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AOK-Gesundheitswochen

18.10.2012

Arbeitnehmer fühlen sich in Betrieben zunehmend unwohl

Die psychische Belastung am Arbeitsplatz wird immer größer. Professor Baldur Kirchner sieht einen Grund darin, dass Führungskräfte ihren Aufgaben bei der Motivierung der Mitarbeiter nur unzureichend nachkommen.
Bild: GZ-Archiv

Professor Kirchner: Schuld daran ist auch das Fehlverhalten vieler Führungskräfte, die ihrer Aufgabe nur unzureichend nachkommen

Günzburg Umfragen belegen: Arbeitnehmer fühlen sich in zunehmendem Maße in ihrer Firma unwohl. Die Angst um den Job, geringe Bezahlung, schlechte Stimmung im Betrieb und steigende Leistungsanforderungen machen viele krank. Verstärkt werden solche Tendenzen, wenn Vorgesetzte ihrer Führungsaufgabe autoritär, falsch oder gar nicht nachkommen. „Seelische Gesundheit am Arbeitsplatz“ lautete deshalb der Titel des Vortrags, den Prof. Dr. Baldur Kirchner zur Eröffnung der 17. AOK-Gesundheitswochen hielt.

Der Krankenstand der bei der AOK versicherten Arbeitnehmer ist mit einer Quote von 4,3 Prozent seit Jahren konstant. Deutlich zugenommen haben aber die psychischen Erkrankungen. Ihr Anteil an den Fehltagen hat sich binnen zehn Jahren auf zehn Prozent verdoppelt.

Geschuldet ist dieser Anstieg in hohem Maße den stetig steigenden Belastungen am Arbeitsplatz. Und dem Fehlverhalten vieler Führungskräfte. Viele Beschäftigte müssen in therapeutische Behandlung. Sind auch Vorgesetzte therapierbar? Eher nicht, ist die Erfahrung von Baldur Kirchner.

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Tausende von Führungskräften hat Kirchner, seit 1972 freier Dozent für Persönlichkeitsbildung, schon erlebt. Allenfalls ein Drittel sei in Kursen und Seminaren halbwegs belehrbar. Der Rest ist so, wie er veranlagt ist. Hierarchisch autoritär, egomanisch und selbstverliebt, in Rollen und Statussymbolen verhaftet, von hoher fachlicher, aber schwacher sozialer Kompetenz. Kirchner: „Es ist schwer, einen Manager auf ein anderes Gleis zu setzen.“

Der Referent, der Philosophie, Katholische Theologie und Klassische Philosophie studiert hat und in Ettenbeuren ein eigenes Seminarhaus betreibt, machte dabei deutlich, dass Führung, Entscheidungen und Kontrolle in einem Unternehmen unabdingbar seien, um dessen Fortbestand zu sichern. Die Frage sei aber, wie das umgesetzt wird.

Kirchner zitierte dazu den Philosophen Romano Guardini: „Wer einen Menschen führen will, möge ihn zuerst einmal respektieren.“ Das Fundament von Führung sei Vertrauen, betonte Kirchner. Und die Fähigkeit zur Verantwortung, zur kritischen Selbstreflexion („Deshalb sind Gewerkschaften und Betriebsräte so wichtig“), zur Öffnung für die Probleme der Mitarbeiter, zur Gesprächsbereitschaft und zur Glaubwürdigkeit. Der Chef, so Kirchner, muss durch gutes Beispiel motivieren können. Oder, wie Kirchenlehrer Augustinus sagte: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“

Ängste haben nicht nur Beschäftigte. Sie treiben auch Vorgesetzte um. Versagensangst, Angst vor Zuwendungsentzug und Angst vor Konflikten nannte Kirchner als häufigste Problemfelder von Führungskräften. Deshalb sei es wichtig, dass auch der Chef mal Ängste und Schwächen zugibt. Allzu viele seien dazu kaum in der Lage. Denn Schwäche schadet vermeintlich „der hierarchisch verliehenen Autorität“. Dabei wäre eine „natürliche Autorität“ sehr viel hilfreicher.

Nicht nur Mitarbeiter leiden, auch Vorgesetzte. Viele Führungskräfte definierten sich allein über den Beruf. Andere Lebensbereiche seien verkümmert. Kirchner: „Viele Führende haben Probleme, den Sinn ihres Lebens zu erklären.“ Doch es bestehe Hoffnung. Jüngere seien bereit, sehr viel mehr an ihrer sozialen Kompetenz zu arbeiten als ihre Väter und Großväter.

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