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Ichenhausen

13.11.2018

Aufstehen statt wegschauen

In einer bewegenden Rede erinnerte Rudolf Köppler an den Beginn der Judenverfolgung in der Reichspogromnacht vor 80 Jahren.
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In einer bewegenden Rede erinnerte Rudolf Köppler an den Beginn der Judenverfolgung in der Reichspogromnacht vor 80 Jahren.
Bild: Greta Kaiser

In Erinnerung an die Reichspogromnacht hält Rudolf Köppler eine emotionale Rede in Ichenhausen.

Das Erwachen kam zu spät. Aus einem Schneeball war längst eine unaufhaltsame Lawine geworden, wie der Schriftsteller Erich Kästner einmal schrieb. „Wehret den neuen Anfängen“, forderte deshalb Rudolf Köppler in einer emotionalen und aufrüttelnden Rede. Der frühere Günzburger Oberbürgermeister sprach bei einer Gedenkfeier in der ehemaligen Synagoge in Ichenhausen – in Erinnerung an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren. Sie war der Beginn der millionenfachen Verfolgung und Ermordung europäischer Juden.

Auch heute würden wieder Antisemitismus und Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und der Hass auf Andersdenkende mehr oder minder offen propagiert. Dagegen gelte es aufzustehen, betonte Köppler. Und das rechtzeitig. „Wir wollen an das Unrecht erinnern“, erklärte Jürgen Pommer, der Dekan des evangelischen Dekanats Neu-Ulm/ Günzburg.

Mehr als 1400 Synagogen wurden angezündet

Am 9. November 1938 waren mehr als 1400 Synagogen, Gebetsstuben und andere Einrichtungen jüdischer Gemeinden in Deutschland angezündet worden. Jüdische Friedhöfe, Geschäfte und Wohnungen waren verwüstet worden. Rund um diese Reichspogromnacht waren etwa 400 Menschen getötet, rund 30000 verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt worden.

Die Volkswut habe sich spontan Bahn gebrochen, hatte die Nazi-Propaganda verkündet. Der nicht selten hasserfüllte Wutbürger heutiger Tage erinnert in fataler Weise an diese bewusst inszenierte und organisierte Lüge vor 80 Jahren. Rudolf Köppler appellierte deshalb in seiner Rede an die Zivilgesellschaft, rechtsradikalen, rassistischen, antisemitischen und antidemokratischen Tendenzen Einhalt zu gebieten. Allzu lange hätten die demokratischen Kräfte in der Weimarer Republik dem Treiben der Nationalsozialisten zugeschaut, auch Vertreter der Kirchen, wie Dekan Pommer in einem Gebet ausführte, hätten weggeschaut, statt aufzustehen.

Der Vater von Rudolf Köppler gehörte zu den Opfern

Köpplers Rede war mehr als eine Erinnerung an Gewalt und Tyrannei, an Willkür und Rassenwahn, an die Ermordung von Millionen von Menschen aus religiösen oder politischen Gründen. Der Vater des Alt-OB war Ende April 1945, also wenige Tage vor Kriegsende, standrechtlich erschossen worden. „Er gehörte zu den Opfern“, erklärte Köppler bewegt. Aus dem Volk der Dichter und Denker war ein Volk der Richter und Henker geworden.

Die Wunde des vielfachen Unrechts könne und dürfe sich nicht schließen, sagte Köppler weiter. Und die „Tendenz zum Wegschauen“ dürfe sich nicht wiederholen. Viele Aufrechte hätten während des Dritten Reiches ihre jüdischen Freunde und Nachbarn versteckt und so vor dem sicheren Tod bewahrt. Das habe höchsten Mut erfordert. Heute sei es vergleichsweise leicht, sich schützend vor Minderheiten zu stellen. „Es braucht nur ein bisschen Zivilcourage.“ Das aber zwingend. Bevor es neuerlich zu spät sei.

Mitmenschlichkeit und Ausgrenzung gleichermaßen erfahren

Veranstaltet wurde die Gedenkstunde von der Arbeitsgemeinschaft „Gegen das Vergessen“ – ein Bündnis von DGB, der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung, dem evangelischen Dekanat und der Gesellschaft für christliche-jüdische Zusammenarbeit. Musikalisch umrahmt wurde der Abend in der nahezu voll besetzten Synagoge vom Saxophon-Quartett Sax4 aus Obergünzburg.

Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse des Kollegs der Schulbrüder in Illertissen lasen zusammen mit ihrem Schulpfarrer Marcus Reichel Passagen aus dem Buch „Die lange Reise des Jakob Stern“ von Rainer M. Schröder. Auf seiner Flucht aus Nazi-Deutschland gelangte der junge Jakob über Holland und England nach Australien – er erfuhr im Ausland Mitmenschlichkeit, Ausgrenzung und Antisemitismus gleichermaßen.

Der Abend stand unter einem Zitat von Max Mannheimer, einem Überlebenden des Holocaust. „Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.“

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