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Landkreis Günzburg

29.06.2019

Auf den Spuren des bedeutendsten Bildhauers des Landkreises

Buch Christoph Rodt
2 Bilder
Ein bedeutendes Werk von Christoph Rodt: Die Kreuzabnahmegruppe, die in der Pfarrkirche in Neuburg an der Kammel zu sehen ist.
Bild: Josef Seitz

Christoph Rodt (1578-1634) hat mit seinen sakralen Werken vor allem in der Umgebung gewirkt. Georg Hartmetz spürt in einem Buch dem Künstler nach.

Herr Hartmetz, aus Ihrer Dissertation ist ein opulentes Buch über den Bildhauer Christoph Rodt entstanden, der im 16. und 17. Jahrhundert im heutigen Landkreis Günzburg gelebt und gewirkt hat. Neun Jahre lang haben Sie sich intensiv mit Rodt beschäftigt. Was war er für ein Mensch?

Georg Hartmetz: Ein bodenständiger, offenbar sehr heimatverbundener Mensch mit einem starken Gerechtigkeitssinn. Neben dem Schnitzen und dem Herstellen von Kunstwerken hatte er noch einige andere Aufgaben zu erfüllen. Das Leben als qualitätsvoller Künstler war ja kein einfaches. Der Mensch hinter den Werken war einer, wie man aus Quellen herauslesen kann, der sozial eingestellt war. Über Jahre hinweg war er in Neuburg an der Kammel, wo er eine Werkstatt hatte, ehrenamtlich Armenpfleger. Heute würde man dazu vielleicht Sozialarbeiter sagen. Oft wird er als Zeuge bei Verbriefungen, also Schuldverschreibungen, von der Gemeinde genannt. Und auch den Ausgang von gerichtlichen Verfahren bezeugt Rodt. Daraus lässt sich schließen, dass er einen ganz guten Leumund gehabt hat.

Gibt es noch ein anderes Beispiel für sein soziales Verhalten?

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Hartmetz: Ja. Er hatte mit seiner Frau drei Töchter. Und dann hatte er noch einen Adoptivsohn. Den nimmt man auch nicht so einfach auf, wenn man nicht eine gewisse soziale Ader hat. Das hat er zu einem Zeitpunkt getan, an dem er selbst noch hoffen konnte, Vater eines Sohnes zu werden. Der Adoptivsohn ist später auch Schnitzer und Bildhauer geworden. Auch das könnte ein Beweggrund für die Aufnahme gewesen sein.

Was war noch charakteristisch an der Person Rodts?

Hartmetz: Dass Christoph Rodt notorischen Geldmangel hatte. Oft bezahlte er mit Schuldscheinen. Später wurde daraus geschlossen, dass er mit Geld nicht umgehen konnte. Diese Interpretation geht mir zu weit. Denn in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges waren Schuldscheine als Zahlungsmittel üblich. Es wurde auch mit Schuldscheinen gehandelt. Weiterverkauft wurden sie oft mit einem finanziellen Abzug, weil der neue Besitzer ja das Risiko getragen hat, das Geld unter Umständen gar nicht mehr eintreiben zu können.

Ausdrucksstarke Holzbildhauerkunst von Christoph Rodt, die im Landkreis Günzburg zu sehen ist: hier die Muttergottes in St. Pankratius in Oberrohr (um 1620).
Bild: Josef Seitz

Also kein Künstler, der finanziell betrachtet in den Tag hinein lebte.

Hartmetz: Keineswegs. Er hatte ja eine Familie zu ernähren. Und deswegen hatte er, wie sein Vater Hans, ein gewisses Sicherheitsbedürfnis. Von Neuburg zog er später – auch wie sein Vater – nach Kötz um. Er bemühte sich, als Hans Rodt noch lange im Amt war, bereits um seine Nachfolge als Zöllner in Großkötz. Den Beruf hatte der Vater neben seiner Tätigkeit als Kunstschreiner und Gastwirt ausgeübt, Er kassierte für die Markgrafschaft Burgau und damit für die Habsburger Wegezoll und hat dafür ein sicheres Einkommen erhalten. Als Bildhauer, der Christoph Rodt war, ist ja nicht ständig Geld geflossen. Man musste erst was abliefern, hat Wochen und Monate in ein Werk gesteckt. Und nicht immer gab es Abschlagszahlungen so wie von Herzog Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg für den Altar von Gundelfingen.

Der Altar ist nicht mehr erhalten.

Hartmetz: Nein, nur einzelne Figuren. Und die schauen recht robust, fast grobschlächtig aus, weshalb dieses Werk Rodts gerne verschwiegen worden ist. Um ein profundes Urteil abgeben zu können, müsste man aber ein Gesamtbild sehen, in das die Heiligenfiguren eingebettet waren. Aus Details einen Gesamteindruck ableiten zu wollen, ist problematisch. Der Auftraggeber war jedenfalls zufrieden und entlohnte den Künstler höher, als vereinbart worden war.

Wer waren hauptsächlich die Auftraggeber?

Hartmetz: Klöster zu großen Teilen und regionale Herrscher. Deren Zahlungsmoral war nicht immer die beste. Und dann kam noch eine Schwierigkeit hinzu: Durch die starke Inflation in dieser Zeit konnte es leicht geschehen, dass die ursprünglich abgemachte Summe nach der Fertigstellung des Werkes weit weniger wert war.

