hauptrolle ins Geschehen, Mirandolina (Katrin Astforth), apart, mit Witz, Charme und einem nicht nur im Nacken sitzenden, sondern aus allen Poren blitzenden Schalk.

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Ein lukratives Wirtshaus nennt sie ihr Eigen, doch Mann hat sie keinen. Ergo: Ein Vollweib messianischer Lust- und Freudenkünderin, ein lupenreiner Zielpunkt nicht nur adelsrechtlicher Grundprinzipien, sondern ein Fixpunkt jeglicher Couleur machomäßiger Glückspillenritter. Als da wären: Marchese von Albafiorita (René Schwab) und Baron von Ciccio (Wilfried Nagat), der Eine herzerweichend doof, der Andere bettelarm, doch beide Edelversionen floskelreicher Hinterhältigkeit. Cavaliere Rippafratta (Wolfgang Allgäuer), ein metaphysischer Hoffnungsträger – „Das Weib ist eine Krankheit vor der man sich hüten soll!“ – , der Erfinder einer besseren Welt zwar, aber letztendlich doch ein sexuell überforderter Umfaller. Fabrizio (Stephan Christoph), ein erotischer Flammenwerfer, als Kellner aber nur drittklassiger Kleinmeister schwadronierend listiger Intriganz, punktet mit Salven pittoresk gurrenden Lockgesanges zwar beim Publikum, bei seiner Chefin nicht. Die lassen alle Powernummern amorebezogener Langeweile kalt, sie ficht mit spitzem Degen für ihr Image herzensgeradliniger Unberührtheit. Dienstmädchen (Alexandra Seibel) und Köchin (Claudia Jedelhauser) vermögen, selbst mit noch so vergnüglichen Zuckerln, an diesem Zustand nichts zu ändern. Trotz erotisch aufgestockten Bemühens, nicht einmal für das glamourös glitzernde Schauspielerpärchen Dejanira/Ortensia (Christine Wieser/Selma Berger) fällt etwas ab aus dem Macho-Parcours adeligen Beautykultes. Amore al dente. Klar beißen sich alle die Zähne daran aus. Und wer kriegt die Wirtin?

Tja, am Ende des dritten Aktes tänzelt das gesamte Ensemble aus der Szene, treulich gepaart wie sich’s zum Schluss gehört, in leicht romantisch rieselndem Mambo-Rhythmus. Und Mirandolina allein zu Hause. Finito! Finito? Moment mal, war da nicht noch was? Natürlich, des schrulligen Barons merkwürdiger Diener César (Andreas Werner), der sich, text- und sprachlos, durch alle drei Akte schwieg. Der, irgendwie von Wehmut umflort, mit nostalgisch aufgetupftem Ich-weiß-etwas-was-du-nicht-weißt-Lächeln, ungefragt von der Balkonbrüstung auf die Niederungen weltlicher Bühnenbretter herunterturnt. Zu stillem Tun auf langem Atem. Das Publikum ahnt, worauf so etwas gewöhnlich hinausläuft. Und belohnt es. Forte. Bravi bravissimi.

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