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Günzburg

10.01.2019

Angeklagter sucht jetzt erst mal seinen Führerschein

Seinen Führerschein ist ein Autofahrer nach einem gefährlichen Überholmanöver zwischen Günzburg und Leipheim erst mal los. Das Problem: Der Mann findet seine Fahrerlaubnis im Moment gar nicht, wie er vor Gericht erklärte.
Bild: Maris Becker, dpa (Symbolfoto)

Autofahrer schneidet bei einem missglückten Überholmanöver ausgerechnet das Auto eines Polizisten in Zivil. Es ist nicht das einzige, was bei ihm schief geht.

Das Ganze hätte auch in einer der unzähligen Scripted-Reality-Shows stattfinden können, mit denen die privaten TV-Sender gerne ihre Tagesprogramme füllen. Sogar die Spieldauer mit nicht ganz einer halben Stunde hätte ins Programmschema gepasst. Doch für einen 28-Jährigen aus dem Landkreis Günzburg war das, was am Mittwochvormittag im Günzburger Amtsgericht ausgebreitet wurde, leider sein ganz reales Leben, in dem offenbar eine Menge nach Murphys Gesetz verläuft: Alles, was schiefgehen kann, geht auch schief.

Was den jungen Mann vor Amtsrichterin Daniela König gebracht hat, war nur eine der Geschichten, die in seinem Leben schief gelaufen ist. Aus der Schilderung der Staatsanwältin stellt sich das Geschehen im Mai vergangenen Jahres so dar: Der Angeklagte war auf der Günzburger Straße im Bereich Leipheim unterwegs gewesen – und die beiden vor ihm fahrenden Autos waren ihm offenbar nicht schnell genug. Deswegen setzte er etwa 300 Meter vor einer Linkskurve zum Überholen beider Fahrzeuge an – obwohl schon aus Richtung Leipheim Gegenverkehr in Sicht war.

Zwei Autofahrer müssen ausweichen

Was der junge Mann nicht ahnen konnte: Im vorderen Auto saß ausgerechnet ein Polizeibeamter in Zivil – und der erinnerte sich in seiner späteren Aussage daran, dass er mit etwa 90 Stundenkilometern gefahren sei, als hinter ihm lautes Motorengeräusch zu hören war – und gleichzeitig ein Auto entgegen kam. Dem Angeklagten war das wohl egal – er fuhr einfach an den beiden Autos vorbei. Der Polizeibeamte musste sein Auto ebenso nach rechts an den Fahrbahnrand steuern und scharf abbremsen wie das entgegenkommende Fahrzeug. Ansonsten hätte es wohl einen Zusammenstoß gegeben.

Der 28-Jährige will von der Aufregung nichts bemerkt haben, beteuerte er bei Gericht – erst, als ihn der Zeuge kurz darauf an einer Tankstelle angeschrien habe, will er davon erfahren haben, dass sein Überholmanöver andere Verkehrsteilnehmer in Gefahr gebracht hatte. Es kam, wie es kommen musste: Der Polizist erstattete Anzeige, die mündete in einen Strafbefehl und in eine Ladung vor Gericht für Oktober.

Freundin wollte den Führerschein abgeben - und hat ihn verloren

Wieder ging wohl etwas schief – denn der Mann erschien nicht zum Sitzungstermin im Günzburger Amtsgericht. Er habe weder Ladung noch Schriftsätze bekommen, ließ der junge Mann das Gericht später über seinen Anwalt wissen – der ihn übrigens zum erneuten Gerichtstermin diese Woche gar nicht erst begleitete. Den Vorfall gebe er natürlich zu, bekräftigte der Angeklagte vor Gericht. Er sei auch nicht mehr mit dem Auto gefahren seitdem.

Und seinen Führerschein? „Den wollte meine Freundin für mich bei der Polizei abgeben“, sagte der 28-Jährige auf Nachfrage von Richterin Daniela König. „Aber dort hat man ihr gesagt, man muss den Führerschein mit der Post ans Amtsgericht schicken.“

Doch bei dieser Aktion ging wohl wieder einmal etwas schief. Denn die Fahrerlaubnis ist bis heute nicht beim Günzburger Amtsgericht angekommen. „Meine Freundin hat den Führerschein in einen Umschlag gesteckt und jetzt findet sie ihn nicht mehr“, erklärte er der Richterin. Die konnte so viel Sorglosigkeit gar nicht fassen: „Das wird ja immer schöner – es ist doch Ihr Strafverfahren, sie müssen sich doch darum kümmern. Das können sie doch nicht einfach an ihre Freundin abgeben.“

Seinen Job als Postbote ist der Mann deswegen auch erst mal los – ohne Führerschein kann er schließlich keine Briefe ausfahren. „Wenn ich den Führerschein zurückhabe, soll ich wieder kommen, hat mein Chef gesagt.“ Die Schlamperei mit seinem Führerschein wird das Ganze aber hinauszögern: Denn die sechsmonatige Frist, die er nach dem Urteil des Amtsgerichts bis zur Neuerteilung einer Fahrerlaubnis einhalten muss, beginnt erst dann, wenn der Schein der Behörde auch vorliegt, so die Staatsanwältin.

Als Postbote kann er vorerst nicht arbeiten

„Sie scheinen grundsätzlich im Verkehr etwas sorglos umher zu fahren“, sagte Richterin König mit Blick auf die Zentralregistereinträge des Mannes. Bereits vor zehn Jahren hatte man ihn wegen Trunkenheit im Verkehr und Fahren ohne Fahrerlaubnis belangt. Vor drei Jahren erwischte ihn die Polizei innerorts mit einer Geschwindigkeit von 72 Stundenkilometern und später mit dauerleuchtenden Blinkern. Im gleichen Jahr stand er vor Gericht, weil er in einer Diskothek im Landkreis Dillingen einem Kontrahenten die Faust ins Gesicht geschlagen hatte. 2017 wurde er innerhalb von vier Wochen wieder von der Polizei am Steuer ertappt – beide Male saß er mit dem Handy am Ohr am Steuer.

Richterin König redete dem Angeklagten eindringlich ins Gewissen. „Wie wollen Sie denn weitermachen? Sie wissen, dass sie als Postbote auf ihren Führerschein angewiesen sind.“ Das wisse er, und es werde sicher nicht mehr vorkommen, versprach der Mann. Eine Geldstrafe von insgesamt 1800 Euro muss er laut Urteil trotzdem zusätzlich zu seinem Fahrverbot bezahlen – sobald er Arbeitslosengeld bekommt.

Viel wird dem jungen Vater davon nicht übrig bleiben. Denn auch finanziell ist in seinem Leben schon einiges schief gelaufen. Ob er Schulden habe, wollte die Richterin von ihm wissen. „So 20000, 30000 Euro“, schätzte der Angeklagte. „Hauptsächlich aus Handyverträgen.“ Damit nicht noch mehr schief geht bei der jungen Familie, riet ihm Richterin König deshalb: „Schauen Sie doch bitte mal bei der Schuldnerberatung vorbei.“

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