Welche Figuren hat Christoph Rodt am häufigsten geschnitzt?

Hartmetz: Es gibt sechs erhaltene Madonnen und zehn erhaltene Kruzifixe. Man kann also davon ausgehen, dass der Jesus am Kreuz das beliebteste Motiv war. In den Kirchen gab es Altarkreuze, Vortragekreuze bei Prozessionen und manchmal überlebensgroße Triumphkreuze am Chorbogen – also dem Übergang von Langschiff in den Altarbereich einer Kirche. Der Bedarf an Kruzifixen war einfach groß damals. Die Altarproduktion aber war durch Folgen der Reformation und die Wirren des Dreißigjährigen Krieges rapide zurückgegangen.

Was ist typisch für Rodts Kunst?

Hartmetz: Als Allererstes fallen die Falten auf. Jede Skulptur hat ja Kleidung – auch Jesus mit seinem Lendentuch. Rodts Faltengebung ist besonders ausgeprägt. Es sind scharfkantige, harte Falten, nicht so weich und fließend. Auch physiognomische Besonderheiten im Gesicht sind ganz charakteristische Merkmale. Er zeigt bei Männern oft mürrische Gesichter, die auf Höhe der Augenbrauen und Nasenwurzel eine augenfällig verwölbte Linie aufweisen. In diesem Bereich hat er seine Figuren sehr bewegt dargestellt.

Welche Holzart hat Christoph Rodt verwendet?

Hartmetz: Die Kunstwerke, die vom Landesamt für Denkmalpflege explizit untersucht worden sind, bestehen ausschließlich aus Lindenholz.

Georg Hartmetz.
Bild: Konrad Verlag

Wie ist Christoph Rodts Bedeutung einzuschätzen?

Hartmetz: Er hat seine Aufträge zwar in relativ engem Umkreis ausgeführt. Aber zwischen 1620 und 1630, als die bedeutenden Bildhauer aus Weilheim mangels Aufträgen ihren Betrieb beinahe einstellen mussten, hatte Christoph Rodt in Mittelschwaben alle Hände voll zu tun. Auch hat er andere Holzbildhauer seiner Zeit beeinflusst. Einer seiner Schüler ging später nach Tirol zurück. In Meran gibt es Heiligenfiguren im Rodtschen Stil. Und wer sich den Altar Virgil Molls in Haigerloch in der Nähe von Tübingen ansieht, erkennt die Ähnlichkeit zum Illertisser Altar, einem Frühwerk Rodts. Das ist übrigens noch der einzige erhaltene Altar des Künstlers. Er wurde 1604 aufgestellt, der in Haigerloch 1609. Die zeitliche Abfolge macht deutlich, wer wen beeinflusst hat. Leider geriet der Name dieses Meisters in den beiden Jahrhunderten danach völlig in Vergessenheit. Erst im 20. Jahrhundert wurde Christoph Rodt wiederentdeckt.

Dem breiten Publikum also wenig bekannt, in Fachkreisen aber sehr wohl. Welche Schnitzkunst Rodts ist im Landkreis Günzburg zu sehen?

Hartmetz: Da ist das Heimatmuseum Günzburg zu nennen mit den vier wahrscheinlich aus Wettenhausen stammenden Großfiguren. Die sind so eindrucksvoll, weil sie so kraftvoll daherkommen. Bei Niederraunau ist die dominierende Ecce-Homo-Figur in der gleichnamigen Wallfahrtskapelle erwähnenswert; außerdem die Madonna von Hirschfelden an der kleinen Kapelle auf dem Weg nach Krumbach. Und natürlich darf die wunderbare Kreuzabnahmegruppe nicht vergessen werden, die in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Neuburg an der Kammel ihre Heimat hat. Die Pfarrkirche in Mindelaltheim schließlich war in den Jahren meiner Beschäftigung mit Rodt eine der größten Freuden für mich, weil bis vor Kurzem nicht bekannt war, dass die Christusfigur dort aus seiner Hand stammt – und die beiden Schächer (die gekreuzigten Mitverbrecher, Anm. d. Red.) vermutlich aus seiner Werkstatt stammen. Über Stilvergleiche war diese Neuzuschreibung möglich.

Autor Georg Hartmetz, 55, lebt östlich von München. Er hat Kunstgeschichte an der Münchner LMU studiert. Zuvor ließ er sich zum Holzbildhauer in Garmisch-Partenkirchen und Restaurator in München ausbilden.

Buch „Christoph Rodt. Bildhauer zwischen Renaissance und Barock“ ist im Konrad Verlag, Weißenhorn erschienen. Hardcover, 324 Seiten, mit 179 Abbildungen. ISBN 978-3-87437-586-3. Preis 49,80 Euro.

Termin Das Buch wird am Samstag, 29. Juni, um 19 Uhr im Schloss Edelstetten (Chinesischer Saal) vorgestellt. Autor und Verleger sind anwesend. Eintritt frei.

Anmerkung Ein Leser weist darauf hin, dass das Kruzifix von Christoph Rodt und die Schächer nicht in der Pfarrkirche von Mindelaltheim, sondern in der ehemaligen Wallfahrtskirche Heilig Kreuz stehen.

Ausdrucksstarke Holzbildhauerkunst von Christoph Rodt, die im Landkreis Günzburg zu sehen ist: Hier der Ecce-Homo-Christus in der gleichnamigen Kapelle bei Niederraunau (1625).
Bild: Josef Seitz
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