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Landkreis Günzburg

22.12.2020

Bauchweh und wunde Füße an Weihnachten in Nigeria

Der aus Nigeria stammende Paul Agbih vermischt an Weihnachten die nigerianische und schwäbische Feierkultur. Früher gab es traditionell Maniokwurzeln (in der linken Hand) und Essbananen zusammen mit Fleisch.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Paul Agbih, der heute in Waldkirch lebt, erinnert sich an das riesige Familienfest zurück, das er als Kind im afrikanischen Nigeria erlebt hat.

Weihnachten wird fast überall auf der Welt gefeiert und doch jedes Mal anders. Wie begehen Menschen in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten die Weihnachtszeit? Unsere Zeitung ist der Frage nachgegangen und lässt in einer kleinen Serie Menschen aus dem Landkreis zu Wort kommen, die über die Gepflogenheiten in ihrem Heimatland berichten.

Weihnachten in Paul Agbihs Heimatland Nigeria hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert. Es war nicht schon nach drei Tagen zu Ende wie in Deutschland, sieben Tage lang am Stück wurde gefeiert, es ein war ein „großes Fest, ein sehr großes“ bis zum 1. Januar. „Es ging immer weiter“, erinnert sich der 63-Jährige, der inzwischen in Waldkirch lebt, an seine Kindheit im Niger-Delta zurück. Das Besondere an diesem afrikanischen Weihnachten: Eine riesige Familie kam zusammen und es gab so viel zu essen, dass der kleine Paul und die anderen Kinder am Ende oft Bauchweh hatten.

Weihnachten damals, weiß Paul Agbih noch genau, war ein gewaltiges Familientreffen. Ob andere in Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, genauso feierten, kann Paul Agbih nicht sagen. Er spreche nur für sich, schließlich gebe es 350 verschiedene Volksgruppen mit den unterschiedlichsten Sprachen. In seiner Familie sei es Tradition gewesen, am 26. Dezember nach Enwhe zu kommen, in den 3500-Einwohner-Ort, in dem er selbst geboren wurde. Vier bis fünf Generationen seien dann aufeinander getroffen.

Weihnachten in Nigeria mit viel Gesang und Tanz

Wie viele Personen genau, kann Paul nicht sagen. Seine Familie sei auf jeden Fall eine der größten im Dorf gewesen, er selbst hatte allein acht Geschwister, war der Jüngste in der langen Reihe. „Das ist unzählbar, wie viele Leute an Weihnachten da waren“, wirft seine Frau Sylvia ein, die als gebürtige Deutsche auch schon eine solche Feier erlebt hat. Auf jeden Fall seien diese letzten Tage vor dem Jahreswechsel die einzige Möglichkeit gewesen, alle zu treffen, „das war immer sehr schön“, sagt Paul. „Es war fröhlich und lebendig, mit viel Gesang und Tanz.“

Etwa eine Woche vor Weihnachten wurde dekoriert und wurden Palmblätter geflochten zu langen Bögen, die über die Türen gehängt wurden. Am Heiligen Abend selbst stand Kochen und Vorbereiten für den Hauptfeiertag am 25. Dezember auf dem Plan. Denn während am 24. Dezember die „Nachtwache“, das Warten auf die Geburt Jesu, im Vordergrund stand, begann ein Tag später das große, besonders opulente Essen. Pauls Mutter habe dafür Hähne und/oder Ziegen geschlachtet. Das Fleisch wanderte in die „Peppersoup“ und in „Ukodo“, eine Art Eintopf mit ganz vielen Gewürzen. Dazu gab es Yamswurzeln, die an Kartoffeln erinnern, aber viel größer sind. Auch Kochbananen und Reis standen auf der Menüliste.

An Weihnachten wurde das Essen in besonders schöne Schüsseln gefüllt

Das Gekochte wurde in besonders schöne Schüsseln gefüllt, die immer nur an Festtagen zum Einsatz kamen. Zugedeckt wurden sie dann auf Tablets gestellt und anschließend von den Kindern von Haus zu Haus getragen – auf dem Kopf. „Wir waren immer vorsichtig, es ist nichts zu Bruch gegangen“, betont Paul Agbih. Wenn sie die Köstlichkeiten verteilten, bekamen sie meistens als Belohnung Geld.

Mehrere Kilometer seien sie dabei abgelaufen, die Füße hätten so weh getan, dass Paul und die anderen ihre neuen Schuhe auszogen, die sie an Weihnachten zusammen mit festlicher Kleidung geschenkt bekommen hatten. „Wir waren es nicht gewohnt, Schuhe zu tragen“, erzählt Paul. Und sie waren es auch nicht gewohnt, so viel zu essen. Denn serviert wurde nicht nur das eigene Gekochte, auch sämtliche Nachbarn brachten noch Essen vorbei.

Vor 20 Jahren von Lagos in Nigeria nach Waldkirch gezogen

Nigerianisch gekocht wird an Weihnachten bei den Agbihs auch heute noch. Aber seit das Paar, das sich auf einem Kongress in der Schweiz kennengelernt und 1994 geheiratet hatte, vor 20 Jahren von Nigeria nach Waldkirch gezogen ist, wird „sehr viel ruhiger, deutsch und besinnlich“ gefeiert, wie es Pauls Frau Sylvia zusammenfasst – mit Adventskranz und Tannenbaum. Er habe sich „seelisch“ darauf vorbereitet und kein Problem gehabt, schließlich habe er schon in 36 verschiedenen Ländern gearbeitet und sich stets umgestellt. Heuer coronabedingt aber keine Freunde einladen zu können, falle schon schwer. Das sei dann doch zu ruhig.

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