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Interview

26.01.2019

Autor Thomashoff: „Am wichtigsten ist Ehrlichkeit“

Eltern müssen sich mit ihren eigenen Gefühlen auskennen, um ehrlich erziehen zu können. Das sagt der österreichische Mediziner und Buchautor Hans-Otto Thomashoff.
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Eltern müssen sich mit ihren eigenen Gefühlen auskennen, um ehrlich erziehen zu können. Das sagt der österreichische Mediziner und Buchautor Hans-Otto Thomashoff.
Bild: Frank Leonhardt/dpa

Der österreichische Psychiater erklärt, warum in der Erziehung Eltern die besten Vorbilder  für ihre Kinder sind.

Hans-Otto Thomashoff, Sie sind Buchautor, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse und als solcher gefragter Ansprechpartner für Eltern. Worum geht es dabei am häufigsten?

Thomashoff: Mir fällt auf, dass viel Ratlosigkeit vorhanden ist – und auch viel aufgestauter Frust. Viele Eltern glauben, ihren Kindern alles recht machen zu müssen. Dabei wäre es wichtiger, ihnen vorzuleben, wie es richtig geht: Wenn mich etwas ärgert, muss ich das auch sagen.

Bücher über Erziehung wie das Ihre, aber auch Seminare für Eltern haben Hochkonjunktur. Da scheint viel Beratungsbedarf vorhanden zu sein. Was ist da los?

Thomashoff: Verunsicherung ist dabei das Wesentliche. Normalerweise machen wir das, was unsere Eltern in der Erziehung vorgegeben haben. Wenn ich dabei auf mein Gefühl höre, klappt es auch meistens. Aber es wird viel von außen vorgegeben – wenn wir uns darauf stützen und nicht auf die eigene Intuition, sind wir nicht mehr wir selbst. Muss ich mir erst externen Rat einholen, bin ich nicht mehr ehrlich zu mir selbst. Der Großteil unserer Kommunikation läuft unbewusst ab, über unsere Spiegelneuronen. Handle ich gegen mein Gefühl, kommt das beim Kind unehrlich an. Darum ist es wichtig, sich mit den eigenen Gefühlen auszukennen. Der Blick der Eltern auf sich selbst muss ehrlich sein.

Mütter und Väter wollen es oft bewusst ganz anders machen, wie sie es selbst als Kinder erlebt haben. Ein Fehler?

Thomashoff: Wenn es bei den Eltern schlecht war, muss man es natürlich anders machen – dabei aber wie gesagt ehrlich zu sich selbst bleiben. Wer einen cholerischen Vater hatte, sollte nicht mit Gewalt die eigene Wut unterdrücken, sondern vorleben, wie man konstruktiv mit ihr umgeht. Beim Kind kommt sonst diese Unehrlichkeit an und es kennt sich einfach nicht mehr aus. Es wird im Gegenzug so lange austesten und provozieren, bis es doch ein wütendes Gefühl erzeugt.

Bei der alltäglichen Erziehung mischen neben den Eltern oft auch die Großeltern mit. Und da gehen die Meinungen, was richtig und was falsch ist, oftmals auseinander. Was raten Sie Familien, wie man damit umgehen soll?

Thomashoff: Solche Konflikte sollte man keinesfalls vor dem Kind austragen, sondern im Gespräch zwischen Eltern und Großeltern. Das gilt übrigens auch, wenn sich Mutter und Vater nicht über die Erziehung einig sind. Auch darüber muss man gemeinsam, aber nicht vor dem Kind sprechen. Sonst läuft man Gefahr, dass das Kind die Eltern gegeneinander ausspielt.

Der Titel ihres Buches ist ja ziemlich witzig gewählt: „Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden“. Welche Rolle spielt für Sie Humor bei der Erziehung?

