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Hafenhofen

04.12.2020

An Magersucht erkranktes Mädchen aus Hafenhofen: Eine neue Frisur für ein neues Leben

Jetzt können sie wieder lächeln: Sonja Wagner und ihre Tochter Lucia haben durch die Erkrankung schwere Zeiten durchlebt.
Bild: Gertrud Adlassnig

Plus Die 14-jährige Lucia aus Hafenhofen leidet an Magersucht. Inzwischen hat sie die Essstörung im Griff. Ihr Geburtstag sollte ein Wendepunkt sein – an dem alte Zöpfe abgeschnitten wurden.

Lucia Wagner aus Hafenhofen ist dieser Tage 14 Jahre alt worden. Ihr Geburtstag sollte nach ihrem Willen ein Tag werden, an dem sie alte Zöpfe abschneiden und in eine neue Zukunft aufbrechen wollte. Mit sieben 30 Zentimeter langen abgeschnittenen Zöpfen, die sie dem Verein „Die Haarspender“ überließ, zog sie einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben. Denn sie war lange krank.

Nun, so scheint es, hat sie die Talsohle durchschritten und darf sich auf eine stabile Gesundheit freuen. Vor rund 18 Monaten hatte ihre Mutter festgestellt, dass etwas mit ihrer Tochter nicht stimmte. In der Schule war alles in Ordnung, ihre Leistungen waren und blieben sehr gut, aber die damals noch nicht 13-Jährige wurde immer dünner. Diagnose: Essstörung, landläufig Magersucht genannt. Die Ursache für eine Anorexie ist bis heute noch nicht eindeutig geklärt. „Im Juli 2019 fiel mir auf, dass Lucia sich veränderte. Wir haben sofort gehandelt. Ab August wurde sie ambulant im Augsburger Josefinum behandelt,“ erzählt Sonja Wagner. Dort gibt es eine eigene Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, in die Lucia alle zwei Wochen einbestellt wurde. Doch der gewünschte Erfolg blieb zunächst aus.

Mit einem Trick ist die Tochter auf 31 Kilo abgemagert

Familie Wagner war in der Warteschleife für einen Wechsel nach Günzburg. Bis Februar dieses Jahres dauerte es, bis dort endlich ein ambulanter Therapieplatz frei wurde. In enger Zusammenarbeit von Psychologin und Hausarzt wurde ein Konzept erarbeitet, in dem die regelmäßige Gewichtskontrolle eine wichtige Komponente darstellte. „Lucia sollte auf 36 Kilogramm kommen, sie war damals ein wenig kleiner als heute, 1,55 Meter. Es schien so, als würde sie ein bisschen zunehmen, aber an den Wiegetagen ging es ihr immer schlecht. Nach dem Arztbesuch war sie total fertig, lag danach oft nur im Bett“, erinnert sich Sonja Wagner.

„Ich habe in der Nacht vor dem Wiegen mehrere Liter Wasser getrunken und zuvor viel kalorienarme Sachen wie Wassermelonen gegessen. Dazwischen habe ich drei bis vier Tage überhaupt nichts zu mir genommen.“ Mit diesem Trick ist die Tochter dann bis in den Juli auf effektiv 31 Kilogramm abgemagert. Dann ließ sie die Bombe platzen, vertraute sich ihrer Mutter an, dass sie über Monate geschummelt hatte. Pausenbrote hatte sie verschwinden lassen, gemeinsame Mahlzeiten unter allerlei Vorwänden immer wieder vermieden, sich, was in Corona-Zeiten recht unverdächtig möglich war, aus dem sozialen Leben mit ihren Freundinnen zurückgezogen.

In der Ulmer Klinik lernte sie zwei Mädchen mit derselben Krankheit kennen

Als ihr tatsächlicher Zustand offenkundig wurde, war Lucia bereits akut gesundheitlich gefährdet. Zu einem Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik in Ulm, wo sie die nächsten drei Monate verbrachte, gab es keine Alternative mehr. Aber sie wollte auch stationär behandelt werden, was sie bislang abgelehnt hatte. „Das war ziemlich streng dort. Es gab einen genauen Stufenplan, der Essen, aber auch Besuche und Freizeit genau regelte. Zuerst musste ich mehrmals am Tag sogenannte Astronautennahrung trinken, nach und nach wurde ich auf normale Kost umgestellt. Und mit den kleinen Erfolgen durfte ich auch immer länger Besuch bekommen und später auch mit in die Stadt gehen,“ erzählt Lucia von der Therapiezeit.

