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Landkreis Günzburg

14.08.2018

Auch im Kreis Günzburg „fehlen die Zivis immer noch“

Helfende Hände: Doch vor sieben Jahren endete der Zivildienst. Jetzt wird erneut über die Thematik debattiert (Symbolbild).
Bild: Roland Furthmair

Vor sieben Jahren endete der Zivildienst. Die Idee eines neuen Dienstjahres könnte ein Neuanfang sein. Wie Träger sozialer Einrichtungen das einschätzen.

„Eigentlich bin ich gelernter Elektriker“, sagt Richard Snehotta lächelnd. Seit fast 28 Jahren führt er das Pflegeteam Snehotta in Krumbach. Es war seine Zeit als Zivi, die ihm den Weg in die Altenpflege wies. Vor sieben Jahren wurde dieser Dienst zusammen mit der Wehrpflicht abgeschafft. In der Union wurde zuletzt der Wunsch nach der Einführung eines allgemeinen Dienstjahres immer größer. Es ist die Idee eines verpflichtenden Dienstes junger Leute in Bundeswehr oder zivilen Einrichtungen. Was das Ende des Zivildienstes bedeutet, kann Snehotta gut erklären. Bis dahin zählten Essen auf Rädern ausfahren oder die Personenbeförderung zu den Aufgaben der Zivis.

„Die Zivis haben gelernt, Verantwortung zu übernehmen bei einer Arbeit, die ihnen Spaß gemacht hat.“ Sie lernten, was es heißt, pünktlich Senioren zu Hause abzuholen oder ihnen das Essen zu bringen. „Meistens war es der einzige Kontakt, den die alten Menschen an diesem Tag hatten.“ An Tagen, an denen sie zu spät zur Arbeit kamen, haben sie gemerkt, was hinter ihren Aufgaben steht: Angehörige. „Angehörige, die zur spät zur Arbeit kommen, weil sie auf den Abholservice warten“, betont Snehotta. „Die Zivis waren ein Teil unseres Teams.“

Es wurden immer weniger Freiwillige

Wie funktioniert der Alltag ohne sie? „Nach dem Ende des Zivildienstes hatten wir eine gute Übergangszeit“, sagt Snehotta. Durch den Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) konnten die Aufgaben der Zivis relativ gut abdeckt werden. „Doch dann wurden es immer weniger, die sich freiwillig engagierten, bis wir am Ende niemanden mehr hatten und die Stellen mit festem Personal besetzten mussten.“ Der Bundesfreiwilligendienst wurde zwar als Ersatz des Zivildiensts eingeführt. Doch im Gegensatz zum verpflichtenden Zivildienst sei er eine unsichere Sache. Während sich die Zivis lange im Voraus bei den sozialen Einrichtungen für ein Jahr Arbeit beworben hätten, „saßen wir mit den Bufdis tagtäglich auf Kohlen“, sagt Snehotta. „Wir wussten nicht, wie lange sie bleiben oder ob sie am nächsten Tag überhaupt noch kommen.“

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Die Idee eines allgemeinen Dienstjahres befürwortet er. „Aber es ist mit Vorsicht zu genießen“, betont er. Das allgemeine Dienstjahr sollte ein Geschenk sein, sowohl für die jungen Leute als auch für die Pflegeteams. „Die Jugendlichen sollen selbst entscheiden dürfen, in welches Tätigkeitsfeld sie hineinschnuppern, und nicht das Gefühl haben, ihnen werde etwas Unliebsames aufgedrückt.“ Auch dürfte dieses Jahr nicht mit dem Pflegenotstand in Verbindung gebracht werden oder gar gedacht werden, dass sich dieses Problem mit dem Einsatz junger Menschen auflöse. Für die Ausgestaltung des allgemeinen Dienstjahres hat Snehotta bereits Vorstellungen: „Schön wäre es, wenn die Jugendlichen europaweit einsetzbar wären“, sagt er.

Die Zivis fehlen in allen Einrichtungen

Eine allgemeine Dienstpflicht für Jugendliche nach der Ausbildung hält auch Matthias Kiermasz, Kreisvorsitzender des Bayrischen Roten Kreuzes (BRK), für sinnvoll. Die Zivis fehlen nach wie vor in allen sozialen Einrichtung. Beim Zivildienst ginge es, so Kiermasz, allerdings nicht nur um die Unterstützung von Altenheimen oder Krankenhäusern, sondern immer auch darum, jungen Leuten den Berufsweg zu weisen und sie für soziale Berufe zu gewinnen.

„Nach dem Abitur sind die meisten Jugendlichen noch relativ jung und wissen oftmals gar nicht, wo sie ihr Berufsweg hinführt. Eine Orientierungsphase im sozialen Bereich wäre ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft“, sagt der BRK–Leiter. In dieser Zeit könnte der Nachwuchs sehen, wie wichtig soziale Dienste sind und wie viel die Hilfe für andere Menschen einem selbst gebe. In der heutigen Zeit würden Jugendliche, laut Kiermasz, bestens durch den Staat gefördert werden. „Wenn junge Menschen dann bei sozialen Projekten ihren Beitrag leisten, können sie auch etwas zurückgeben.“

Sie leisteten eine enorm wichtige Arbeit

Bis zum Jahr 2011 gab es bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) drei Zivildienstplanstellen. „Zwei davon waren ständig besetzt“, sagt Kreisvorsitzender Alfons Schier. Essen auf Rädern ausfahren oder den Senioren ihre Einkäufe abnehmen, zählten, so Schier, zu den Aufgaben der Zivis. „Im Grunde waren sie Botendienste für ältere Menschen.“ Die Zivis hätten den Senioren alltägliche Aufgaben abgenommen und damit eine Arbeit geleistet, die enorm wichtig war. Für die Awo war das Ende des Zivildienstes eine schwierige Zeit. „Es war eine mühselige Suche nach Personal mit nur mäßigem Schwung.“ Durch ehrenamtliche Mitglieder versuchte die Awo, die Aufgaben der Zivis irgendwie abzudecken.

Doch der zu übernehmende Dienst war freiwillig: „Manchmal dauerte eine Zusage bis zu einem Monat.“ Die Einführung eines allgemeinen Dienstjahres wäre hilfreich, „solange er ähnlich organisiert ist, wie der Zivildienst. Mit strengen Vorgaben und Regeln.“ Das Aufgabengebiet eines allgemeinen Dienstjahres sei vielseitig. „Man kann als Hilfspfleger in Altenheimen oder Krankenhäusern eingesetzt werden.“ Wichtig sei allerdings, dass den jungen Leuten klare Aufgaben zugewiesen würden. Was aus der Idee eines allgemeinen Dienstjahres wird, ist für Schier ungewiss. „Morgen können die Ideen der Politik schon wieder ganz anders aussehen.“

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