Thomashoff: Wenn Sie selbst ein humorvoller Mensch sind, dann gehört der Humor auch bei der Erziehung mit dazu. Es ist wichtig, die Dinge nicht zu verbissen zu sehen. Das gilt zum Beispiel auch, wenn Konflikte auftauchen, die sich nicht gleich lösen lassen. Das müssen sie auch nicht. Einfach mal eine Nacht drüber schlafen, vielleicht finden wir morgen eine Lösung. Das nimmt der Situation den Druck. Wir erleben, dass in unserer Gesellschaft der Stress und der Druck zunimmt. Das sollten wir zumindest in den eigenen vier Wänden nicht zulassen.

Oft ist der Stress ja eigentlich gut gemeint. Musikunterricht, Tanzstunden, Sportraining, Sprachschule – Kinder haben heute ein umfangreiches Programm, das ihre Talente und Fähigkeiten fördern soll. In Ihrem Buch beschreiben Sie unter anderem, was dabei schief gehen kann...

Thomashoff: Vieles, was gut gemeint ist, ist nicht gut für die Kinder. Gerade ein junges Gehirn braucht Regenerationsphasen, Zeit zum Entspannen, in der sich die eigene Kreativität entwickeln kann. Deshalb brauchen die Kinder weniger Programm, dafür mehr Raum und qualitatives Miteinander in der Familie. „Du bist in Ordnung, wie Du bist“, ist dabei eine wichtige Botschaft, die vermittelt wird.

Manchmal vergeht einem als Vater oder Mutter aber der Humor. Sie kennen solche Sätze sicher: „Blöde Mama, hau ab!“ von der Vierjährigen, „Du bist voll peinlich, Papa“, vom Zwölfjährigen. Wenn sich die eigenen Kinder tatsächlich wie die „kleinen Ärsche“ aufführen, wissen viele Eltern nicht, wie sie reagieren sollen. Haben Sie einen Tipp?

Thomashoff: Auch hier gilt es, ehrlich zu sein und das eigene Gefühl anzusprechen: So lasse ich nicht mit mir reden, das ist nicht in Ordnung. Wie kommst du dazu, dass du das sagst? Überleg mal, wie du dich fühlen würdest, wenn ich das zu dir sage. – Kinder wollen ein Vorbild haben für ihr Verhalten. Dazu gehört, dass man ihnen gegenüber seine eigene Meinung vertritt und keine Scheu hat, sie zu äußern.

Gibt es für Sie eine Grundregel, an die Eltern sich im Zweifelsfall immer halten können?

Thomashoff: Es gibt zwei: Zuerst, bis zum Alter von anderthalb, zwei Jahren, sollen Kinder eine starke Bindung erfahren, die für den Säugling verlässlich abrufbar ist. Dieses Urvertrauen ist nicht mit Gold aufzuwiegen. Danach gilt es besonders, immer ehrlich zu sein, auch sich selbst gegenüber, und damit ein ehrliches Vorbild zu schaffen. Auch eine gute Partnerschaft muss man vorleben. Man liefert sonst seinen Kindern ein unbrauchbares Beispiel, weil man ihnen vorlebt ihnen dabei vermittelt: Wenn man Kinder hat, ist das Dauerstress. Dann ist es kein Wunder, wenn die Kinder selbst als Erwachsene sagen: Kinder möchte ich auf gar keinen Fall haben.

Über den Erziehungsexperten

Dr. Dr. Hans-Otto Thomashoff ist Autor zahlreicher Sachbücher, 2018 erschien „Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden – Warum Eltern die besten Vorbilder sind“ (Kösel-Verlag, ISBN 978-3-466-31093-7). Eine Lesung des Autors aus dem Buch mit Diskussion eröffnet am 8. März (19.30 Uhr) in der Kapuziner-Halle Burgau die Veranstaltungsreihe „Familie in Fahrt“ der Koordinierenden Kinderschutzstelle und der Familienstützpunkte im Landkreis Günzburg. Auf dem Familienportal des Landkreises gibt es Informationen dazu.

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