Mit dem Abschneiden der Zöpfe soll das alte Leben des Mädchens enden und ein neues beginnen.
Bild: Familie Wagner

Dass sie dort zwei weitere Mädchen mit der gleichen Erkrankung traf, hat ihr besonders gut getan. Mette, Lucia und Lea sind 15, 14 und 13 Jahre alt und wurden im Krankenhaus zu Freundinnen. „Aber meinen Geburtstag am 26. November wollte ich trotzdem daheim feiern. Das bedeutete, dass ich zwei Wochen zuvor mein Sollgewicht, 42 Kilo, erreicht haben und anschließend die zweiwöchige Haltezeit durchstehen musste. Am 19. November durfte ich heim.“

Es gibt nur wenige Fachärzte in der Region

Lucia hat es geschafft und darf stolz darauf sein, diese enorme Herausforderung gemeistert zu haben. Doch sie bedarf natürlich noch lange psychologischer Unterstützung. „Da hängen wir wieder in der Warteschleife, denn es gibt nur wenige Fachärzte in der Region. Ihre Ärztin in Günzburg hat die Klinik leider verlassen“, bedauert ihre Mutter, die nach der Rückkehr ihrer Tochter aus der stationären Behandlung mit der neuen Situation fertig werden musste. „Da muss erst einmal wieder Vertrauen aufgebaut werden. Und ich muss meine tief sitzenden Ängste überwinden.“

Nach einigen Irritationen haben die beiden schnell zu einem harmonischen Miteinander gefunden. „Ich durfte bei der Haarspende nicht nur dabei sein, ich habe sogar nach Anweisung der Friseurin die sieben Zöpfe, die sie zuvor geflochten hatte, abgeschnitten.“ Ein symbolischer Akt für Mutter und Tochter. Und ein weiterer Hoffnungsstern begleitete die Geburtstagsaktion. „Die Friseurin, die mich bedient hat, erzählte, dass auch sie mit 14 Jahren eine Essstörung hatte und heute ein ganz normales Leben führt,“ berichtet Lucia.

Die Erkrankung muss schnellstmöglich behandelt werden

Dass sie so offen über ihre Erkrankung spricht, ist ungewöhnlich. Aber für sie und ihre Mutter Sonja Wagner handelt es sich bei der Magersucht um eine von vielen Krankheiten, die ein Mensch, unabhängig von Alter und Geschlecht, bekommen kann, auch wenn es junge Mädchen besonders häufig trifft. „Es ist eine schwere Erkrankung, die schnellstmöglich behandelt werden muss, denn sie kann zu dauerhaften Schädigungen, ja sogar zum Tod führen, wenn nicht rechtzeitig geholfen wird. Umso früher psychologische Hilfe kommt, desto größer ist die Chance, wieder gesund zu werden. Aber eine Therapie wird immer Monate, vielleicht sogar Jahre dauern.“

Leider verheimlichen viele Erkrankte ihr Schicksal, Angehörige schweigen aus Scham, dabei ist es wichtig, mit Magersucht und einer gestörten Körperwahrnehmung offen umzugehen, wie mit jeder anderen Erkrankung. „Ich habe gelernt, dass ich mich nicht schämen muss. Ich bin erkrankt und jetzt bin ich auf dem besten Weg, wieder ganz gesund zu werden. In der Therapie wurde mir erklärt, dass da ein Teufelchen versucht, mir einzureden, ich sei zu dick, ich dürfe nicht essen. Aber diesem Typ darf ich nicht nachgeben. Ich muss mich an die andere Stimme halten, die mir gut zuredet und mir erlaubt zu essen.“

Inzwischen gönnt sich Lucia wieder etwas Leckeres

Inzwischen hat Lucia auch wieder Freude am Essen. Drei Mahlzeiten nimmt sie regelmäßig zu sich und auch zwischendurch gönnt sie sich ab zu etwas Leckeres. Aber der kleine Teufel ist noch nicht endgültig besiegt. „Manchmal glaube ich schon noch, dass meine Oberschenkel zu dick sind, aber das lasse ich nicht mehr zu.“ Es gibt viele Kinder und Jugendliche, die das Schicksal viel schlimmer getroffen habe als sie, meint Lucia, die an Krebs erkrankt sind, zum Beispiel. Denen, hat sie beschlossen, wollte sie an ihrem Geburtstag, zu ihrer Rückkehr in ein normales Leben, mit einer Haarspende ein bisschen etwas von sich selbst geben, „weil ich dankbar bin, dass es mit besser geht und ich für die anderen hoffe, dass auch sie wieder gesund werden“.

Der Non-Profit Verein „Die Haarspender“ sammelt Haare, aus denen kostenlose Perücken für erkrankte Kinder gefertigt werden. Für vier Zöpfe und 360 gespendete Euro kann eine Echthaar-Kinderperücke hergestellt werden. Im regulären Verkauf kosten solche Perücken bis zu 3000 Euro. Näheres ist im Internet unter diehaarspender.at zu erfahren.

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